«Asterix»-Erfinder – René Goscinny: Mit Wildschweinen und Wortspielen zum Welterfolg

René Goscinnys Tod im Jahr 1977 mutet wie die böse Pointe aus einer seiner Comicgeschichten an: Sein Herz versagte bei einem ärztlichen Belastungstest, der ebendiesem Herzen galt. Im Unterschied zu seinen Comicfiguren, die Beulen davontragen und Sterne sehen, aber niemals sterben, stand ihr Schöpfer nicht wieder auf. Der Miterfinder von Asterix war damals nur 51 Jahre alt, ein Megastar in der internationalen Comicwelt, sein Tod eine Tragödie in Frankreich und weit darüber hinaus.
Walt Disney wollte ihn nicht
Ende der 1940er-Jahre war diese grandiose Karriere noch nicht absehbar. Der junge Goscinny wollte Zeichner bei Walt Disney in New York werden, wurde aber abgelehnt. Sein Talent lag offensichtlich im Schreiben, nicht im Zeichnen.
René Goscinny – Stationen seines Lebens
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Geboren wurde Goscinny 1926 in Paris als Sohn eines polnischen Vaters und einer ukrainischen Mutter, die beide nach Frankreich emigriert waren.
Aufgewachsen ist er in Argentinien, wo der Vater Arbeit fand. Ein Teil der jüdischen Verwandten (die Grosseltern, zwei Onkel, ein Cousin) wurde in Paris denunziert, deportiert und in einem Konzentrationslager ermordet.
Sein Vater starb früh, im Jahr 1943. René Goscinny versuchte sich als Hilfsbuchhalter und Zeichner in New York – erfolglos.
Der Umzug nach Brüssel und dann nach Paris in den 1950er-Jahren brachte ihm nach und nach Erfolg als Szenarist (Comicautor).
Zusammen arbeitete Goscinny unter anderem mit den Zeichnern Morris («Lucky Luke»), Sempé («Der kleine Nick») und Tabary («Isnogud»).
Seinen grossen Durchbruch erlebte er mit den «Asterix»-Geschichten, die er zusammen mit Albert Uderzo ab 1959 herausgab.
So tat er sich in den 1950er-Jahren in Brüssel, der damaligen Comic-Hauptstadt Europas, danach in Paris mit etablierten und aufstrebenden Zeichnern zusammen.
Mit Albert Uderzo entwarf er ab 1952 eigene Figuren, wie den Kaperkapitän Pitt Pistol, den Reporter Luc Junior oder den als «Riesen-Indianer» bezeichneten Umpah Pah. Aber erst Asterix katapultierte die Karriere der beiden zu den Sternen.
Ein Lachanfall und die Geburt von «Asterix»
Das war 1959. Für die erste Ausgabe des Magazins «Pilote» musste noch eine Idee her. Diese wurde von Goscinny und Uderzo «in einem zweistündigen Dauer-Lachanfall mit Blick auf einen Friedhof geboren», wie der Althistoriker Jörg Fündling in seiner «Asterix»-Analyse recherchiert hat.
Buchhinweise zu «Asterix» und René Goscinny
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- Jörg Fündling: «Asterix». 100 Seiten. Reclam, 2016.
Die dichte, differenzierte und hochspannende Analyse eines Althistorikers. Mit ungezählten Aha-Effekten für Eingeweihte.
- Anne Goscinny: «Das Klimpern der Schlüssel. Brief an meinen Vater». Aus dem Französischen von Ina Kronenberger. Diogenes, 2026.
Anne ist die Tochter von René Goscinny. Sie schreibt einen sehr persönlichen Rückblick auf die Kindheit als Waise eines berühmten Vaters und wie sie nach 34 Jahren endlich gelernt hat, um ihn zu trauern.
- Catel: «Die Geschichte der Goscinnys. Geburt eines Galliers». Graphic Novel, mit einem Vorwort von Anne Goscinny. Carlsen, 2020.
Der Versuch, in Text und Bild das Leben von René Goscinny bis zur Erfindung von Asterix 1959 nachzuzeichnen. Nicht wirklich gelungen, aber dennoch informativ und lesenswert.
In der Tat wurden die Abenteuer des listigen gallischen Kriegers und seines kindlich-naiven, aber unbezwingbar starken Freundes Obelix zum Glücksgriff.
