Stichwahl in Brasilien – Lula oder Bolsonaro? Ein Land, zwei Lager, eine offene Stichwahl

Weniger als drei Prozentpunkte: So knapp liegen Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und sein rechter Herausforderer Flávio Bolsonaro nach dem ersten Wahlgang auseinander. Nach Auszählung fast aller Stimmen kommt Bolsonaro auf rund 47.18 Prozent, Lula auf rund 44.99 Prozent. Am 25. Oktober kommt es zur Stichwahl.
Das Resultat zeigt, wie tief gespalten Südamerikas grösste Demokratie ist.
Christliche Werte und der Wunsch nach Wechsel
Flávio Bolsonaro ist der Sohn von Ex-Präsident Jair Bolsonaro, der wegen eines Putschversuchs zu 27 Jahren Haft verurteilt wurde. Im Wahlkampf setzte der Sohn auf christliche Werte und umwarb gezielt die Evangelikalen, die rund ein Drittel der Wählerschaft ausmachen.
Doch nicht alle, die ihm ihre Stimme gaben, sind von ihm überzeugt. In einem Wahllokal in São Paulo erzählte eine Wählerin, ihr gefalle eigentlich keiner der Kandidaten. Sie habe Bolsonaro gewählt, weil sie sich eine Veränderung wünsche.
Angst vor dem Einfluss Washingtons
Lula, der eine vierte Amtszeit anstrebt, präsentierte sich im Wahlkampf als Verteidiger der Demokratie. Viele seiner Anhängerinnen und Anhänger stören sich an der Nähe von Flávio Bolsonaro zu US-Präsident Donald Trump.
Sie fürchten, Brasilien könnte unter einem Präsidenten Bolsonaro abhängiger von den USA werden. «Ich will nicht, dass Donald Trump uns Vorschriften macht», sagt ein Wähler. Dafür nehme er eine vierte Amtszeit Lulas in Kauf.
Die Familie Bolsonaro bleibt mächtig
Unabhängig vom Ausgang der Stichwahl wird die Familie Bolsonaro die Politik des Landes weiter prägen. Carlos Bolsonaro, ein weiterer Sohn des Ex-Präsidenten, und Michelle Bolsonaro, seine Ehefrau, haben den Sprung in den Senat geschafft. Bolsonaros Partei PL baut dort ihre Position als stärkste Kraft aus, eine eigene Mehrheit hat sie aber nicht. Wer auch immer Präsident wird, muss im Parlament Allianzen schmieden.
Signal für ganz Südamerika
Die Wahl wird auch über Brasilien hinaus genau beobachtet. Südamerika ist im letzten Jahr deutlich nach rechts gerückt: In Chile, Bolivien und zuletzt Kolumbien haben rechte oder bürgerliche Kandidaten die Präsidentschaft gewonnen, in Argentinien regiert Javier Milei.
Lula ist einer der letzten linken Staatschefs der Region. Gewinnt Flávio Bolsonaro, würden die drei grössten Länder Südamerikas von Präsidenten regiert, die Donald Trump nahestehen.
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