Einstieg ins Berufsleben – Wie Praktika die Ungleichheit verstärken können

Einstieg ins Berufsleben Wie Praktika die Ungleichheit verstärken können
Manche Praktika werden angemessen bezahlt, andere gar nicht. Kritiker sehen darin ein Problem für die Chancengleichheit.
30.08.2026, 08:00
In einer Pharmagruppe in Meyrin GE absolviert Thomas Villaman ein Praktikum in der medizinischen Kommunikation. Er verdient zwischen 2000 und 3000 Franken pro Monat und profitiert zusätzlich von kostenlosen Mahlzeiten sowie einem Fitnessangebot.
Zwei Praktika – zwei Welten (mit dt. Untertiteln):
«Ich habe einen Betreuer und ein eigenes Projekt. Am Ende werde ich für meinen Master einen Bericht verfassen», sagt er gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). Das Praktikum diene nicht dazu, eine feste Stelle zu ersetzen, sondern zusätzliche Unterstützung zu leisten.
Ganz anders erlebt Nina* ihren Praktikumsalltag. Sie arbeitete während sechs Monaten unbezahlt für eine gemeinnützige Organisation in Genf.
«An meinem Arbeitsplatz gibt es keine Angestellten. Die gesamte Arbeit wird von Praktikanten erledigt. Und die verantwortliche Person ist praktisch nie da», berichtet sie. Die Arbeitsbelastung sei hoch, Überstunden seien die Regel. Versprochene Weiterbildungen habe sie nie erhalten.
Mit ihrer Aussage wolle sie dazu beitragen, «dass unbezahlte Praktika nicht weiter als normal angesehen werden».
Flickenteppich bei den Praktikumslöhnen
Möglich sind solche Unterschiede auch deshalb, weil es in der Schweiz keine nationale Regelung zur Entlohnung von Praktikantinnen und Praktikanten gibt. Die Vorschriften hängen weitgehend von den Kantonen oder von Gesamtarbeitsverträgen ab.
Die Studierendenverbände sehen darin ein Problem. Weil deutlich weniger Praktikumsplätze als Interessierte vorhanden seien, könnten Arbeitgeber die Bedingungen oft selbst festlegen, erklärt eine Vertreterin der Lausanner Studierendenvereinigung.
Wer ein Vollzeitpraktikum ohne Lohn annehme, müsse meist auf Ersparnisse oder die Unterstützung der Familie zurückgreifen. Das könne die Chancengleichheit beeinträchtigen.
Ersetzen Praktikanten reguläre Stellen?
Für den Soziologen Dominique Glaymann geht die Problematik über die Frage des Lohns hinaus. Er spricht von einer «Praktikarisierung» des Arbeitsmarkts.
Immer häufiger würden Praktikumsstellen Positionen ersetzen, die früher Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern vorbehalten gewesen seien. Damit werde ein Instrument, das ursprünglich den Einstieg erleichtern sollte, teilweise selbst zum Hindernis.
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Es gibt keine statistischen Belege dafür, dass das Absolvieren mehrerer Praktika die Chancen auf eine Festanstellung tatsächlich verbessert.
Trotzdem sind Praktikantinnen und Praktikanten für manche Unternehmen zu einer wichtigen Arbeitskraft geworden. So beschäftigt ein Start-up für Naturkosmetik in Neuenburg zwei Praktikanten neben sieben Festangestellten.
Geschäftsführer Paul Liurette begründet dies mit finanziellen Überlegungen: «Ein Praktikant kostet im Durchschnitt zweieinhalbmal weniger als eine Berufseinsteigerin oder ein Berufseinsteiger.»
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