Alltag im Ausnahmezustand – Stossverkehr im «Heidiland»: Ein Tag im Leben einer Raststätte

Es riecht nach Rösti und Bratwurst und man hört ein Stimmengewirr aus unterschiedlichen Sprachen. Der Betrieb im Marché Restaurant an der Autobahnraststätte «Heidiland» läuft auf Hochtouren.
An den Kassen bilden sich Schlangen, nur wenige Tische sind noch frei. Für die Gäste der Raststätte ist es nur eine kurze Pause. Für das Team der Raststätte beginnt jetzt die intensivste Zeit des Tages.
Hinzu kommen die Sommerferien. Die Schweizer Autobahnen sind in dieser Zeit besonders stark befahren. Das spürt auch Betriebsleiter Thomas Sittig: «An Spitzentagen haben wir bis zu 10'000 Gäste auf der Raststätte.»
Sogar Bill Clinton trank hier Kaffee
Die Lage an der A13 macht Heidiland zu einem Verkehrsknotenpunkt. Neben einheimischen Reisenden sind zahlreiche Feriengäste und Durchreisende aus ganz Europa unterwegs.
Monatlich halten rund 600 Reisebusse. Gäste aus aller Welt steigen hier aus, trinken einen Kaffee, essen etwas und reisen weiter. Selbst prominente Besucher haben hier schon Halt gemacht. Sogar der ehemalige US-Präsidenten Bill Clinton hat hier einst auf dem Weg zum Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos einen Kaffee getrunken.
Ein Blick auf den vollen Parkplatz zeigt, wie unterschiedlich die Menschen sind, die hier anhalten. Zwei Arbeiter sind auf dem Weg ins Restaurant für den Znüni. «Ich habe mir nie gross Gedanken gemacht, was mir an einer Raststätte wichtig ist. Hauptsache ich bekomme mein Frühstück», sagt einer der beiden.
Neben dem Eingang beim kleinen Ziegengehege, einem der wenigen Überbleibsel des Heidi-Themas, sitzt ein Vater mit seiner Tochter. Sie seien auf dem Weg zu einer Wanderung und wollten noch Proviant kaufen. Aber erst Kaffee, betont er.
Was hat die Raststätte Heidiland mit Heidi zu tun?
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Der Name «Heidiland» geht nicht direkt auf die Raststätte zurück. Erfunden wurde er Ende der 1970er-Jahre vom damaligen St. Moritzer Kurdirektor Hans Peter Danuser als Tourismusmarke.
In St. Moritz setzte sich der Begriff allerdings nicht durch. Ende der 1980er-Jahre sicherte sich Mövenpick die Lizenz für das neue Raststättenprojekt bei Maienfeld. So wurde die Raststätte Heidiland geboren.
An die berühmte Romanfigur erinnern heute vor allem noch das Ziegengehege und der Heidi-Turm.
Zu jeder vollen Stunde öffnet sich eine kleine Tür im Turm, Heidi tritt hervor und begrüsst die Gäste mit dem Heidi-Lied. Gegen einen Fünfliber lässt sich die kurze Vorstellung jederzeit starten.
Daneben steigt ein deutscher Tourist aus dem Auto. Er wolle nur schnell eine Toilettenpause einlegen, sagt er. Die Schweizer Raststätten gefielen ihm, die Qualität sei gut, das Brot frisch. Die Preise hätten ihn allerdings schockiert. Dann verschwindet er im Gebäude.
Dass man für die Toilette zahlen muss, ist unser grösster Kritikpunkt.
Die Toiletten sorgen immer wieder für Diskussionen. Wer auf der Raststätte Heidiland das WC benutzen möchte, bezahlt einen Franken und erhält dafür einen Gutschein im Wert von 50 Rappen für das Restaurant. «Das ist unser häufigster Kritikpunkt», sagt Betriebsleiter Thomas Sittig.
Er kann die Kritik nachvollziehen, erklärt aber auch den Hintergrund. Mit einem gewöhnlichen Restaurant lasse sich das nicht vergleichen: «Auf der Autobahn nutzen unzählige Menschen die Toiletten, ohne etwas zu konsumieren.» Bei mehreren tausend Gästen pro Tag sei der Reinigungsaufwand entsprechend hoch.
Bekannte Schweizer Autobahnraststätten
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Bild 1 von 7. Raststätte Würenlos (AG). Die Raststätte Würenlos an der A1 wurde 1972 eröffnet und war damals die grösste Autobahn-Raststätte Europas, die als Brücke über die Fahrbahn gebaut wurde. Im Volksmund ist sie bis heute als «Fressbalken» bekannt. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 7. Raststätte Kölliken (AG). Die Raststätte Kölliken wurde 1967 eröffnet und war die erste Raststätte im Schweizer Nationalstrassennetz. Bildquelle: Keystone/STR.
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Bild 3 von 7. Raststätte Kölliken (AG). Heute präsentiert sich die Raststätte Kölliken als moderne Anlage an der A1, die seit ihrer Eröffnung mehrfach erweitert und erneuert wurde. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 7. Raststätte Walensee (GL). Die Raststätte Walensee ist seit 2003 geschlossen und zählt heute zu den bekanntesten verlassenen Autobahngebäuden der Schweiz. Bildquelle: SRF.
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Bild 5 von 7. Raststätte Gotthard (UR). Die Gotthard Raststätte liegt an der A2 im Kanton Uri und zählt zu den bekanntesten Raststätten entlang der Transitroute durch die Schweizer Alpen. Bildquelle: SRF.
