Zurich Film Festival – «Long Shot»: Vier Schweizer und ihr philippinisches Wintermärchen

Erst war es nur ein Witz. «Philippinische Curlingnationalmannschaft» nannten Christian Haller und die Brüder Enrico und Marc Pfister ihre gemeinsame Whatsapp-Gruppe. Denn die drei verbindet nicht nur ihre Liebe zum Curling-Sport, sondern auch, dass sie alle philippinische Mütter haben. Aber ein Curling-Team braucht nicht drei, sondern vier Mitglieder, und in der überschaubaren Schweizer Curling-Szene war kein weiterer Philippiner auszumachen.
Bis schliesslich Alan Frei auf den Plan tritt. Mit Curling hatte der allerdings gar nichts zu tun. Medial bekannt wurde der Unternehmer, weil er mit dem Verkauf seines Erotik-Onlineshops zum Millionär wurde. Und weil er auch sonst eine interessante Person ist: Als Minimalist besitzt er lediglich 119 Gegenstände, lebt im Hotel und arbeitet nebenbei als Essenskurier.
Fit dank Olympia
Und dann plötzlich träumt Frei von Olympia. Er sei damals übergewichtig gewesen und habe fit werden wollen. Und wie macht das einer, der stets hoch hinaus will? «In meinem Kopf sind die fittesten Menschen die, die an den Olympischen Spielen teilnehmen.» Also macht sich Frei auf zu Olympia.
Die philippinisch-schweizerischen Curler bekommen davon Wind. Schon bald wird Frei zum vierten Teammitglied, und die philippinische Curling-Nationalmannschaft vom Witz zum Ernst. Frei nimmt sich einen Trainer und trainiert unermüdlich.
Das verschafft ihm sogar bei den besten Schweizer Curlern einen gewissen Respekt. Bronzemedaillengewinner Sven Michel erinnert sich: «Erst habe ich das nicht so ernst genommen. Ich dachte: Der merkt dann schon, dass es nicht so einfach ist. Aber als ich gesehen habe, wie er trainiert und trainiert und trainiert, habe ich es dann doch ernst genommen.»
Sensation in China
Und tatsächlich: Das Team ist überraschend erfolgreich. Sie schaffen den Aufstieg in die A-Liga und an den asiatischen Winterspielen gelingt sogar der Coup: Das Team gewinnt überraschend das Turnier – für die Philippinen eine Sensation. Plötzlich rückt Olympia in greifbare Nähe.
Filmemacher Daniel Schifferli hat dieses ungewöhnliche Projekt von Anfang an begleitet. Er ist selbst Curler, kennt Haller und die Pfister-Brüder schon lange. Die zweieinhalbjährige Reise dieses Teams, von der Formation bis zum Qualifikationsturnier für die Olympischen Winterspiele 2026 in Italien, hat er hautnah begleitet. Daraus ist nun der Dokumentarfilm «Long Shot – A Filipino Curling Tale» entstanden, der am Zurich Film Festival Premiere feiert.
Der Film ist nah dran an dieser Geschichte. Er zeigt Höhen und Tiefpunkte, und wie dieses Team mit Quereinsteiger Frei zu einer Einheit zusammenwächst. Schifferli hat sich während zweieinhalb Jahren an die Fersen der Mannschaft geheftet: «Ich war bei den ganzen Reisen dabei, mit Kamera und Objektiven immer im Handgepäck.» Kritische Distanz hat der Film dadurch nicht – aber es gelingt ihm, die Stimmung im Team und die Dramatik der einzelnen Spiele einzufangen.
Der Film feiert am 30. September Weltpremiere am Zurich Film Festival. Am Festival ist der Film danach zwei weitere Male zu sehen, jeweils in Anwesenheit von Regisseur Daniel Schifferli und Ex-Curler Alan Frei:
- Donnerstag, 1. Oktober, um 15:45 Uhr im Corso 2
- Freitag, 2. Oktober, um 15:00 Uhr im Arena Sihlcity 3
Wie es mit dem Film danach weitergeht, ist noch unklar. Dass «Long Shot – A Filipino Curling Tale» aber zu einem späteren Zeitpunkt regulär in den Schweizer Kinos laufen wird, ist laut Regisseur Schifferli «sehr wahrscheinlich».
Der grosse Traum platzt schliesslich hochdramatisch. Für Alan Frei kommt sein Curling-Abenteuer damit zu einem abrupten Ende. Aber natürlich hat er bereits ein nächstes Projekt ins Auge gefasst und versucht sich nun als Profi-Pokerspieler. Die anderen drei halten indes am Curling fest und wollen es weiterhin als erste Philippiner zu den Olympischen Winterspielen schaffen.
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