Der Erfolg stellte sich fast sofort ein. Und bis heute wurden weltweit rund 400 Millionen «Asterix»-Bände verkauft, übersetzt in circa 130 Sprachen – unter anderem in über 30 deutsche Dialekte.
«Lucky Luke» – zusammen mit Morris
Der Erfolg von Asterix überstrahlt andere Figuren, die Goscinny zusammen mit bekannten Künstlern seiner Zeit erschuf oder prägte. Lucky Luke etwa ritt schon seit 1946 durch die Prärie und jagte Bösewichte.
Aber seinem Erfinder Morris (Maurice De Bevere) waren die Ideen für Szenarien ausgegangen. Goscinny entwickelte ab 1955 den zuvor harten, wortkargen Cowboy zum moralisch einwandfreien Westernhelden weiter, der schneller schiesst als sein Schatten, aber niemals tötet. Das war auch der Vorgabe des Verlags geschuldet, mit Gewalt zurückhaltend umzugehen.
«Der kleine Nick» – zusammen mit Sempé
Auch die Lausbubenfigur «der kleine Nick» des Karikaturisten Sempé existierte schon, als Goscinny 1959 das Texten der Geschichten übernahm. Bis heute prägt Nick mit seinem entlarvenden Blick auf die Erwachsenenwelt und dem daraus entstehenden kindlich-pragmatischen Humor die Kinderzimmer. Typisch Goscinny ist wie immer die hohe Qualität der Sprache.
«Isnogud» – zusammen mit Tabary
In einer Episode des «kleinen Nick» versucht ein Betreuer im Ferienlager, die Kinder mit der Geschichte von einem schändlichen Wesir in Bagdad zum Schlafen zu bringen. Daraus entwickelte Goscinny zusammen mit dem Zeichner Jean Tabary die Geschichte des Kalifen Harun al Pussah und seines Grosswesirs Isnogud, der nur ein Lebensziel hat: «Ich möchte Kalif werden anstelle des Kalifen». Alle Episoden drehen sich um das jämmerliche Scheitern immer neuer Versuche Isnoguds, den Kalifen zu stürzen.
Isnogud ist der erste grundschlechte Titelheld der Comicgeschichte und das radikale Gegenbild von Saubermännern wie Asterix und Lucky Luke. Man kann ihn nur deshalb mögen, weil er das verdrängte Böse im Menschen verkörpern darf – und weil er zuverlässig scheitert.
Goscinny selbst gab überdies zu Protokoll, er habe sich bei Isnogud entschlossen, sich seinem liebsten Laster hinzugeben: der Erfindung der schrecklichsten Wortspiele. Beispiel gefällig? Einmal stellt sich ein Inder vor mit: «Je suis Pandalluh Mage». Panne d'allumage ist ein Zündaussetzer (bei einem Motor).
Die Menschen zum Lachen bringen
René Goscinny war ein Humorist. Er hat immer wieder betont, dass es sein grösster Wunsch sei, die Menschen zum Lachen zu bringen. Das gelingt ihm bis heute bei Kindern wie Erwachsenen. Das Rezept seines Zaubertranks, der Lachen macht, ist die einzigartige Fülle und Vielfalt seines Humors.
Eine Mischung aus mal intelligenten, mal flachen Wortspielereien, Running Gags, historischen und kulturellen Anspielungen sowie aus umwerfender Situationskomik. Natürlich stets in symbiotischer Verbindung mit den treffsicheren Illustrationen seines Partners Albert Uderzo.
Asterix und der Humor – einige Müsterchen
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- Sprachspielereien: In «Asterix und der Arvernerschild» verstecken sich Asterix und Obelix in einem Kohlehaufen. Asterix macht sich Sorgen und sagt: «Je vais passer une nuit blanche» (= eine schlaflose Nacht verbringen, wörtlich «eine weisse Nacht verbringen»). Deutsche Übersetzung: «Ich sehe in jeder Hinsicht schwarz» – auch nicht schlecht, mitten in einem schwarzen Kohlehaufen.
- Kulturelle Anspielungen: In «Asterix und Kleopatra» kommt der Architekt Numerobis aus dem ägyptischen Alexandria ins Asterix-Dorf, um Hilfe zu holen. Er stellt sich vor mit: «Je suis mon cher ami, très heureux de te voir» («Ich bin, mein lieber Freund, sehr glücklich, dich zu sehen»). Miraculix erklärt den Umstehenden: «Das ist ein Alexandriner» – weil er aus Alexandria kommt, aber auch, weil sein Begrüssungssatz im klassischen Versmass eines Alexandriners daherkommt.
