Zeigen Museen bald nur noch Kopien ihrer Schätze?

Nach dem Louvre-Coup
Zeigen Museen bald nur noch Kopien ihrer Schätze?
Neun Schmuckstücke gestohlen, weitere Juwelen in Sicherheit gebracht: Nach dem spektakulären Raub im Louvre stellt sich für Museen in ganz Europa eine heikle Frage. Sollen sie ihre wertvollsten Originale weiterhin ausstellen oder künftig lieber auf täuschend echte Kopien setzen?
Publiziert: vor 26 Minuten
Wer heute die Apollo-Galerie im Pariser Louvre besucht, sieht nicht mehr alle Schmuckstücke, die jahrzehntelang zu den bekanntesten Attraktionen des Museums gehörten. Nach dem Diebstahl von neun kostbaren Schmuckstücken wurden auch die verbliebenen Preziosen an einen sichereren Ort gebracht.
Die Galerie ist seit Juli wieder für das Publikum geöffnet. Skulpturen und kunstvoll verzierte Decken können Besucherinnen und Besucher weiterhin bewundern. Doch ausgerechnet die berühmten Juwelen fehlen in den Vitrinen. Das Museum sucht nach einer Lösung, um die wertvollen Originale künftig wieder sicherer präsentieren zu können.
Diebe schlagen in wenigen Minuten zu
Der Louvre ist längst nicht das einzige europäische Museum, das ins Visier von Einbrechern geraten ist. Ende August drangen Täter in ein Museum im spanischen Villena ein. Innerhalb von rund vier Minuten erbeuteten sie mehrere Gegenstände aus der Bronzezeit, darunter Gefässe und Armreifen. Das gestohlene Gold wog insgesamt fast zehn Kilogramm.
Weniger als zwei Wochen später verschwanden vier Gemälde aus einem Museum zu Ehren des Malers Pierre-Auguste Renoir in Cagnes-sur-Mer an der französischen Riviera. Zwei Bilder tauchten später in nahe gelegenen Gärten wieder auf. Zwei weitere blieben verschwunden.
Auch im französischen Burgund schlugen Diebe zu. Sie gaben sich als gewöhnliche Museumsbesucher aus und stahlen einen rund 2500 Jahre alten goldenen Halsreif aus der keltischen Epoche. Das Schmuckstück gehört zum berühmten Schatz von Vix.
Nach Einschätzung von Europol handelt es sich nicht bloss um eine Reihe unglücklicher Einzelfälle. Die Informationen aus den Mitgliedstaaten deuteten auf einen deutlichen Anstieg von Museumsraubüberfällen seit etwa 2022 und 2023 hin, sagte Jean-Yves Goriou, Leiter einer Europol-Einheit für organisierte Kriminalität.
Immer häufiger kommt Gewalt ins Spiel
Nicht nur die Zahl der Überfälle bereitet Sorgen, sondern auch die Vorgehensweise der Täter. Sie greifen zunehmend zu Hämmern und Äxten, um Vitrinen aufzubrechen. Teilweise setzen sie auch Schusswaffen ein, um Mitarbeitende und Besucher einzuschüchtern.
Das Museumspersonal kann bei solchen Überfällen angegriffen oder bewegungsunfähig gemacht werden. Sicherheitsexperten sehen Kulturinstitutionen deshalb unter wachsendem Druck.
Dabei stehen Museen vor einem grundsätzlichen Dilemma: Sie sollen ihre Sammlungen schützen, müssen aber gleichzeitig für die Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Sie lassen sich deshalb nicht einfach wie abgeschlossene Lagerhallen oder Tresorräume sichern. Hinzu kommen häufig begrenzte Budgets.
Für grosse Häuser wie den Louvre dürfte der Verlust einzelner Ausstellungsstücke nicht zwangsläufig einen massiven Rückgang der Besucherzahlen bedeuten. Bei kleineren Regionalmuseen kann es dagegen schwer wiegen, wenn ausgerechnet ihr bedeutendstes Exponat verschwindet. Schliesslich ist es oft genau dieser Schatz, der Menschen überhaupt erst in das Museum lockt.
Ein Beispiel dafür ist der Schatz von Villena. Die wertvollen Gegenstände waren fast 3000 Jahre lang verborgen, bis der Archäologe José María Soler García sie 1963 der Öffentlichkeit präsentierte. Seither ist die Sammlung eng mit der Identität der spanischen Stadt verbunden.
Sollen Kopien die Originale ersetzen?
Nach den jüngsten Diebstählen wird deshalb vermehrt diskutiert, ob Museen ihre wertvollsten Stücke überhaupt noch im Original zeigen sollten.
Beim keltischen Goldhalsreif von Vix gab es bereits vor dem Diebstahl zwei Nachbildungen. Diese können auch nach dem Verschwinden des Originals ausgestellt werden. Ein vergleichbares Vorgehen wäre künftig auch für andere Museen denkbar, insbesondere bei besonders wertvollen oder gefährdeten Exponaten.
Doch die Idee hat einen Haken. Für viele Menschen besteht der besondere Reiz eines Museumsbesuchs gerade darin, einem echten Gegenstand aus der Vergangenheit gegenüberzustehen. Ein Schmuckstück, das vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden tatsächlich von Menschen gefertigt oder getragen wurde, vermittelt eine andere Nähe zur Geschichte als eine noch so perfekte Kopie.
Fachleute sehen in diesem Bewusstsein einen wichtigen Teil des emotionalen Erlebnisses. Eine Nachbildung mag dem Original täuschend ähnlich sehen. Das Gefühl, tatsächlich vor einem einzigartigen historischen Gegenstand zu stehen, kann sie aber nicht vollständig ersetzen.
Damit stehen europäische Museen vor einer schwierigen Entscheidung: Wie lassen sich unersetzliche Kulturschätze schützen, ohne sie dem Publikum vorzuenthalten? Eine einfache Antwort darauf gibt es bislang nicht.
Dieser Artikel erschien zuerst auf aktuality.sk. Das slowakische Newsportal gehört wie Blick zu Ringier.
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