Schweizer soll Sherpa auf 7500 Metern allein zurückgelassen haben

- Der nepalesische Guide Dawa Nurbu hat nach einer Annapurna-Besteigung mit einem Schweizer Kunden sieben Finger verloren.
- Der 26-jährige Sherpa musste über 24 Stunden allein am Berg ausharren, bevor er gerettet wurde.
- Über die Verantwortung für das Unglück gibt es widersprüchliche Darstellungen.
Der Aufstieg auf die Achttausender dieser Welt ist immer riskant. Umso wichtiger ist währenddessen der Zusammenhalt in der Seilschaft. Mangelt es daran, kann es schnell lebensgefährlich werden. Das weiss der 26-jährige Dawa Nurbu Sherpa nur zu gut. Die Besteigung der Annapurna I, einem der gefährlichsten Berge der Welt, im April 2026 brachte ihm fast den Tod.
Er überlebte, verlor jedoch sieben Finger. Laut «Tourism Times» lag die Verantwortung dafür bei seinem Kunden: dem Schweizer Richard Markus Bolt, selbst ein erfahrener Bergführer. Der Bericht habe in Nepal Empörung ausgelöst, so die NZZ.
Schweizer Kunde soll auf späteren Termin bestanden haben
Bolt und der nepalesische Guide sollen am 19. April zum Gipfel aufgebrochen sein. Einen Tag später als die anderen Expeditionsteams, entgegen des Rats des Sherpas, berichtet der «Everest Chronicle». Dieser habe sich dafür ausgesprochen, zusammen mit anderen aufzubrechen. Sein Argument: Der Berg sei «in der Nähe anderer Teams sicherer.» Doch sein Schweizer Kunde habe «die Einsamkeit bevorzugt.» Deshalb hätten sich die beiden zu zweit auf den Weg zum Gipfel in 8091 Metern Höhe gemacht.
Nach dem Gipfel trennten sich die Wege
Kurz vor dem Ziel sei Bolt jedoch der Sauerstoff ausgegangen, so das nepalesische Portal. Dawa Nurbu habe ihm daraufhin seine Sauerstoffflasche gegeben und sei ohne zusätzlichen Sauerstoff weiter aufgestiegen. Gegen 7 oder 9 Uhr morgens hätten die beiden den Gipfel erreicht. Sie «machten Fotos und begannen getrennt den Abstieg», so der «Everest Chronicle». Während der Schweizer bald wieder hinabstieg, blieb sein Guide auf rund 7500 Metern Höhe allein zurück (siehe Box). Auch über Nacht.
Darum stieg der Guide nicht ab
Auch der Sherpa trat den Abstieg an. Doch dann verschlechterten sich laut nepalesischen Medien Wetter und Sicht. Wohl deshalb habe sich Dawa Nurbu im Seil vertan. Das, was er für ein Fixseil hielt, endete plötzlich. «Als er seinen Irrtum bemerkte, war es bereits dunkel, und Schnee fegte über den Berg», so der «Everest Chronicle». Schutz habe der 26-Jährige in einer Gletscherspalte gefunden. Dort habe er sich verkeilt und auf Rettung gehofft. Weil sich Schnee in seinen Handschuhen sammelte, erfroren seine Finger. Zunächst konnte er noch um Hilfe funken, dann hätten jedoch die Batterien des Geräts versagt.
Erst am darauffolgenden Tag wurde Dawa Nurbu gerettet. Mehr als 24 Stunden hatte er allein oberhalb des Lagers 4 ausgeharrt. Sein Retter, Ashok Lama, beschreibt ihn gegenüber «Everest Chronicle» als desorientiert und verwirrt. «Ich gab ihm sofort Sauerstoff, Saft und einen Apfel und liess ihn kurz schlafen.»
Gemeinsam hätten die beiden den Abstieg zum Lager 3 begonnen. Der Sherpa überlebte mit gravierenden Erfrierungen an den Händen.
Um Infektionen vorzubeugen, amputierten die Ärzte sieben Finger. Heute bangt der Vater zweier kleiner Kinder um seine Zukunft. «Selbst heute noch, wenn ich an jene Tage zurückdenke, ist der grösste Schmerz nicht das körperliche Leiden, sondern die Sorge darüber, wie ich mein Leben weiterführen soll», schreibt der 26-Jährige auf Instagram.
Bolt erinnert sich anders
Bolt erinnert sich anders an den Aufstieg auf die Annapurna I. Gegenüber der Himalaya-Chronistin Billi Bierling von der Himalayan Database soll der Schweizer gesagt haben, dass sein Sherpa «weder Rucksack noch Sauerstoff bei sich getragen» habe, so die NZZ. «Er hatte beides etwa 1500 Höhenmeter unterhalb des Gipfels zurückgelassen, da es zu schwer war. Sie verbrachten etwa zehn Minuten auf dem Gipfel und begannen dann mit dem Abstieg», zitiert die Zeitung Bierling. Die beiden hätten sich beim Abstieg aus den Augen verloren. Am Nachmittag habe Bolt sich sogar noch selbst auf die Suche nach seinem Guide gemacht. Jedoch erfolglos. Ein Funkgerät habe er nicht dabei gehabt.
«Schlussendlich hat jeder Eigenverantwortung»
Gegenüber der NZZ erklärte Bolt nach wiederholtem Nachfragen am Telefon, dass im Höhenbergsteigen «jeder für sich selbst verantwortlich» sei. «Man braucht Erfahrung, um richtige Entscheidungen zu treffen. Fehler können sich auswirken.» Weiter bestreitet er, Dawa Nurbus Sauerstoff genutzt zu haben: Er sei während der Expedition, die er über die nepalesische Agentur 8K gebucht habe, ohne Sauerstoff unterwegs gewesen. Man habe ihm die Begleitung durch einen erfahrenen und gut ausgebildeten Sherpa zugesichert. «Im Nachhinein sind da immer viele, die wissen, was war. Schlussendlich hat jeder Eigenverantwortung. Doch wenn etwas passiert, sind immer die anderen schuld. Dabei gibt es nicht immer einen Schuldigen. Es kann mal etwas schiefgehen. Es läuft nicht immer alles nach Plan.»
Bolt habe weiterhin Kontakt zum Sherpa
Gleichzeitig zeigt sich Bolt froh, «dass das Leben von Dawa Nurbu Sherpa gerettet werden konnte.» Er stehe seit damals «regelmässig» in Kontakt mit seinem Guide. Zudem habe er vor, im Oktober wieder nach Nepal zu reisen und den Nepalesen und seine Familie zu besuchen. Ziel sei es, ihre Zukunft zu sichern, zitiert die NZZ aus einem Schreiben Bolts: «Zusammen mit der Agentur 8K übernehmen wir Verantwortung. Wir werden ein Unterstützungsprogramm erarbeiten, damit die Familie und Dawa Nurbu trotz seines Handicaps ein gutes Leben haben werden.»
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Fee Anabelle Riebeling (fee) arbeitet seit 2014 für 20 Minuten. Sie ist stv. Leiterin Wissen/AI, Data und Leiterin des Fachgremiums Faktencheck & Verifikation.
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