- Situationskomik: Miraculix fordert Obelix in «Asterix und Kleopatra» auf, drei Stück von einem Kuchen zu schneiden. Obelix schneidet zwei kleine Stücke heraus. «Ich sagte drei Stück, Obelix» – «Aber es sind doch drei!». Klar: Der ganze Rest des Kuchens ist auch ein Stück, seins nämlich.
- Vielschichtiger Humor: Nachdem die Piraten in «Asterix als Legionär» wieder einmal versenkt wurden, schwimmen sie auf einem Floss im Meer und sind dargestellt wie auf dem monumentalen Gemälde «Das Floss der Medusa» («Le Radeau de la Méduse) des französischen Malers Théodore Géricault. Einer von ihnen kommentiert: «Je suis médusé» («Ich bin versteinert»).
Sind die «Asterix»-Geschichten sexistisch und rassistisch?
Mit der Zeit bekam die heile Welt Risse. Kritik an der Rolle und Darstellung von Frauen und Schwarzen und an den Stereotypen, mit denen Völker in den «Asterix»-Bänden dargestellt werden, kommt seit den 1990er-Jahren immer wieder auf. Die Frauen im Dorf seien entweder zänkisch (so Gutemine) oder Sexobjekte (die Frau von Methusalix). Schwarze wie der Sklave Duplikatha in «Die Trabantenstadt» würden in der Tradition kolonialistisch-rassistischer Stereotype dargestellt, etwa mit übergrossen, knallroten Lippen.
Baba verliert seinen Sprachfehler
Die neuen Autoren, Comiczeichner Didier Conrad und Autor Fabcaro reagierten auf die Vorwürfe. Im 41. und jüngsten Band «Asterix in Lusitanien» spricht der dunkelhäutige Seeräuber Baba das «R» erstmals korrekt aus, nachdem besorgte amerikanische Verlage sich gemeldet hatten, sein Sprachfehler habe rassistische Hintergründe. Man könne sich heute nicht mehr so über Akzente lustig machen, erklären die Autoren den Entscheid.
Alle kriegen ihr Fett weg
Das ist zeitgemäss und begrüssenswert. In Bezug auf René Goscinny und seinen Humor gilt es dennoch festzuhalten, dass bei ihm restlos alle lächerlich gemacht werden, die Starken wie die Schwachen, Männer wie Frauen, Hauptstädter, Provinzler, Architekten, Berufsoffiziere, Bürokraten, Pauschaltouristen, Sportfreunde, Rockfans und ganz besonders Nachbarnationen und -kulturen. Beim Parodieren sind Goscinny und Uderzo ganz unparteiisch.
Wer ist hier die Kulturnation?
Die beiden bereisten die Länder, um die es in ihren Geschichten geht, um über Clichés zu recherchieren – Clichés, die sie danach parodieren können, erklärte René Goscinny in einem Interview, das er 1973 für das damalige Radio DRS gab. Genau gleich oder noch spöttischer behandelt er im Übrigen Frankreich und die Franzosen und Französinnen.
Unvergessen, mit welcher Arroganz Majestix bei der Landung in Athen, wohin alle Männer des gallischen Dorfs für die Olympischen Spiele gereist sind, seinen Untertanen einschärft: «Wir wollen weder auffallen noch uns über die Eingeborenen lustig machen, auch wenn sie keine solche Kultur und keine solch glorreiche Vergangenheit haben wie wir.» Er spricht von den Griechen, dem Inbegriff antiker Hochkultur in Europa! Die einzigen, die sich später im Stadion wie Wildschweine benehmen, sind dann sie selbst, die Gallier.
Was bleibt?
Mit heutigen Augen ist nicht alles in den «Asterix»-Bänden taufrisch geblieben. Neben mittlerweile als diskriminierend erkannten Stereotypen können auch viele politische, kulturelle und regionale Anspielungen nur noch mit dem «Asterix»-Lexikon entschlüsselt werden. Was bleibt, ist aber Goscinnys unschlagbarer Humor, der sprichwörtliche Comic-Blick auf die Welt, der in jedem Menschen und in jeder Situation das Lachhafte erkennt. Und die Stärke Goscinnys, diese Schwächen liebevoll-überdreht sichtbar zu machen.
Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 14.08.2026, 09:03 Uhr; noes
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