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Saturday, October 10, 2026

Bessere Entscheidungen treffen – «Wir überlassen Entscheidungen gerne unserem Zukunfts-Ich»

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Bis zu 20'000 Entscheidungen treffen wir täglich, von banal bis lebensverändernd. Eine Entscheidungs-Expertin erklärt, weshalb uns das manchmal so schwerfällt.

Verena Utikal

Verhaltensökonomin

Verena Utikal ist Professorin für Behavioral Economics an der Universität Erlangen-Nürnberg und der Universität Ulm. Ausserdem berät sie Unternehmen bei schwierigen Entscheidungen.

Foto: Felikss Francer

SRF: Sie geben einen radikalen Tipp. Wenn man eine Einladung für eine Feier in drei Monaten erhält und merkt, dass man keine Lust hat, sollte man sofort absagen.

Verena Utikal: Wir tendieren dazu, Entscheidungen unserem Zukunfts-Ich zu überlassen. Im Moment ist die Entscheidung anstrengend. Also vertagen wir sie. Dabei kennen sich die meisten Menschen ziemlich gut. Klar kann man mal müde oder schlecht gelaunt sein. Trotzdem lohnt es sich oft, den ersten Impuls ernstzunehmen.

Kopf oder Bauch: Was sagt die Forschung?

In der Verhaltensökonomie unterscheiden wir zwei Systeme. System 1 ist schnell und intuitiv. Jemandem zunicken, sich kratzen oder das Wasserglas wegstellen – allem geht eine Entscheidung voraus. System 2 ist langsam. Hier wägen wir ab, erstellen Pro-und-Kontra-Listen.

90 Prozent unserer täglichen Entscheidungen fällen wir intuitiv.

Sie sagen, diese Kommandozentrale im Kopf werde überschätzt.

Bei langsamen Entscheidungen fühlen wir uns, als hätten wir die Hosen an. Aber unser Bauchgefühl ist immer dabei. 90 Prozent unserer täglichen Entscheidungen fällen wir intuitiv.

Was tun, wenn wir unser Bauchgefühl nicht spüren, aber hoffen, dass es zu uns spricht?

Ich mag die Methode des «inneren Teams». Wie in einem Kollegium: Da gibt es einen Träumer, einen Chaoten, einen Managementtyp. Bei schwierigen Entscheidungen hilft es, hinzuspüren: Wer redet hier alles mit? Die Abenteurerin, der Ängstliche. Man kann sich fragen: Wen will ich zu Wort kommen lassen? Welche Stimme drängt sich vielleicht zu stark in den Vordergrund?

Mir hat bei einer schwierigen Entscheidung geholfen, mich ein halbes Jahr so zu verhalten, als hätte ich mich entschieden.

Ja! Das kann man auch bei komplexen Themen machen. Wer über Kinder nachdenkt, kann sich bewusst vornehmen, ein halbes Jahr lang Zeit mit Kindern zu verbringen. Um zu erfahren, wie sich das anfühlt. Oder: Wer ständig über eine Trennung grübelt, kann sich vornehmen, drei Wochen partout nicht darüber nachzudenken.

Einfacher gesagt als getan.

Es braucht Willenskraft. Aber: Wenn man merkt, dass es überhaupt nicht gelingt, nicht jeden Tag daran zu denken, hat man oft auch schon eine Antwort.

Verena Utikal: «Entscheide Dich glücklich. Warum in kleinen Entscheidungen die grosse Veränderung liegt». Brandstätter, 2025.

Beim Entscheiden geht es immer auch um Verzicht: Wer Ja zu einer Option sagt, sagt Nein zur anderen. Gerade bei grossen Entscheidungen kommt noch die Verantwortung dazu, mit den Folgen zu leben.

Deswegen gibt es viele Menschen, die sich dafür entscheiden, sich nicht zu entscheiden. In der Literatur nennen wir sie «Drifter». Menschen, die durchs Leben gehen, ohne jemals wirklich was entschieden zu haben. Sie wollen nicht verantwortlich sein für mögliche Fehlentscheidungen. Damit verpassen sie aber auch die Chancen und die Freude, die im Entscheiden liegen.

Eine gute Methode ist die ‹Motivklärung›. Es ist ein Fragenkatalog, der aber von der Kernfrage abweicht.

Sagen Sie deshalb, es habe mit Reife zu tun, nicht im Ungefähren zu bleiben?

Ja, um entscheiden zu können, muss man wissen, was man wirklich will. Eine gute Methode ist die «Motivklärung». Es ist ein Fragenkatalog, der aber von der Kernfrage abweicht. Statt zu fragen: «Will ich diesen Job?», fragt man: «Möchte ich in Zürich oder Wien leben?» Oder: «Sind mir vertraute Strukturen wichtiger als etwas Neues?» So werden die eigenen Prioritäten klarer.

Es gibt oft also keine richtige oder falsche Entscheidung, sondern nur eine für sich stimmige.

Genau, das Schwere an Entscheidungen ist, dass es keine beste Option gibt und wir sie aber so händeringend suchen.

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