Versuchter Landesverrat – Früherer deutscher Geheimdienstchef festgenommen

- Der frühere Präsident des deutschen Auslandsgeheimdienstes BND, August Hanning, ist am Dienstag unter Spionageverdacht festgenommen worden.
- Hanning werden unter anderem versuchter Landesverrat und geheimdienstliche Agententätigkeit vorgeworfen.
- Auch sein ehemaliger Büroleiter Manfred D. wurde verhaftet. Er soll Beihilfe geleistet haben.
- Offen blieb zunächst, an welches Land Hanning vertrauliche Informationen weitergegeben haben soll.
Hanning leitete den Bundesnachrichtendienst von 1998 bis 2005. Danach war er Staatssekretär im Innenministerium, später arbeitete er als privater Sicherheitsberater.
Nach dem Ende von Hannings Amtszeit sollen die beiden Männer vereinbart haben, dass D. seinen früheren Chef gegen Geld weiterhin mit Erkenntnissen des BND versorgt. Den Ermittlungsbehörden zufolge arbeitete D. von März 2012 bis März 2026 weiter als Büroleiter für BND-Präsidenten.
Weitergabe von Informationen gegen Geld
Laut Bundesanwaltschaft soll er Hanning gegen Geld bis Juni 2022 rund 2000 Dokumente übergeben haben. Viele davon seien als Verschlusssache eingestuft und ausschliesslich für die interne Verwendung bestimmt gewesen, etwa für Lagebesprechungen verschiedener Spitzenbeamter im Kanzleramt.
Hanning soll die Informationen für seine private Beratertätigkeit genutzt haben. In einem Fall soll er damit eine Analyse für Mitarbeiter eines ausländischen Geheimdienstes erstellt haben. Ob diese die Adressaten erreichte, ist unklar. Zudem soll er über Jahre einen Angehörigen eines weiteren Nachrichtendienstes mit politischen Informationen versorgt haben.
Nach Informationen von WDR, NDR und «Süddeutscher Zeitung» geht es dabei nicht um Russland. Laut «Spiegel» könnte Hanning Informationen an Aserbaidschan verkauft haben. Bestätigt ist das nicht.
Die Fraktionschefs der SPD- und CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Matthias Miersch und Thorsten Frei, äusserten sich entsetzt und forderten Aufklärung.
Frei sprach von einer «verstörenden Nachricht». Mit Blick auf die Beratung im Parlament über die Geheimdienst-Reform fügte er hinzu, man werde von überall her angegriffen. Die Reform sei dringend nötig. Miersch sprach von einem «alarmierenden Vorgang». Er forderte eine Debatte über Karenzzeiten von ausscheidenden Geheimdienstmitarbeitern.
Auch der SPD-Bundestagsabgeordnete und Geheimdienstkontrolleur Daniel Baldy forderte schärfere Regeln für ehemalige Spitzenkräfte der Nachrichtendienste. Wer als BND-Präsident oder in einer anderen sicherheitsempfindlichen Funktion tätig gewesen sei, dürfe anschliessend nicht in einer privaten Beratungsfirma arbeiten.
Die stellvertretende Linken-Fraktionschefin Clara Bünger sagte, die Ermittlungen gegen Hanning zeigten erneut, dass die Geheimdienste selbst ein Sicherheitsrisiko seien. Das wisse man nicht erst seit den Verstrickungen des Verfassungsschutzes in die Mordserie der Neonazi-Terroristen vom NSU.
«Der BND hat frühzeitig und unverzüglich umfangreiche interne Ermittlungen einleiten lassen, die den Verdacht erhärteten», teilte der aktuelle BND-Präsident Martin Jäger mit. «Für den BND und mich gibt es bei der internen Sicherheit keine Kompromisse. Keines meiner Ziele, keine meiner Prioritäten wird durch diesen Vorgang infrage gestellt.»
Nicht der erste mutmassliche Verratsfall
Der Fall wirft erneut die Frage auf, wie gut der BND seine geheimen Informationen vor einer Weitergabe schützt. Bereits 2022 soll ein BND-Mitarbeiter Dokumente an einen russischen Geheimdienst verkauft haben. Der Prozess läuft noch.
Auch andere Geheimdienste seien von solchen Fällen betroffen, sagt Michael Götschenberg, ARD-Experte für Terrorismus und innere Sicherheit. Als Beispiel nennt er Edward Snowden. Der BND habe damit allerdings «für einen Geheimdienst erstaunlich häufig zu tun». Woran das liege, müsse nun im Detail aufgearbeitet werden. Im Fall Hanning hält Götschenberg vor allem die Dauer des mutmasslichen Verrats für dramatisch: «Zwölf Jahre stehen hier in Rede.»
Deutschland sei als Schlüsselland der EU für ausländische Mächte besonders interessant, sagt Götschenberg. Zugleich sieht er mögliche Probleme beim Geheimschutz: Seit Jahren gelangten auch sehr geheime Informationen in die Medien. Das besorge viele Akteure in den Sicherheitsbehörden.
Spur wegen eines anderen Falls
Auf Hannings Spur kamen die Ermittler durch eine Durchsuchung im Fall Christina Block. Hanning steht auch im Verdacht, als Verantwortlicher einer Sicherheitsfirma einen Auftrag zur Entziehung der Kinder der Hamburger Unternehmerin angenommen zu haben.
Rendez-vous, 07.10.2026, 12:30 Uhr ; agenturen/srf/harm;mcep;noes
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