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Bild 6 von 7. Raststätte Deitingen Süd (SO). Die Raststätte Deitingen Süd ist berühmt für ihre markanten Betonschalen des Ingenieurs Heinz Isler, die als Meisterwerk der Schweizer Ingenieurbaukunst gelten. Die 1968 eröffnete Anlage wurde 2024 umfassend renoviert. Bildquelle: Keystone/Martin Rüetschi.
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Bild 7 von 7. Raststätte Grauholz (BE). Die Raststätte bei Bern war die erste Autobahn-Raststätte Europas mit einem Fast-Food-Restaurant und gilt als verkehrstechnisch wichtiger Halt an der A1. Bildquelle: Keystone/Anthony Anex.
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Die Sommerferien machen sich nicht nur bei den Gästezahlen bemerkbar, sondern auch bei der Stimmung. Nach langen Staus und Stunden im heissen Auto kommen viele Reisende gereizt an.
«Wenn die Leute aus dem Auto steigen, müssen sie sich im Trubel der Raststätte zuerst orientieren und entscheiden, was sie essen möchten. Sobald sie am Tisch sitzen, legt sich der Stress», sagt Sittig. Auch wenn das Team viel Reisestress auffange, begrüsse es die Reisenden freundlich.
Rösti und Bratwurst sind die Favoriten
«Bratwurst mit oder ohne Beilage?», fragt Dino Micheroli einen Gast. Er arbeitet seit dreieinhalb Jahren im Marché Restaurant als Schichtleiter und Koch. «Die Ferien sind für das Team eine stressige Zeit», bestätigt auch er.
Sein Arbeitstag beginnt um 5:00 Uhr morgens mit dem Aufbau des Buffets und mit der Annahme der Waren. Täglich müssen sechs bis acht Container mit frischen Lebensmitteln wie Gemüse, Fleisch und Kartoffeln sortiert und verräumt werden.
Obwohl die Gäste von überall her kommen, ist die Schweizer Küche am beliebtesten. Die Klassiker? «Rösti und Bratwurst, ganz klar.»
Wenn mehrere Cars gleichzeitig ankommen
Wenn mehrere Reisebusse gleichzeitig ankommen, wird es voll im Restaurant. Wie geht man mit solch einem Ansturm um? «Nur ein Teil der Gäste besucht das Restaurant. Der Rest kauft sich etwas im Lebensmittelgeschäft, geht zur Tankstelle oder holt sich Fast Food», sagt Sittig. So verteilen sich die Gäste auf der ganzen Raststätte.
Im Restaurant sorgt das Selbstbedienungskonzept dafür, dass kein Chaos ausbricht. Es gibt verschiedene Theken, wo sich die Gäste bedienen können.
Damit der Betrieb funktioniert, arbeiten allein im Restaurant 73 Personen. Rechnet man die Tankstelle, Shop, Fast Food-Restaurant, Unterhalt und Reinigung dazu, sind es rund 100 Arbeitsplätze.
Stammtisch an der Raststätte
Die Raststätte lebt nicht nur von Durchreisenden. Tatsächlich gibt es hier einen Stammtisch. Jeden Morgen um 9 Uhr trifft sich eine Gruppe älterer Männer in der Raststätte Heidiland.
Aber warum auf einer Raststätte? Die Antwort ist pragmatisch: Die Raststätte liegt zentral, ist mit dem Auto gut erreichbar und kann sogar mit dem Velo angefahren werden.
Einer der Männer spricht das Sterben der klassischen Dorfbeizen an. «Das Problem ist, dass zum Teil gar keine Restaurants mehr offen sind», sagt er. Die Raststätte hingegen kennt keinen Ruhetag und keine Betriebsferien. Sie ist von frühmorgens bis spätabends geöffnet.
Die Männergruppe kennt sich von der Raststätte. Einer von ihnen erzählt, er habe sich eines Tages einfach dazugesetzt und ein Gespräch begonnen. Irgendwann habe er gemerkt, dass hier Gleichgesinnte zusammensitzen.
Der Stammtisch ist zu einem kleinen Netzwerk geworden. Wenn im Alltag einmal Hilfe gebraucht wird, weiss man, wen man fragen kann: «Wenn du etwas brauchst, sind das gute Adressen.»
Wenn Reisende auf der Raststätte stranden
Wo täglich tausende Menschen vorbeikommen, entstehen auch Geschichten. Regelmässig hilft das Raststätten-Team, verloren gegangene Kinder wieder zu finden. Manchmal stranden Reisende sogar auf der Raststätte.
Es ist schon vorgekommen, dass jemand noch auf der Toilette war und der Bus ohne ihn abgefahren ist.
Fernbusse halten meist exakt 30 Minuten. Ist die Pause vorbei, fährt der Bus weiter. Nicht immer sitzen dann wieder alle Passagiere an ihrem Platz. «Es ist schon vorgekommen, dass jemand noch auf der Toilette war und der Bus ohne ihn abgefahren ist», sagt Sittig.
Dann liegt es am Raststättenteam, dem gestrandeten Gast zu erklären, wie er weiterkommt. Auf der anderen Seite der Raststätte führt ein Wanderweg direkt ins nahegelegene Bad Ragaz. In der Nähe fährt zudem ein Bus.
Gelegentlich wird es ernst. Vor Kurzem fiel ein Mitglied einer Reisegruppe auf die Stirn und zog sich eine grosse Platzwunde zu. Der Betriebsleiter fuhr den Gast kurzerhand selbst zum Arzt, wo die Wunde genäht werden musste. Danach brachte er ihn wieder rechtzeitig wieder zurück zur Raststätte, bevor der Reisebus weiterfuhr.
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