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Sunday, October 18, 2026

Literat in der Schweiz – Genf war Borges’ grosse Liebe

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«Von allen Städten der Welt, von den vielfältigen und vertrauten Heimaten, die ein Mensch im Laufe seiner Reisen sucht und sich verdient, erscheint mir Genf als diejenige Heimat, die dem Glück am förderlichsten ist.»

Mit einer Eloge würdigte Jorge Luis Borges Genf eineinhalb Jahre vor seinem Tod. Diese Stadt liess den Jahrhundertschriftsteller und Weltbürger stets zur Ruhe kommen. Genf liess Borges Borges sein.

Ein letzter Wunsch

Im Herzen der Altstadt, an der Grande Rue 28, steht ein schlichtes, und in seiner Schlichtheit umwerfend schönes Haus. Hier ist Jorge Luis Borges gestorben. Das sei sein letzter Wunsch gewesen, sagt der Argentinier Marcos Liyo, der seit Jugendjahren Borges liest und heute Borges-Stadtführungen anbietet.

Steingepflasterte Strasse mit historischen Gebäuden und einem Mann in einem grauen T-Shirt vor einem Geschäft.
Legende: Nach einer Krebsdiagnose habe der 86-Jährige entschieden, seine letzten Tage am Ort seiner Glückseligkeit zu verbringen. Marcos Liyo steht vor dem Haus in der Grande Rue 28. SRF/Philippe Reichen

Genf und Borges: Diese Verbindung sei voller Geheimnisse. Genf sei für Borges ein verborgener Schatz und geheimer Garten gewesen, sagt Liyo.

Prägende Schuljahre

Borges’ Zuneigung zur Stadt hat viel mit seiner Zeit am Collège Calvin zu tun, einer renommierten Bildungsinstitution. Seine Familie war vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs von Argentinien nach Genf gezogen und blieb da wegen des Kriegs blockiert.

In Buenos Aires war der 15-jährige Jorge Luis von der Grossmutter unterrichtet worden. Jetzt durfte er aufs Collège Calvin und verspürte pures Glück. Zwei Mitschüler seien Freunde fürs Leben geworden, sagt Liyo. Geprägt habe ihn auch der Sprachunterricht. Borges sei zweisprachig aufgewachsen, habe Spanisch und Englisch beherrscht und in Genf zusätzlich Französisch, Deutsch und Latein gelernt.

Der Sprachunterricht eröffnete ihm neue Welten und in jeder freien Minute las er Bücher. Borges wuchs zu jenem philosophisch-literarischen Universalgenie heran, als das ihn die Nachwelt in Erinnerung behält. Zurück in Buenos Aires wurde er Direktor der Nationalbibliothek und ein preisgekrönter Schriftsteller. Nur der Literaturnobelpreis blieb ihm verwehrt. Genf blieb eine zweite Heimat, die er regelmässig besuchte.

Letzte Rückkehr nach Genf

Schwerkrank wünschte Jorge Luis Borges, in Genf zu sterben und begraben zu werden. Sein Grab ist auf dem Cimetière des Rois, dem Friedhof der Könige, ist gesät von Kugelschreibern, die Besucherinnen und Besucher zu seinen Ehren in die Erde steckten. Das Grab von Reformator Jean Calvin, dem wohl bedeutendsten Genfer, liegt ganz in der Nähe.

Für Marcos Liyo aber ist klar: Jorge Luis Borges sei die wichtigste Figur auf diesem Friedhof. Wegen seiner Beziehung zu dieser Stadt, vor allem aber wegen seiner weltweiten Bedeutung.

So gross die Zuneigung von Borges für Genf war, erscheint sie heute recht einseitig. Die Stadt hat weder ein Borges-Archiv noch einen Erinnerungsort. Beginnt Genf, den berühmten Schriftsteller zu vergessen?

Nein, es gehe um etwas ganz anderes, sagt Donatella Bernardi, Direktorin des Literaturhauses Jean-Jacques Rousseau. In Argentinien sei Borges ein Künstler des öffentlichen Lebens gewesen. Die Leute hätten ihm Kaffee und Taxifahrten offeriert. In Genf hätte sich das niemand erlaubt, aus Respekt, nicht aus Verachtung.

Die Genfer Zurückhaltung, Borges schätzte sie und versprach der Stadt ewige Treue. «Genf weiss fast nicht, dass es Genf ist. Die grossen Schatten von Calvin, Rousseau, Amiel und Ferdinand Hodler sind hier präsent. Doch niemand erinnert den Reisenden daran. Ich weiss, dass ich immer wieder nach Genf zurückkehren werde. Vielleicht sogar nach dem Tod meines Körpers.»

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