Schweizer Hilfsorganisation – 125 Jahre Caritas: Vom Suppenteller zur Systemkritik

Schweizer Hilfsorganisation 125 Jahre Caritas: Vom Suppenteller zur Systemkritik
Das einst katholische Hilfswerk hat sich zur politischen Stimme gegen die Armut gewandelt. Dabei verlief die Entwicklung der Hilfsorganisation nicht immer geradlinig.
23.09.2026, 22:22
1901: Die Zeit der Industrialisierung ist für viele Menschen in der Schweiz geprägt von Armut, prekären Arbeitsbedingungen und fehlender sozialer Absicherung.
Vor diesem Hintergrund gründet der Schweizerische Katholikenverein unter Kapuzinerpater Rufin Steimer am 23. September die Caritas Schweiz. Das Hilfswerk richtete seine Unterstützung zunächst vor allem an Katholikinnen und Katholiken in der Schweiz.
Erste Internationalisierung
Während der Weltkriege weitet die Organisation ihre Hilfe aus, unterstützt Opfer der Kriege, Geflüchtete und Vertriebene in Europa mit Hilfsgütern, Lebensmitteln und Kleidung – Einsätze, die den Grundstein legen für die spätere internationale Ausrichtung.
Die 1960er-Jahre stellen einen Wendepunkt dar: Die grossen Hungerkatastrophen in Indien und Biafra – ein von 1967 bis 1970 nicht allgemein anerkannter Staat im südöstlichen Nigeria – machen deutlich, dass humanitäre Hilfe allein die Probleme in den Regionen nicht lösen kann und Armut oft strukturelle Ursachen hat.
Die Caritas beginnt deshalb, ihr Engagement auf längerfristige Unterstützung auszurichten. Sie verbindet Soforthilfe mit längerfristigen Projekten für Wasser- und Gesundheitsversorgung, Bildung und Landwirtschaft.
Öffnung und Professionalisierung
Mit der schwindenden Bedeutung der konfessionellen Zugehörigkeiten in der Gesellschaft spielt die Verankerung im Katholizismus eine immer kleinere Rolle. In den 1990er-Jahren entwickelt sich die Caritas zu einer überkonfessionellen Organisation und tritt zunehmend als gesellschaftliche und politische Akteurin auf.
Sie schafft Angebote für Armutsbetroffene in der Schweiz, wie die Caritas-Märkte, von denen heute landesweit 22 existieren oder die «KulturLegi», die soziale Teilhabe für Menschen am Existenzminimum ermöglicht. Weiterhin ist Caritas Schweiz bei der Betreuung von Geflüchteten aktiv.
Schattenseiten
Zu Geschichte der Caritas gehören auch Entscheidungen, die aus heutiger Sicht problematisch sind. Besonders umstritten ist das Aussiedlungsprojekt nach Brasilien nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Caritas beteiligt sich 1950 an der Umsiedlung von über 2000 Personen aus Deutschland, worunter sich auch ehemalige Nationalsozialisten und einzelne SS-Kriegsverbrecher befanden.
Der Historiker Peter Hug hat das Kapitel aufgearbeitet und im Frühling sein Buch «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher» veröffentlicht, das diese Geschichte enthüllt.
Ausstellung zum Jubiläum
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Die Caritas Schweiz zeigt aktuell eine Ausstellung zum Jubiläum am Hauptsitz in Luzern. Die Ausstellung dauert bis am 30. September, Informationen gibt es unter: https://www.caritas.ch/de/gemeinsam-armut-verstehen/
Monika Maire-Hefti, Präsidentin der Caritas Schweiz, betont, es sei wichtig, auch auf diese Aspekte der Caritas zurückzuschauen. Die Organisation hätte daraus die Lehre gezogen, dass sie mit den Menschen vor Ort zusammenarbeiten und auch lokale Organisationen als Partner ansehen müsse.
Aktuelle Herausforderungen
Die aktuell grösste Hürde für die Entwicklungszusammenarbeit und die Armutsbekämpfung sieht Monika Maire-Hefti in den Kürzungen der Entwicklungshilfegeldern in den meisten westlichen Ländern. Weniger Geld bedeute konkret, dass sie weniger Menschen helfen könnten.
Dennoch sagt sie am Jubiläumsanlass, sie blicke doch mit Hoffnung in die Zukunft: «Ich glaube auch, dass wir fähig sind, wieder aufeinander zuzugehen, Solidarität wieder zu leben.»
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