Bolsonaro vor Lula: Brasilien erlebt Wahlüberraschung
Bei der Präsidentschaftswahl in Brasilien treten der rechte Senator Flávio Bolsonaro und der linke Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva in einer Stichwahl am 25. Oktober gegeneinander an. Nach Auszählung von fast 99 Prozent der Stimmen lag der 45-jährige Sohn des früheren Präsidenten Jair Bolsonaro am Sonntag (Ortszeit) mit rund 47 Prozent vor dem 80-jährigen Lula, der auf 44,9 Prozent kam. Damit verfehlten beide Kandidaten die absolute Mehrheit. Umfragen zufolge dürften sich die beiden stärksten Bewerber in der zweiten Runde ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern.
Lula hatte mit Sieg gerechnet
Das starke Abschneiden Bolsonaros kam überraschend, da Umfragen vor der Wahl Lula mit etwa drei Prozentpunkten vorn gesehen hatten. Lula räumte ein, das Ergebnis sei unerwartet gekommen. Er sei überzeugt gewesen, die Wahl bereits im ersten Durchgang zu gewinnen, sagte der Amtsinhaber. Ab morgen beginne ein neuer Wahlkampf. Sein Herausforderer bedeute Ungewissheit für das Land. Lula will seine Politik mit Sozialprogrammen und öffentlichen Investitionen fortsetzen.

Bolsonaro verspricht dagegen einen schlankeren Staat und ein härteres Vorgehen gegen Kriminalität. Bolsonaro zeigte sich dagegen sehr zufrieden mit dem Ausgang und erklärte, Brasilien wolle Veränderung.
Unterstützung aus den USA
Analysten zufolge profitierte Bolsonaro stark von Protestwählern, die eigentlich erst in einer möglichen Stichwahl gegen Lula stimmen wollten. Während Lula eine vierte Amtszeit anstrebt, hofft Flavio Bolsonaro, das rechte Lager seines Vaters wieder an die Macht zu bringen.
Jair Bolsonaro verbüßt derzeit eine 27-jährige Haftstrafe, weil er nach seiner Wahlniederlage 2022 einen Putsch geplant haben soll. Eines der zentralen Wahlkampfversprechen von Flávio Bolsonaro ist eine Amnestie für seinen Vater.

US-Präsident Donald Trump hatte Jair Bolsonaro politisch unterstützt und die strafrechtliche Verfolgung des früheren Staatschefs kritisiert. Flávio Bolsonaro näherte sich im Wahlkampf dem politischen Lager Trumps an und traf ihn bereits im Weißen Haus in Washington.
Seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat sich die politische Landschaft Lateinamerikas verändert. In Ländern wie Bolivien, Chile und Kolumbien haben zuletzt rechte Kandidaten die Präsidentenwahlen gewonnen. Zugleich arbeitet die US-Regierung nach der Festsetzung des venezolanischen Staatschefs Nicolás Maduro enger mit Venezuelas amtierender Präsidentin Delcy Rodríguez zusammen, unter anderem im Ölsektor.
Lulas Verbündete warnten dagegen, die US-Regierung könnte im Falle eines Wahlsiegs des Amtsinhabers das Ergebnis nicht anerkennen. Der Wahlkampf war geprägt von Vorwürfen einer Einmischung der USA.
Korruption und schwache Wirtschaft
Zudem dominierten Sorgen über die schwächelnde Wirtschaft und Korruptionsskandale die Wahlen. Zwar sind Arbeitslosigkeit und Ungleichheit gesunken, doch viele Brasilianer leiden unter hohen Lebenshaltungskosten. Die Staatsverschuldung liegt bei über 82 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Die Präsidentschaftswahl ist auch von globaler Bedeutung, weil das Land einen großen Teil des für den Klimaschutz immens wichtigen Amazonas-Regenwaldes umfasst. Das Thema kam im Wahlkampf jedoch kaum zur Sprache.

Neben dem Präsidenten wurden am Sonntag unter anderem auch Abgeordnete, Senatoren und Gouverneure gewählt. Andere Mitglieder der Bolsonaro-Familie konnten dabei bereits Wahlerfolge verbuchen: Die frühere First Lady Michelle Bolsonaro wurde im Bundesdistrikt Brasília in den Senat gewählt.
Carlos Bolsonaro, ein weiterer Sohn des früheren Präsidenten, gewann ebenfalls einen Senatssitz - im südlichen Bundesstaat Santa Catarina. Insgesamt errang das rechte Lager um Bolsonaro mit Abstand die meisten Sitze im Senat und stellt dort künftig die größte Fraktion.
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