Sexkreuzfahrt im Mittelmeer: Was geht, bestimmen die Frauen

- 600 Reisende erlebten Mitte Juni auf der ersten Sexkreuzfahrt des Labels Killing Kittens sechs Nächte im Mittelmeer.
- Das Konzept sieht vor, dass allein die Frauen entscheiden, was erlaubt ist – Männer, die dagegen verstossen, werden am nächsten Hafen von Bord geworfen.
- Die günstigste Kabine kostete 6000 Franken, die teuersten Suiten mit Butler-Service rund 35’000 Franken.
Kaum legt das Kreuzfahrtschiff im Hafen von Barcelona ab, legen viele Gäste auch ihre Kleider ab. Nacktheit ist auf dieser besonderen Fahrt ausdrücklich erlaubt, zumindest am Pool und in den sogenannten Playrooms.
Meine Partnerin und ich, beide in den Dreissigern, sind an Bord der ersten Kreuzfahrt des englischen Partylabels Killing Kittens, kurz KK. Mit den 600 anderen Gästen an Bord freuen wir uns auf sechs heisse Nächte auf See. Die Frauen und Männer auf dem Schiff kommen aus der ganzen Welt, viele aus England oder den USA. Sie sind zwischen 24 und 74 Jahren alt.

Vor einem Jahr erfuhren wir hier auf 20 Minuten von der Fahrt – nachdem wir uns genauer damit beschäftigt hatten, war für uns klar: Da müssen wir hin. Wir kennen uns zwar «in der Szene» etwas aus, aber sechs Nächte am Stück, das ist neu. 8000 Franken haben wir für die Reise bezahlt. Ohne Flug.
Auf die Kreuzfahrt haben wir uns in langen Gesprächen vorbereitet. Wer darf was, was ist okay, mit anderen zu erleben, was nicht?
Kurz nach der Abfahrt liegen um den kleinen Pool auf Deck 9 Hunderte mehr oder weniger unbekleidete Menschen. Uns fällt ein Mann Mitte 50 mit Punkfrisur auf, der einen ziemlich dicken Metallring um seinen Penis trägt. Wir sehen auch ein Paar im Borat-Tanga. Wir lachen. So ganz ernst nimmt sich hier niemand. Die Stimmung ist gelöst und locker. Die Atmosphäre: offen, inklusiv und selbstbewusst.
Swingen und Kämpfen auf Deck 10
Am Abend beginnt die eigentliche Action. Eine Tanzcrew, die KK extra eingeflogen hat, zeigt eine ziemlich explizite Show. Angeheizt von Dragqueen Busola – und dem sexverrückten Publikum – räkeln sich zwei weibliche Fetischmodels in einer Badewanne und seifen einander ein. Danach zeigt ein männlicher Tänzer seine Muskeln – die Menge kreischt.
Wir erleben die Show als anregend, sexy, empowernd. Weder billig noch schmuddelig. Hier feiern die Gäste ihre Lebensfreude und einen entspannten Umgang mit Sexualität. Alles kann, nichts muss.

