Demokratie im Fadenkreuz – Soziologin: «Auch die Schweiz ist vom Rechtsruck erfasst»

Demokratie im Fadenkreuz Soziologin: «Auch die Schweiz ist vom Rechtsruck erfasst»
Die Soziologin Carolin Amlinger erforscht den Erfolg rechtspopulistischer Parteien wie der AfD und prägt den Begriff der «Zerstörungslust der Demokratie». Nun wechselt sie von der Universität Basel nach Freiburg im Breisgau in Deutschland.
Der Erdrutschsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ist weltweit ein Thema. Die Soziologin Carolin Amlinger befasst sich mit dem Vormarsch rechtspopulistischer Parteien. Die Expertin forschte mehrere Jahre an der Universität Basel und ist auch regelmässig Gast in grossen deutschen Medien. Zusammen mit ihrem Ehemann und Forschungspartner hat sie das Buch «Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus» verfasst.
Carolin Amlinger, Co-Autorin «Zerstörungslust»
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Carolin Amlinger ist Soziologin und Literaturwissenschaftlerin. Sie forscht zu den Themen Rechtspopulismus und gesellschaftliche Ungleichheit. Im Interview erklärt sie, warum der Rechtsruck kein Zufall ist, und was die Schweiz von Deutschland unterscheidet.
Zusammen mit Oliver Nachtwey hat sie das Buch «Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus» verfasst. Die Grundlage dafür bilden umfangreiche empirische Forschung, auch ausführliche Interviews mit AfD-Wählern und Mitgliedern libertärer Vereinigungen.
Caroline Amlinger, Oliver Nachtwey: «Zerstörungslust. Elemente des demokratischen Faschismus». Suhrkamp Verlag, Frankfurt 2025.
SRF News: Die AfD hat in Sachsen-Anhalt knapp 44 Prozent der Stimmen geholt. Wie haben Sie diese Wahl erlebt?
Carolin Amlinger: Mit sehr gemischten Gefühlen. Das Ergebnis war keine Überraschung. Es reiht sich ein in einen Trend in vielen westlichen Demokratien. Dennoch war ich nach dieser Wahl geschockt und gelähmt – sowohl als Soziologin als auch als Privatperson.
Was erklärt aus soziologischer Sicht den Rechtsruck?
Wir haben in unseren Studien Deutschland und die USA untersucht. Beide Länder stehen exemplarisch für das Aufstiegsversprechen durch Leistung und Bildung. Und genau dieses Versprechen – dass sich Leistung lohnt – ist erodiert.
Die Gesellschaft wird nicht mehr als «offen» wahrgenommen. Immer mehr Gruppen fühlen sich ausgeschlossen.
Die Gründe sind unter anderem die Vermögensungleichheit, aber auch die Teuerung, die sich zum Beispiel in gestiegenen Mietpreisen zeigt. Das greift teilweise auch den Lebensstandard der Mittelschicht an.
Und wie führt das zum Rechtsruck?
Die Gesellschaft wird nicht mehr als «offen» wahrgenommen. Immer mehr Gruppen fühlen sich ausgeschlossen. Sie sehen ihre Chancen beschnitten. Dadurch wird jede neue Personengruppe zur Bedrohung für den eigenen Lebensstandard.
Carolin Amlinger verlässt die Universität Basel
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Carolin Amlinger wechselt von der Universität Basel an die Universität Freiburg im Breisgau. Der Abschied falle ihr nicht leicht. Gleichzeitig entspreche der Wechsel dem üblichen Werdegang von Wissenschaftlerinnen mit befristeten Anstellungen, die ihren Arbeitsort nicht frei wählen können. Amlinger bleibt in Basel wohnhaft und wird künftig pendeln.
Ob das real so ist oder nicht – das Gefühl ist präsent. Die eigenen Verunsicherungen werden nicht mit ökonomischer Ungleichheit erklärt, sondern auf fremde Gruppen projiziert.
Richtet sich die Wut hauptsächlich gegen Migrantinnen und Migranten?
Prinzipiell kann jede neue Gruppe als Bedrohung wahrgenommen werden. Oft sind das Migrantinnen und Migranten. Aber unsere Forschung zeigt auch deutlich, dass Personen mit nicht-binären Geschlechtsidentitäten oder Frauen als Bedrohung des eigenen, «normalen» Lebens wahrgenommen werden.
Wie sieht die Situation in der Schweiz aus?
Die direkte Demokratie lässt die Bürgerinnen und Bürger aktiver mitbestimmen. Das hilft, einem Misstrauen gegenüber den demokratischen Institutionen vorzubeugen. Der Wohlstand in der Schweiz sichert den Lebensstandard der Mittelschicht besser ab. Dennoch ist auch die Schweiz vom Rechtsruck erfasst.
So ist etwa die rechtsextreme Organisation «Junge Tat» gewachsen und sie tritt präsenter auf. In der Schweiz sieht man: Die militante Rechte ist jung und männlich.
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