«Frauen übertreiben»: Arzt nahm Ronja (44) jahrelang nicht ernst

«Wieso glauben die mir nicht? Ich bin nicht verrückt, das ist real und keine Einbildung.» Diese Gedanken gehen D. (37) durch den Kopf, als sie bei einem Arzttermin verzweifelt zu weinen beginnt. Die 37-Jährige möchte anonym bleiben. Gegenüber 20 Minuten erzählt sie von Situationen, in denen sie sich mit ihren Beschwerden nicht ernst genommen fühlte.
Eine davon ereignete sich im April. Wegen starken Schwindels ging D. in den Notfall eines Schweizer Spitals. Die Blutwerte seien unauffällig gewesen. Zwei Ärzte hätten deshalb eine Panikattacke beziehungsweise eine psychosomatische Ursache vermutet. D. widersprach: «Ich fühle, dass etwas anders ist.» Sie habe darauf bestanden, weiter untersucht zu werden. Schliesslich sei ein Neurologe hinzugezogen worden. Dieser habe eine sogenannte Kristallstörung festgestellt. «Man muss immer hoffen, dass man die richtige Ärztin oder den richtigen Arzt trifft, damit man ernst genommen wird.»
Ohne Kinderwunsch keine weiteren Abklärungen
Auch R. (38) möchte anonym bleiben. Wegen Bauchschmerzen liess sie sich nach einem Autounfall bei ihrer Gynäkologin untersuchen. Dabei sei eine Zyste entdeckt worden. Bereits damals habe der Verdacht auf Endometriose bestanden. Trotzdem sei ihr gesagt worden, dass nichts weiter gemacht werde, solange sie keine stärkeren Schmerzen oder einen Kinderwunsch habe.
Dann erwähnte die 38-Jährige einen Kinderwunsch und wurde sofort an ein Endometriosezentrum überwiesen. Dort habe sich gezeigt, dass die Endometriose mehrere Organe betrifft. Die Fachpersonen hätten ihr erklärt, dass ohne Behandlung ihre Niere Schaden nehmen könnte. Die notwendige Operation werde von der Krankenkasse übernommen, ein Medical Freezing zur vorsorglichen Sicherung ihrer Fruchtbarkeit dagegen nicht. Gleichzeitig sei ihr gesagt worden, dass eine Schwangerschaft nach der Operation erschwert sein könnte. «Für mich ist das eine unglaublich schwierige und widersprüchliche Situation.»
R.s Geschichte erinnert an jene von Silvi Carlsson, über die 20 Minuten vor wenigen Wochen berichtete. Die deutsche Content-Creatorin erzählte, dass ihre Beschwerden erst umfassender abgeklärt worden seien, nachdem sie bei einem Arzttermin einen Kinderwunsch erwähnt hatte. Der Artikel sorgte für viel Aufsehen: Zahlreiche Betroffene meldeten sich danach bei uns. 20 Minuten liegen die Krankenakten der Betroffenen vor.
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Ronja leidet jahrelang
Auch Ronja (44) möchte aus privaten Gründen nicht mit ihrem richtigen Namen auftreten. Seit 2020 litt sie unter starken Rückenschmerzen. «Jede Bewegung fühlte sich an, als würden Messer im Rücken stecken.»
«Ich war davor ein sehr aktiver, sportlicher Mensch.» Joggen und Velofahren gehörten zu ihrem Leben. Mit den Schmerzen sei gesellschaftliche Teilhabe nur mit starken Schmerzmitteln möglich gewesen. Sie verlor ihren Job und war über längere Zeit vollständig arbeitsunfähig. «Man fühlte sich im eigenen Schmerz gefangen.»
«Frauen neigen dazu, zu übertreiben»
Ihre Beschwerden seien immer wieder als psychosomatisch eingeordnet worden. Eine Aussage ist Ronja in Erinnerung geblieben. Ein Arzt habe ihr gesagt: «Frauen neigen dazu, zu übertreiben, wo gar nichts ist. Sie sollten zum Psychologen, dann geht es Ihrem Rücken im Nu besser. Garantiert.»
Ronja reagierte wütend. Auch bei späteren Arztbesuchen sei es zu Auseinandersetzungen gekommen. Zweimal sei sie nach solchen Konflikten aus einer Praxis verwiesen worden. «Ich wollte mein Leben zurück. Mich wieder bewegen können ohne Schmerzen.» Trotzdem begannen die Aussagen an ihr zu nagen. Ob sie irgendwann selbst an ihren Schmerzen gezweifelt habe? «Ganz ehrlich? Manchmal war ich kurz davor.»
Was ist Medical Gaslighting?
Von Medical Gaslighting spricht man, wenn medizinisches Fachpersonal Beschwerden von Patientinnen und Patienten herunterspielt, anzweifelt oder nicht ausreichend ernst nimmt. Betroffene können dadurch das Gefühl bekommen, ihre Symptome seien eingebildet oder übertrieben. Der Begriff beschreibt ein Phänomen und ist keine medizinische Diagnose.
