Ortsbilder der Schweiz – Hässlich? Diese Ausstellung rehabilitiert die Agglo

Ortsbilder der Schweiz Hässlich? Diese Ausstellung rehabilitiert die Agglo
Das Museum Bellpark in Kriens LU widmet sich den Vororten. Es ist eine Ode an «Orte ohne besondere Lagequalitäten».
Oftmals gilt sie als hässlich. Kämpft mit einem schlechten Image – und steht im Schatten eines Zentrums. Die Rede ist von der Agglomeration. Oder besser gesagt der Agglo – häufig gesteht man ihr nicht mal die vollständige Begrifflichkeit zu. Eine Abkürzung tut’s.
Die Agglo, sie ist in der Schweiz aber eigentlich ein Schwergewicht: 74 Prozent der hiesigen Bevölkerung leben in der Agglomeration. Also 6.7 Millionen Menschen. Wobei das Bundesamt für Statistik die Kernstädte in seiner Agglomerationsdefinition einrechnet.
Die Agglo, ein Ort, der weder Stadt noch Land ist – dieses Spannungsfeld hat Hilar Stadlers Interesse geweckt. Er leitet das Museum Bellpark in Kriens, eine Institution in einer klassischen Agglomerationsgemeinde. Genau sie rückt nun Vororte in den Fokus. «Orte ohne besondere Lagequalitäten» nennt sich die Ausstellung.
Angestaubte Ortsbilder warten auf Neubewertung
Die Bilder gehen zurück auf das Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS), das ab 1973 entstand. Die Idee dahinter: idyllische Dörfer und pittoreske mittelalterliche Städte ausfindig machen, um sie in der Folge zu pflegen und zu erhalten.
Agglo-Gemeinden waren Manko-Gebiete, die keine besondere Aufmerksamkeit verdient haben.
«6000 Ortsbilder wurden damals untersucht, 1200 davon wurden als schützenswerte Ortsbilder von nationaler Bedeutung eingestuft», sagt Hilar Stadler. Die Spreu wurde vom Weizen getrennt. Agglo-Gemeinden waren Ersteres. «Es waren Manko-Gebiete, die keine besondere Aufmerksamkeit verdient haben.» Eben «Orte ohne besondere Lagequalitäten».
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Bild 1 von 4. Auszug aus dem ISOS-Inventar, das sich im Bestand der Schweizerischen Nationalbibliothek befindet – hier Kriens ... Bildquelle: Bundesamt für Kultur.
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Bild 2 von 4. ... Horw ... Bildquelle: Bundesamt für Kultur.
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Bild 3 von 4. ... und Emmen. Alle Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1981. Bildquelle: Bundesamt für Kultur.
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Bild 4 von 4. Zu jeder ISOS-Ortsbildaufnahme gehören auch ein Plan und ein Text. Bildquelle: SRF/Nik Rigert.
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Im Museum Bellpark sind nun ISOS-Ortsbildaufnahmen von Emmen, Emmenbrücke, Horw und Kriens zu sehen. Obwohl erst 1981 aufgenommen, nehmen die Schwarzweissfotos das Publikum in scheinbar längst vergangene Zeiten mit.
Kriens: Vom Dorf zur Stadt
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Der Wandel von Agglomerationsgemeinden lässt sich bestens am Beispiel Kriens illustrieren: Noch 1920 zählte der Ort gut 7200 Einwohnerinnen und Einwohner. Heute sind es über 30’000. Kriens ist mittlerweile die drittgrösste Gemeinde im Kanton Luzern. Das neu gewonnene Selbstbewusstsein trägt sie nun auch im Namen: Seit 2019 ist Kriens auch offiziell eine Stadt.
Die Agglomerationen hätten sich seither stark verändert, sagt Hilar Stadler. «Heute ist die Agglo ein Ort, wo die Stadt erweitert wird. Wo Wohnungen gebaut werden, die die Stadt nicht mehr bieten kann.» Es sei wichtig, dass die Agglo eine eigene Identität entwickle, sagt Stadler. Dazu wolle die Ausstellung ihren Beitrag leisten.
Ausgezeichneter Ausstellungsmacher
Mit lokalen Ortsbildern ein überregionales Interesse wecken: Die aktuelle Ausstellung im Bellpark Kriens ist ein typisches Beispiel für Hilar Stadlers Museumsarbeit. Der 63-Jährige stellt damit jene zufrieden, die im Krienser Museum Ortsgeschichte abgebildet sehen wollen – andererseits locken unkonventionelle Kunst-, Architektur- oder Fotoausstellungen immer wieder Publikum aus der ganzen Schweiz an.
Diesen Sommer erhielt Hilar Stadler dafür vom Bundesamt für Kultur (BAK) den Prix Meret Oppenheim, eine mit 40’000 Franken dotierte Auszeichnung. «Stadler zeichnet sich durch mutige Ausstellungen zu unerwarteten Themen aus», heisst es in der Würdigung des BAK. «Er wagt den Blick auf das scheinbar Alltägliche und setzt historische Fundstücke in zeitgenössische Bezüge.» Das können die ersten Schweizer Autobahnkilometer sein – aber auch brutalistische Bauten aus aller Welt.
Wir wollen mit dem arbeiten, was wir vor der Haustür antreffen.
Für ihn sei der Prix Meret Oppenheim eine «tolle Würdigung meiner geleisteten Arbeit», sagt Stadler. «Wir hatten schon immer die Ambition, über den Tellerrand hinauszuschauen. Wir versuchen zwar, in Kriens die Themen zu finden. Aber sie sollen die ganze Schweiz betreffen», sagt Hilar Stadler. «Wir wollen mit dem arbeiten, was wir vor der Haustür antreffen.»
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