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Saturday, September 26, 2026

Schweizer Beratungsstellen setzen neu auf eine Software, um Hilfe anzubieten: Die unsichtbaren Sexarbeiterinnen

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Schweizer Beratungsstellen setzen neu auf eine Software, um Hilfe anzubieten

Die unsichtbaren Sexarbeiterinnen

Wie hilft man Prostituierten, wenn man sie nicht mehr auf der Strasse antrifft? Beratungsstellen setzen neu auf eine IT-Lösung, um mit ihnen in Kontakt zu kommen.

Publiziert: vor 16 Minuten

Aktualisiert: vor 10 Minuten

Darum gehts

KI-generiert, redaktionell geprüft

  • Procore nutzt Software, um Sexarbeiterinnen digital zu kontaktieren und zu unterstützen
  • 9000 Whatsapp-Kontakte im Pilotjahr 2025, Ziel: Schweizweite Abdeckung bis 2027
  • Sexarbeiterinnen zahlen in Zürich bis 4000 Franken für ein Zimmer monatlich
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Marco LüssiBlattmacher

Die Zahl der Sexarbeiterinnen, die sich auf dem Strassenstrich anbieten, nimmt stetig ab – und auch die Zahl der Bordelle und Clubs sinkt. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Prostitution insgesamt zurückgeht. Lediglich das Vorgehen hat sich geändert. Ihre Freier finden Sexarbeiterinnen über Inserate, die sie auf einschlägigen Portalen aufschalten. Danach empfangen sie die Männer in privaten Zimmern oder Wohnungen.

Damit wird Prostitution weniger sichtbar – für die Gesellschaft, für die Polizei, aber auch für die Fachstellen, die Unterstützung anbieten. Rebecca Angelini (47) ist Geschäftsleiterin von Procore, einem nationalen Netzwerk, das sich für die Rechte von Sexarbeiterinnen einsetzt. Sie sagt: «Die Digitalisierung des Sexgewerbes hat zur Folge, dass ein Teil der Sexarbeitenden durch die klassische aufsuchende Beratung nicht mehr erreicht werden kann.»

Ab 2027 soll die ganze Schweiz abgedeckt sein

Deshalb habe man neue Wege finden müssen, den Kontakt zu Sexarbeiterinnen herzustellen. Procore liess eine datenschutzkonforme Software entwickeln, die Sexportale nach aktiven Anzeigen abgrast und nach Regionen filtert. Die dort angegebenen Telefonnummern werden dann per Whatsapp kontaktiert – mit einer Nachricht, die ihnen Hilfe der im jeweiligen Kanton tätigen Beratungsstelle anbietet.

Dieses Projekt wurde 2025 mit einer Pilotphase gestartet – Ende Jahr war es bereits in 16 Kantonen verfügbar. Bis 2027 soll es dann in der ganzen Schweiz etabliert sein.

Weniger öffentliche Gelder

Bevor die Software vorhanden gewesen sei, hätten die Beraterinnen sich die Telefonnummern manuell aus Onlineinseraten herausgeschrieben, sagt Angelini: «Mit dem neuen Tool ist die Arbeit nun viel effizienter.» Diese Effizienz sei vor allem auch darum wichtig, weil sie den Fachstellen ermögliche, mehr Zeit für Beratung einzusetzen – dafür stünden vielerorts weniger öffentliche Gelder zur Verfügung als früher. Bereits in der Pilotphase im letzten Jahr gab es per Whatsapp insgesamt 9000 Kontakte, wobei manche Nummern auch mehrfach angeschrieben wurden. Zum Vergleich: Die Zahl der in der Schweiz aktiven Sexarbeiterinnen wird auf 20’000 geschätzt.

Laut Angelini stösst das Angebot auf positive Resonanz: «Rund 10 Prozent der Empfängerinnen reagieren zeitnah auf die Nachricht. Viele behalten es aber auch nur im Hinterkopf und melden sich erst dann, wenn bei ihnen ein Problem auftritt – oder eine Kollegin Hilfe braucht.» Zudem werden zweimal im Jahr Präventionsbotschaften an die Nummern aus aktiven Inseraten geschickt.

Ein Zimmer zum Preis einer Dreizimmerwohnung

Unterstützung brauchen Prostituierte oft bei rechtlichen Fragen – bezüglich der Bewilligungen für Sexarbeit ist die Schweiz ein Flickenteppich, die Regeln unterscheiden sich von Kanton zu Kanton. Angesichts der hohen Mobilität der Sexarbeitenden sei dies sehr anspruchsvoll, sagt Angelini.

Die häufigen Ortswechsel hätten wirtschaftliche Gründe, sagt sie. «Viele Sexarbeiterinnen sind Migrantinnen, die für diesen Job in die Schweiz reisen und in der kurzen Zeit, in der sie hier legal arbeiten dürfen, Geld fürs Überleben ihrer ganzen Familie verdienen müssen.» Sie würden Orte, an denen dies nicht klappe, schnell wieder verlassen. Die hohe Fluktuation sei zudem ein Betriebsmodell der Salons. Einen entscheidenden Einfluss habe aber auch die prekäre Situation mit den Unterkünften. «Die hohen Mieten sind ein riesiges Problem.» Eine Sexarbeiterin zahle etwa in der Stadt Zürich für ein schäbiges Zimmer 3000 bis 4000 Franken, so Angelini: «Für dieses Geld bekommt jemand anderes eine Drei- bis Vierzimmer-Wohnung.»

Sexarbeit wird hybrid

Weitere Sorgen, die viele Sexarbeiterinnen umtreiben, seien die Gesundheit – etwa die Frage, wo sie sich auf Geschlechtskrankheiten testen lassen können – sowie zunehmend technologiebasierte Formen der Gewalt, sagt Angelini. Es gehe etwa um den Diebstahl von Daten und Fotos, Cyberstalking und Zwangsouting.

Dennoch will Angelini die Digitalisierung des Sexgewerbes nicht verteufeln. Vielen habe sie zu mehr Selbständigkeit und mehr finanzieller Freiheit verholfen. Verbreitet sei heute eine hybride Arbeitsweise. «Sie sind teilweise weiterhin auf der Strasse oder in einem Club tätig, suchen ihre Kunden zugleich übers Internet und bieten digitale Inhalte gegen Bezahlung.» Entsprechend hybrid ist auch die Arbeit der Fachstellen geworden. Angelini: «Unser Onlinetool ist ein wertvolles neues Hilfsmittel, ersetzt aber nicht die klassische Beratung, bei der wir die Sexarbeitenden persönlich treffen.»

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