Nach der Show geht es auf Deck 10. Im Bug des Schiffs stehen normalerweise Sofas. Darauf genehmigt sich das übliche Kreuzfahrtpublikum einen Tee oder liest gesittet ein Buch.
Doch auf dieser Reise sind die Sofas verschwunden: Betten mit weichen Matratzen füllen den ganzen Raum, dazu rote Vorhänge und LED-Kerzen. Im gedämpften Licht bewegen sich Dutzende Körper. Paare, Dreier in allen Konstellationen und sogar Orgien, bei denen mehrere Teilnehmer miteinander Sex haben.
Vanilla, Swinger, BDSM: Das bedeuten diese Begriffe
Wir sehen auch Stellungen, die wir noch nie gesehen haben – und für die uns teils definitiv die Verrenkungskünste fehlen. Ein Paar liefert sich sogar spielerisch einen Ringkampf. Eingeweihte nennen das Play Fight oder Rough Body Play.
Im Playroom stehen jederzeit Kondome und Gleitgel zur Verfügung. Diese zu benutzen, ist in der Verantwortung der Teilnehmenden, es ist in der Szene aber Standard. Viele können auch einen aktuellen Test auf Geschlechtskrankheiten vorweisen.
Darum stammte ein Drittel der Reisenden aus Amerika
Selbstverständlich würde Stealthing, also das heimliche Ausziehen des Kondoms, wie alle anderen Verstösse gegen die Regeln, sofort schwere Konsequenzen haben. Damit alle Teilnehmenden einvernehmlichen Spass haben, werden die Spielräume von erfahrenen Community-Kittens beaufsichtigt. Das sind sehr freundliche KK-Mitarbeitende in roten Gewändern, die jederzeit ein diskretes Auge darauf haben, dass sich alle wohlfühlen.
Einen Mitmachzwang gibts nicht. Zuschauen, ohne zu stören, ist ausdrücklich erlaubt. Für gewisse Paare ist auch genau das der Kick. Und: Für ganz viele liegt der Reiz einfach schon im sexpositiven Vibe an Bord. Bei ihnen passierte dann alles Weitere «bloss» mit dem eigenen Partner in der Kabine.
Einige buchten die Reise auch nach der intensivsten Zeit der Kindererziehung. Die Kreuzfahrt sollte ihre alte Leidenschaft wieder wecken. Dem Vernehmen nach ist das den meisten gelungen.
Allein die Frauen entscheiden
Das Besondere: An Bord entscheiden allein die Frauen, was geht und was nicht. Das ist Kern des Partykonzepts von Killing Kittens. Seit 20 Jahren organisiert Emma Sayle, eine Jugendfreundin von Prinzessin Kate, mit ihrem Team sexpositive Partys vor allem in Grossbritannien. Sayle nennt ihre Partys «dekadent, extravagant und exklusiv». Kurz: hedonistisch.
Sayle will einen Rahmen schaffen, der Frauen empowert, also ihr Selbstbewusstsein stärkt. Sie sollen sich sicher fühlen und: nicht belästigt werden. Ob das funktioniert hat, erfährst du im zweiten Teil der Serie.

Für Männer an Bord heisst das: Ungefragtes Berühren, Catcalling und jegliches Verhalten, das als Belästigung empfunden werden kann, sind verboten. Wer dagegen verstösst, dem droht am nächsten Hafen der Rausschmiss.
Allein reisende Männer sind von der Reise ausgeschlossen. Willkommen sind aber Trans- und non-binäre Menschen.
Die Partys – und diese Reise ganz besonders – sind aber auch sehr teuer, was oft zu Kritik führt. Mit dieser konfrontieren wir Sayle im dritten Teil dieser Serie.
Jeder Abend beginnt ge- und verkleidet
Nach einigen aufregenden Nächten an Bord der KK-Cruise legen wir von einem italienischen Hafen ab. Am Abend ist es vorübergehend vorbei mit der Nacktheit. Jeder der sechs Abende hat ein eigenes Motto. Das ist für Killing-Kittens-Partys typisch. Die Organisation will ein stilvolles, luxuriöses, aber sexy Umfeld.
Es geht ausdrücklich nicht darum, dass die Teilnehmenden möglichst schnell miteinander im Bett landen, sondern dies erst dann geschieht, wenn die Stimmung stimmt. Das unterscheidet die Reise von vielen Swinger- oder BDSM-Partys, auf denen wir schon waren.
Ab 6000 Franken: So viel kostete die sechstägige Reise – und das könnte noch besser sein
Zu den Abend-Mottos gehörten unter anderem ein Maskenball mit Abendkleid und Anzug, ein Abend namens «Creatures of the Night» mit 600 Menschen in Leoparden- oder Zebramusterkleidern oder eine Fetish-Nacht mit Latex und Leder.
Am vierten von sechs Abenden hiess das Motto «Notte di Fuoco». In der Beschreibung vor der Reise hiess es etwas vage: «Roter Glamour, Rottöne, mediterrane Hitze». Zum Glück betreibt KK einen Pinterest-Account mit einem «Moodboard» zur Outfit-Inspiration für den jeweiligen Anlass.
Es wird erwartet, dass man sich auf das jeweilige Motto einlässt und für jeden Abend auch die passende Garderobe dabei hat. Viele investieren Hunderte Franken in die Kostüme. Mehrere Frauen berichten zudem, dass sie vor KK noch nie so viel für edle Dessous ausgegeben haben. Auch wir legten uns ins Zeug und brachten je zwei Koffer voller Kostüme mit. Der Lohn der Mühen: viele angenehme, aber nicht aufdringliche Komplimente für unsere Outfits.
An besagter «Notte di Fuoco» verwandelte die Crew das Pooldeck in ein Restaurant. Im Fahrtwind grillierten die Schiffsköche Hummer en masse, dazu Lammkoteletts und viele weitere Spezialitäten auf Gourmet-Niveau.
Für die Schiffscrew war die Reise freiwillig
Lustiger Höhepunkt war das Dessert: Eclairs in Penisform und Muffins, die nach Vulven aussahen. Dazu ein ziemlich expliziter Kuchen. Alles begleitet von der Showgruppe, die einmal mehr begeisterte.

