Gestiegene Lebenskosten: Bezahlbar ist nicht billig

Nicht erst seit dem Wahlsieg der Demokraten in den USA reden alle über „affordability“. Aber bei der Übersetzung geht oft etwas Entscheidendes verloren.
A ls ich am Mittwochmorgen aufs Handy geschaut habe, musste ich an dänisches Softeis denken. Und das lag nicht an meinen letzten Urlaubsfotos, sondern an den Nachrichten über den Sieg der Demokraten in den USA.
Seit über 30 Jahren fahre ich im Urlaub in ein Dorf an der dänischen Nordsee. Die vielen Deutschen dort hatten immer drei Lieblingsthemen: Hotdogs, Softeis und den Satz: „Ganz schön teuer hier.“ Aber damit ist es vorbei. Wer heute in Dänemark einkaufen geht, denkt: „Geht ja eigentlich.“ Und das liegt nicht daran, dass es in Dänemark günstiger geworden ist, sondern in Deutschland teurer.
Was das mit den Wahlen in den USA zu tun hat? Der Sieg der Demokraten wird oft mit einem Wort erklärt: affordability. Seit dem Irankrieg sind die Preise für Lebensmittel und Energie explodiert, und die Demokraten haben das zum Thema ihres Wahlkampfs gemacht. In Deutschland ist die Lage ähnlich. Seit 2019 sind die Lebensmittelpreise um etwa 40 Prozent gestiegen, die Löhne nur um 24 Prozent. Die Zahlen sind von 2025, also vor Beginn des Irankriegs, der alles noch teurer machte.
Auch deutsche Politiker sprechen deshalb gern über affordability, nicht erst seit den Midterms. Ausnahmsweise ist die deutsche Übersetzung zwei Silben kürzer: Bezahlbarkeit. Die SPD wollte „Berlin wieder bezahlbar“ machen, das Parteipräsidium beschloss im September: „Wir rücken die Frage der Lebenshaltungskosten in den Mittelpunkt unserer Politik“.
Wer war zuerst da?
Grünen-Chef Felix Banaszak flog nach New York, um von Zohran Mamdani zu lernen. Die Linkspartei reklamiert: Wir waren zuerst da. Und Vertreter aller drei Parteien lesen fleißig „antifaschistische Wirtschaftspolitik“ von der Ökonomin Isabella Weber, die Bezahlbarkeit mit Preisdeckeln erreichen und so die extreme Rechte schrumpfen will.
Es ist gut, dass Parteien sich materiellen Fragen zuwenden, statt über Migration zu streiten. Aber bei der Übersetzung aus dem Englischen geht oft etwas verloren. Es geht nicht einfach um billiges Benzin oder Rinderhack. Linke Demokraten wie Zohran Mamdani oder Abdul El-Sayed sprechen von einer working class, die es verdient habe, ihre Rechnung bezahlen zu können (Olaf Scholz nannte das mal „Respekt“). Und sie fordern Umverteilung.
Wenn das bei der deutschen Übersetzung fehlt, kommt ein Tankrabatt raus. Wer einfach nur niedrigere Preise fordert, ist schnell bei „Steuern runter macht Deutschland munter“, einem alten Slogan der Bild.
Das zeigt auch die Wahl in Berlin. Die Linkspartei hat ihre Forderung nach bezahlbaren Mieten mit der nach Vergesellschaftung verbunden und klar gemacht: Es braucht staatliche Eingriffe bei den Profiteuren, nicht nur ein bisschen Mieterrechte. Ob man Vergesellschaftung für den richtigen Weg hält, ist eine andere Frage. Aber SPD und Grüne forderten auch Mieterschutz und drangen damit nicht durch.
wochentaz
Dieser Text erschien zuerst in der wochentaz, unserer Wochenzeitung von links!
In der wochentaz geht es jede Woche um die Welt, wie sie ist – und wie sie sein könnte. Eine linke Wochenzeitung mit Stimme, Haltung und dem besonderen taz-Blick auf die Welt. Jeden Samstag neu am Kiosk und natürlich im Abo.
Die Demokraten in den USA haben dabei zwei Vorteile. Sie sind eine Oppositionspartei, und sie müssen keine Koalitionen bilden. In New York kann Zohran Mamdani allein regieren. Politiker in Deutschland müssen erklären, wie sie Bezahlbarkeit durchsetzen wollen: gegen Immobilienkonzerne, die fossile Industrie und sogenannte Familienunternehmen. Und vor allem: gegen die Besitzstandswahrer von der CDU. Darum fällt es schwer, der SPD ihr neues Mantra zu glauben, solange sie in dieser Koalition steckt. Und auch den Grünen, die in Zukunft mit der Union regieren könnten.
Deshalb musste ich in dieser Woche an dänisches Softeis denken: Bezahlbar ist eben nicht das Gleiche wie billig. Hohe Preise sind okay, wenn wie in Dänemark die Löhne hoch sind, sich niemand an hohen Preisen bereichert und alle an den Kosten des Gemeinwohls beteiligen.
Kersten Augustin Ressortleiter Inland
Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. Er war stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
Demokratie in der Krise Pistorius ist jetzt Antifa
Kolumne Materie von Kersten Augustin
Seit Dienstag hält erstmals ein AfD-Politiker in Deutschland ein hohes Staatsamt, vermutlich dank der CDU. Verzweifeln könnte man deshalb – muss man aber nicht!
Wahlen in MV und Berlin „Kanzlerdämmerung“ im TV? Lieber: „Zwei Engel für Germany“.
Kolumne Materie von Kersten Augustin
Am Sonntag könnten zwei Frauen die Wahlen gewinnen, die beide zeigen, dass es eine Alternative zur AfD gibt. Schalten Sie ein!
taz FUTURZWEI im Abo entdecken Endlich mal ein Magazin für Zukunft
taz FUTURZWEI ist unser Magazin für eine bessere Zukunft. Das Abo bietet jährlich vier Ausgaben für nur 38 Euro. Zudem erhalten Sie eine Ausgabe von Luisa Neubauers neuestem Buch „Was wäre, wenn wir mutig sind?“ (solange Vorrat reicht).
- Jedes Quartal neu in Ihrem Briefkasten
- Nur 38 Euro im Jahr
- Als Prämie Luisa Neubauers „Was wäre, wenn wir mutig sind?“
- Herausgegeben von Harald Welzer
Jetzt abonnieren
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.