«Wären wir einen Tag früher dran gewesen, hätte es uns erwischt»

- Eine Gruppe von 13 Schweizerinnen und Schweizern war im Himalaya unterwegs, als die Sturzflut das Grenzgebiet zu Nepal traf.
- Die Gruppe hatte Glück: Wäre sie einen Tag früher gereist, wäre sie mitten in der Katastrophenzone gewesen.
- Die Reisenden umgingen das Gebiet über den Grenzübergang Nyalam und gehörten zu den ersten Touristen, die diesen passieren konnten.
- Die abenteuerliche Fahrt bis Kathmandu hatte 24 Stunden gedauert.
- Unterdessen sind sie wohlbehalten zurück in der Schweiz.
«Ich glaube, uns ist noch nicht ganz bewusst, wie knapp wir an dieser Katastrophe vorbeigeschrammt sind», sagt Eshter Wyss. Die 75-jährige aus dem Kanton St. Gallen reiste in einer Gruppe von insgesamt 13 Schweizerinnen und Schweizern durch den Himalaya, als es im Grenzgebiet zu Nepal zur Katastophe kam. Und beinahe wären sie mittendrin gewesen.
Die Gruppe war bereits im tibetanischen Grenzdorf Gyirong eingetroffen, das sich rund 15 Kilometer vor dem Grenzübergang befindet, der von den Sturzfluten brutal getroffen wurde. Es war geplant, nicht an diesem Tag, sondern erst am nächsten Morgen über die Grenze zu fahren. Auf ihrer Reise von Tibet nach Nepal war eine Übernachtung im chinesischen Gyirong vorgesehen. Im Dorf angekommen, berichtete ihnen jedoch ihr Tourguide von einem Ereignis auf der anderen Seite.
«Dachte, da kommt halt etwas Material herunter»
Jürg Kaufmann (63) aus dem Kanton Zürich war auch Teil der Reisegruppe, die den Trip seit letzten Herbst geplant hatte. «Unser Tourguide zeigte uns ein harmloses Video von einem Hochwasser ennet der Grenze auf der nepalesischen Seite. Wir dachten, da sei halt etwas Material heruntergekommen – wie es das in den Bergen manchmal gibt», erzählt er.
Ein zweites Video habe ihn die Dimension der Flut schon etwas deutlicher erahnen lassen. «Darauf war zu sehen, wie eine Strasse von den Wassermassen weggespühlt wurde. Ich dachte: ‹Mist, jetzt kommen wir tatsächlich nicht mehr rüber nach Nepal›. Aber wir haben noch immer nicht realisiert, wie schlimm es wirklich war.»
Weil in China zudem Informationen über die Katastrophe in den sozialen Medien rasch blockiert worden seien, hätten sie das ganze Ausmass erst durch Angehörige in der Schweiz und die Berichterstattung von 20 Minuten erkannt. «Leute aus der Schweiz sendeten uns den Link und dann sahen wir erstmals dieses eine bekannte Video vom Grenzübergang, der geflutet wird. Erst da wurde uns klar, welches Glück wir hatten, dass wir noch nicht dort waren.»
Schweizer Gruppe nimmt anderen Grenzübergang
Kaufmann: «Wären wir einen Tag früher dran gewesen, hätte es uns voll erwischt. Wir wären exakt um diese Zeit, als die Flut dort durch donnerte, in der Katastrophenzone gewesen», sagt Kaufmann.
Aufgrund der Überschwemmungen entschieden die Reiseführer, keine Nacht mehr in Gyirong zu verbringen. «Zudem hiess es bald, dass alle Touristen das Gebiet verlassen müssen», erklärt Wyss. Deshalb fuhr ihr Reisebus den Pass wieder hinunter. Unterwegs kamen ihnen zahlreiche Rettungsfahrzeuge entgegen. Ihr Bus fuhr stundenlang in strömendem Regen über schwierige Strassen bis zu einem anderen Grenzübergang in den Bergen zwischen Tibet und Nepal.
Auch der zweite Grenzübergang war beschädigt
Esther Wyss erzählt von der Weiterreise. «Wir haben nicht angehalten und nichts gegessen. Wir sind die ganze Nacht durchgefahren und trafen am nächsten Tag sehr früh an der Grenzstation Nyalam ein. Aber ein Bagger versperrte die Strasse. Er war mit Räumungsarbeiten beschäftigt, weil auch dort durch die Regenfälle ein Stück Strasse weggerissen worden ist. Der Bus kam an der neuen Grenze deshalb nicht weiter.»

Also mussten die 13 Schweizerinnen und Schweizer mit ihrem Gepäck über eine improvisierte Brücke. «Zu Fuss überquerten wir einen wackeligen, improvisierten Steg. Die Arbeiter und die Polizei halfen mit dem Gepäck. Ein Polizist trug meinen Koffer, sonst wäre ich nicht rüber gekommen.»
Hungrig und müde in Kathmandu eingetroffen
Auf der anderen Seite erwarteten Kleinbusse die Reisegruppe, so konnten sie aus Tibet aus- und in Nepal einreisen. Die Schweizer gehörten zu den ersten Touristen, die diesen alternativen Grenzübergang passieren konnten, als China ihn öffnete.
Esther Wyss erzählt weiter: «Auf einer abenteuerlichen Fahrt ging es mit 4x4-Fahrzeugen stundenlang in Richtung Kathmandu.» Dort trafen sie schliesslich nach einer rund 24-stündigen Reise hungrig und müde ein und blieben noch für ein paar Tage in der Hauptstadt.
Am Sonntagmorgen um 5 Uhr reiste die Gruppe zurück in die Schweiz. Kurz bevor sie abreisten, schilderten sie 20 Minuten vor Ort ihre Erlebnisse. Mit dem Bus ging es für die Schweizer anschliessend zum Tribhuvan International Airport, von wo aus die 13 Schweizerinnen und Schweizer nach Hause flogen. Mittlerweile sind sie sicher gelandet und wohlbehalten zurück bei ihren Liebsten.
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Hier findest du Hilfe:
Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Pro Senectute, Beratung älterer Menschen in schwierigen Lebenssituationen
Céline Trachsel (ct), arbeitet seit 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin im Ressort Zürich.
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