Das Gefühl begleitet Ronja seit ihrer Jugend
Nach einem Arztwechsel bekam Ronja 2023 ein MRI, eine für sie hilfreiche Erklärung habe sie aber auch danach nicht erhalten. Erst nach weiteren Abklärungen kam sie 2026 zu einem neuen Rückenspezialisten. Dieser diagnostizierte ein Iliosakralgelenk-Syndrom. Seit April wird sie mit Infiltrationen mit entzündungshemmenden Kortikosteroiden und Physiotherapie behandelt. «Ich kann wieder mehr am Leben teilnehmen und mich fast schmerzfrei bewegen.» Schmerzen habe sie noch immer, aber nicht mehr ständig. «Ich habe endlich jemanden, der mich ernst genommen hat.»
Schon in ihrer Jugend habe Ronja Ähnliches erlebt: Wegen starker Periodenschmerzen habe sie sich zeitweise krankschreiben lassen und zu hören bekommen, ihre Beschwerden seien «psychosomatisch» und sie solle sich «nicht so anstellen». Andere Frauen würden schliesslich auch während ihrer Periode arbeiten. Ein Arzt habe ihr gesagt, die Beschwerden würden sich legen, sobald sie Kinder bekomme. Für Ronja haben sich diese Erlebnisse über die Jahre zu einem grundsätzlichen Gefühl verdichtet. «Manchmal finde ich es sehr erschreckend, dass uns Frauen nicht geglaubt wird.»
Wozu würdest du jemandem raten, der oder die sich bei Arztbesuchen nicht ernst genommen fühlt?
«Wir Frauen müssen da halt durch»
Auch Alexandra (56) berichtet 20 Minuten von jahrzehntelangen Beschwerden durch Endometriose und Myome. Erst die dritte Gynäkologin habe sie ernst genommen. Von ihrer vorherigen Ärztin sei ihr ein Satz geblieben: «Wir Frauen müssen da halt durch.»
Vor drei Jahren wurde Alexandras Gebärmutter entfernt. Als im Frühling erneut Schmerzen auftraten, mussten Eileiter und Eierstöcke notfallmässig entfernt werden. «Wenn ich bedenke, wie viel Lebensqualität mir entgangen ist, könnte ich weinen», sagt sie. Anderen Betroffenen rät sie: «Bleibt hartnäckig, holt euch eine zweite, dritte oder vierte Meinung, aber gebt nicht auf.»
«Kinderwunsch wird zum Schlüssel für Abklärung»
Warum führt ein Kinderwunsch plötzlich zu weiteren Untersuchungen? Dr. med. Nadja Pauli, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, erklärt, was medizinisch dahintersteckt und warum bei Patientinnen trotzdem der Eindruck entstehen kann, zuvor nicht ernst genommen worden zu sein.
Frau Dr. Pauli, kann ein Kinderwunsch beeinflussen, welche Untersuchungen gemacht werden?
Ja, und das hat einen medizinischen Grund. Wie gründlich wir abklären, hängt davon ab, was wir behandeln wollen. Bei einer Frau mit unregelmässigem Zyklus oder starken Regelschmerzen müssen wir etwa wissen, ob ein Eisprung stattfindet oder eine hormonelle Störung, Infektion, Myome oder Endometriose vorliegen. Bei Kinderwunsch kommen Untersuchungen hinzu, die für eine Schwangerschaft relevant sind, etwa zu Impfschutz, Eisenwerten oder Medikamenten. Bleibt die Schwangerschaft aus, wird auch der Partner untersucht.
2. Können Patientinnen dadurch den Eindruck bekommen, mit Kinderwunsch ernster genommen zu werden?
Ja, diesen Eindruck kann ich gut nachvollziehen. Von aussen sieht es tatsächlich so aus, als würde plötzlich viel mehr gemacht. Beschwerden von Frauen wurden in der Medizin lange unterschätzt, gerade Schmerzen. Bei Endometriose oder Lichen sclerosus dauert es bis zur Diagnose noch immer mehrere Jahre. Studien zufolge braucht es teils bis zu vier gynäkologische Konsultationen, bis eine Diagnose gestellt wird. Wichtig ist deshalb auch die Frage, was die Patientin selbst will und dass sie aktiv in die Konsultation einbezogen wird.
3. Welche Rolle spielen Gesundheitssystem und Kostenübernahme in der Schweiz?
Wir unterscheiden zwischen medizinisch notwendigen Leistungen und Selbstzahlerleistungen. Ein vaginaler Ultraschall zur Vorsorge bei beschwerdefreien Patientinnen oder ein AMH-Wert ohne konkreten Anlass müssen oft selbst bezahlt werden. Bei Kinderwunsch oder unerfülltem Kinderwunsch besteht hingegen eine medizinische Indikation, dann übernimmt die Krankenkasse entsprechende Abklärungen. Der Kinderwunsch wird so gewissermassen zum Schlüssel für die Abklärung.
Die Abklärung von Beschwerden, Schmerzen und unerfülltem Kinderwunsch gehört zur Grundversicherung. Auch bis zu drei Inseminationszyklen werden übernommen. IVF- und ICSI-Behandlungen müssen Paare hingegen selbst bezahlen.
Carolina Lermann (ler) arbeitet seit Mai 2023 für 20 Minuten. Sie ist Redaktorin für Body & Soul im Lifestyle-Ressort und schreibt über Erziehung, Sport und Psychologie.
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