Unter anderem spielte eine professionelle Violinistin im Abendkleid – dessen sie sich im Laufe ihres Konzerts aber immer mehr entledigte, bis sie schlussendlich nackt vor dem Publikum stand. Stilvoll und anregend – alles andere als billig. Die sexpositiven Reisenden waren aus dem Häuschen.
Der BDSM-Dungeon – Hauen am Fliessband
Am späteren Abend zieht es uns mit ein paar neuen Freunden zum verruchtesten Ort des Schiffs: den BDSM-Dungeon im Heck von Deck 10. Für die meisten an Bord ist BDSM komplettes Neuland.
Andreaskreuz, Flogger, Dungeon: Das heissen diese Begriffe
Der Dungeon ist auf einer gewöhnlichen Reise die Schiffsbibliothek. Zwischen einer stilvollen Holztäfelung und den abgeklebten Fenstern stehen jetzt X-förmige Andreaskreuze, Liebesschaukeln und allerlei andere Möbel, an denen man Menschen festmachen kann.
Der Raum wurde jeweils von zwei erfahrenen Dungeon-Mastern geleitet. Calandra Balfour und ihr Partner Tim vermieten mehrere BDSM-Apartments in Südengland, «Sarah Salazar» und ihr Partner «Master Carlos» verdienen ihren Lebensunterhalt als Kink-Therapeuten.
Viele der Reisenden stammen eher aus der Swingerszene – oder sind einfach sonst sexpositiv eingestellt. BDSM kennen viele höchstens aus «50 Shades of Grey», haben aber keine praktische Erfahrung damit.
Tagsüber gibt es Weiterbildung in Penismassage und Fesseln
Die Dungeon-Master boten darum kurze Einsteiger-Sessions an. Unsere Freunde liessen sich darauf ein und spürten zehn Minuten lang verschiedene Peitschen, Flogger und andere Gerätschaften auf der Haut. Wenn es ihnen gefiel, konnten sie «Grün» sagen, wurde es unangenehm, «Orange», und wäre es zu viel gewesen, «Rot». Dann hätte die Session sofort geendet.
So weit kam es nicht – im Gegenteil. Sie waren danach hellauf begeistert. Die «Endorphine seien grossartig» gewesen, sagen sie mit glänzenden Augen. Jemand aus der Gruppe, eine Ärztin, scherzte danach von einem «BDSM-High», in Anspielung auf den euphorischen Zustand, den Langstreckenläufer manchmal erleben.
Das Ende war hart
Die Tage vergingen wie im Flug. Der letzte Tag endete aber extrem früh. Noch vor 9 Uhr mussten alle von Bord sein. Das wird hart, ahnten wir.
Denn wir haben viel erlebt, viel gelernt, viele tolle, offene Menschen kennengelernt – und waren kaum je vor 3 Uhr im Bett. Wir schaffen es trotzdem pünktlich von Bord – auch wenn zu diesem Zeitpunkt vielleicht noch etwas Rest-Moët in unserem Kreislauf gewesen sein könnte. Endlich zu Hause, sind wir erschöpft, ausgepowert, kaputt. Gleichzeitig sind wir so entspannt wie noch selten nach einem Urlaub.
Was hältst du von einer Kreuzfahrt, bei der Sexualität und Nacktheit im Zentrum stehen?
Ein paar Tage später denke ich mir, dass ich über diese Reise unbedingt diese Reportage schreiben will. Gerade als Journalist berichtet man selten über Positives – besonders in Bezug auf Sexualität. Ich erzähle also meinen Chefs von meiner Reise und der Idee, darüber zu schreiben – und sie sind begeistert.
Transparenzhinweis
Der Autor ist fest angestelltes Redaktionsmitglied bei 20 Minuten. Er hat die Reise selbst bezahlt. Keiner der Artikel dieser Serie wurde von Killing Kittens oder sonst wem gesponsert. Die Reportage wurde dann während seiner regulären Arbeitszeit verfasst. Die einzige Bedingung seitens Killing Kittens für den Berichten war, dass der Name des Kreuzfahrtschiffes und der Reederei im Text nicht genannt wird.
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