Lisa: «Irgendwann trank meine Mutter auch morgens»

- Lisa (42) wuchs in Zürich mit einer alkoholkranken Mutter und einem spielsüchtigen Vater auf.
- Schon als Jugendliche übernahm sie Verantwortung für ihre Familie und ihren jüngeren Bruder.
- Heute hat sie gelernt, sich abzugrenzen. Ihren eigenen Kindern will sie eine andere Kindheit ermöglichen.
«Meine Mutter ist alkoholkrank, seit ich denken kann», erzählt Lisa* (42). Jahrzehntelang versuchte die Zürcherin, ihrer Mutter zu helfen. Heute hat sie akzeptiert, dass sie deren Sucht nicht besiegen kann. «Mittlerweile warte ich nur noch auf den Anruf mit der Nachricht, dass sie verstorben ist.» Ein Satz, der hart klingt. Doch dahinter stecken Jahre voller Sorgen, Verantwortung und Enttäuschungen, wie Lisa im Interview erzählt.
Dabei erinnert sie sich durchaus an schöne Momente ihrer Kindheit. Ihr Vater hatte einen guten Job, ihre Mutter war Hausfrau. «Wir hatten immer wunderschöne Sommerferien. Eigentlich war alles ganz normal bei uns.» Doch Alkohol und Glücksspiel gehörten früh zum Familienalltag.
«Ich konnte sie doch nicht im Stich lassen»
Die Familie verbrachte viel Zeit in Zürcher Kneipen, auf Fussball- und später Tennisplätzen. Manchmal gingen die Feiern zu Hause weiter, mit lauter Musik bis spät in die Nacht. Sogar die Polizei rückte wegen Ruhestörung an. Dass etwas nicht stimmte, erkannte Lisa damals nicht. «Ich kannte es ja nicht anders.»
Nach der Geburt ihres Bruders verschlechterte sich die Situation zunehmend. Die Eltern trennten sich, ihre Mutter musste wieder arbeiten und trank immer häufiger. «Irgendwann auch morgens.» Lisa übernahm immer mehr Aufgaben zu Hause.
Lange verteidigte Lisa ihre Mutter. Für jedes Verhalten fand sie eine Entschuldigung. «Aus Liebe, Hoffnung und Angst, dass man wegkommt.» Erst ein guter Freund machte die junge Lisa darauf aufmerksam, dass der Alkoholkonsum ihrer Mutter nicht normal war.
Obwohl sie selbst Unterstützung gebraucht hätte, versuchte Lisa, ihre Mutter zu retten. Sie suchte sogar Hilfe bei den Anonymen Alkoholikern in Zürich. Vergeblich. «Sie hat kein Problem und will keine Hilfe», sagt Lisa über die Haltung ihrer Mutter.
«Ich bekam nie Liebe von meiner Mutter»
Mit etwa 20 Jahren zog sie schliesslich aus. «Ich wollte langsam mein eigenes Leben leben. Aber ich war irgendwie gefangen.» Als ihre Mutter alleine nicht mehr zurechtkam, wandte sich Lisa an den Sozialdienst der Stadt Zürich. «Die haben mich sehr unterstützt. Ich hätte nicht gewusst, was ich sonst machen soll.»
Heute lebt ihre Mutter in einem betreuten Wohnheim. Lisa besucht sie alle zwei Wochen. An Weihnachten kommt sie zu ihrer Familie. Mehr Nähe gibt es kaum noch. «Ich wurde nie geschlagen, aber bekam auch keine Liebe von meiner Mutter», sagt Lisa.
Wie soll dein Umfeld mit einer Suchterkrankung in der Familie umgehen?
Die Folgen spürt sie bis heute. «Ich merke immer wieder, dass ich gefühlsmässig anders bin.» Sie beschreibt sich als direkt und realistisch, manchmal auch verletzend. Gefühle zeigt sie kaum. Erst als sie ihren Mann kennenlernte, hatte sie jemanden, auf den sie sich verlassen konnte. «Davor war ich 28 Jahre lang nur auf mich gestellt.»
«Ich will damit abschliessen»
Trotz allem verurteilt Lisa ihre Mutter nicht. Sie weiss, wie schwierig deren Leben war: alleinerziehend, ohne Unterhaltszahlungen und umgeben von Menschen, die sich zurückzogen, als die Sucht schlimmer wurde.
Dass Lisa inzwischen auf den Tod ihrer Mutter wartet, hat für sie mehrere Gründe. «Mich macht es traurig, dass sie überhaupt keine Lebensfreude mehr hat.» Dazu komme die Erschöpfung, weil sich ohnehin nichts ändere. «Und der Wunsch, dass sie endlich ihren Frieden findet und ich wahrscheinlich abschliessen kann.»
Heute ist Lisa selbst Mutter. Ihren Kindern möchte sie vor allem eines geben: «Liebe, Geborgenheit, Zugehörigkeit, Sicherheit, gemeinsame Zeit und Kommunikation.»
«Ich bin nicht schuld»
Anderen Betroffenen rät sie, sich früh Hilfe zu holen. «Als Kind ist es emotional unheimlich schwer. Man schämt sich und hat das Gefühl, man hintergeht die Eltern.» Auch das Umfeld müsse genauer hinschauen.
Lisa möchte mit ihrer Geschichte das Schweigen brechen. «Ich wünsche allen Kindern ein liebevolles und sicheres Zuhause ohne Angst.» Heute geniesst sie ihr Leben mit ihrer eigenen kleinen Familie. Und vor allem hat sie eines gelernt: «Ich bin nicht schuld.»
*Name geändert.
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