Arktisstrategie der EU – Europa und das Rennen um die Arktis – die wichtigsten Fragen

Die USA, Russland und auch China buhlen in der Arktis um Einfluss. Die EU rüstet sich nun für diesen Machtkampf mit einer neuen Arktis-Strategie. SRF-Korrespondent Andi Reich zu den Hintergründen.
EU-Korrespondent
Andreas Reich ist seit November 2022 TV-Korrespondent von SRF in Brüssel. Zuvor arbeitete der studierte Jurist als Auslandredaktor und Onlineproduzent im SRF-Newsroom in Zürich und berichtete als freier Reporter aus Südosteuropa.
Was will die EU mit ihrer neuen Arktisstrategie?
Die neue Strategie ist die erste Überarbeitung seit 2021. Seither hat sich die Lage stark verändert, durch den Ukraine-Krieg und den Streit um Grönland. Die Sicherheit nimmt deshalb mehr Platz in der Strategie ein: Die EU will mehr Eisbrecher-Kapazität und Unterseekabel besser schützen. Zudem setzt sie auf kritische Rohstoffe und bessere Verbindungen in den Norden. Enger zusammenarbeiten will sie mit Partnern wie Norwegen und Kanada. Beim Öl und Gas bleibt die EU bei ihrer Linie: Neue Förderung in der Arktis lehnt sie ab.
Warum ist die Arktis so wichtig?
Die Arktis erwärmt sich laut EU-Kommission fast viermal schneller als der weltweite Durchschnitt. Durch das schmelzende Eis wird die Region zugänglicher.
Seewege: Die Routen durch die Arktis verkürzen den Weg zwischen Europa und Asien deutlich. Neben Russland und China hat zuletzt auch Südkorea eine Testfahrt durch die Nordostpassage unternommen. Sie ist noch grosse Teile des Jahres vereist. Wegen des Klimawandels dürfte sich das in Zukunft ändern.
Rohstoffe: In der Arktis lagern kritische Mineralien, Öl, Gas und reiche Fischgründe.
Geopolitisches Aufeinandertreffen: Acht Staaten haben Gebiete in der Arktis: Russland, die USA, Kanada sowie Norwegen, Schweden, Finnland, Island und Dänemark, zu dem Grönland gehört. Zudem will China die Handelsrouten über die Arktis nutzen. Die grossen geopolitischen Akteure treffen so in der Arktis aufeinander.
Was hat Europa im Rennen zu bieten?
Ein Kräftemessen mit den Grossmächten sieht der Politologe Andreas Raspotnik nicht. Europa müsse vielmehr das Potenzial seiner eigenen Gebiete in der Arktis besser nutzen, sagt Raspotnik, der im norwegischen Bodø zur Arktispolitik der EU forscht. Dieses Potenzial ist gross. In Nordschweden und Finnland lagern kritische Mineralien, wie sie etwa für Batterien gebraucht werden. Sie könnten Europa unabhängiger von China machen. Doch die Mineralien wären wohl teurer als jene aus China. Der Abbau im hohen Norden ist aufwendig, die Vorkommen liegen weit von den Märkten entfernt. Bahnlinien und Häfen müssten ausgebaut werden, und es bräuchte gut ausgebildete Arbeitskräfte vor Ort. Die neue EU-Strategie will den Ausbau der Infrastruktur angehen. Woher das Geld dafür langfristig kommen soll, ist aber offen. Die Kommission verweist nur auf rund eine Milliarde Euro Kohäsionsgelder für die Arktis-Regionen bis 2027. Das Budget ab 2028 wird erst noch ausgehandelt.
Warum hat Europa das Potenzial der Arktis bisher nicht genutzt?
Lange sah Europa die Arktis vor allem als Raum, den es zu schützen gilt, sagt Arktis-Experte Raspotnik. Als wirtschaftliche Chance habe man sie kaum betrachtet. Das ändert sich gerade. Russlands Krieg gegen die Ukraine und vor allem der Streit um Grönland hätten das Umdenken beschleunigt. Europas Politikerinnen und Politiker beschäftigten sich seither viel stärker mit der Arktis, auch als Raum für wirtschaftliche Entwicklung. Beim Öl und Gas steckt die EU allerdings weiterhin in einem Dilemma. Neue Förderung in der Arktis lehnt sie aus Umwelt- und Klimaschutzgründen ab. Doch Norwegen, ihr wichtigster Gaslieferant, will in der Barentssee neue Felder erschliessen. Verhindern kann die EU das nicht, denn Norwegen ist kein Mitglied. Auf diese Lieferungen verzichten will sie aber auch nicht.
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