Die ewige Nummer zwei – Bernhard Stirnemann: Ein Leben im Schatten von Mani Matter

Wer an Berner Chansons denkt, denkt an Mani Matter. «Warum syt dir so truurig?» oder «I han es Zündhölzli azündt»: Matters Lieder gehören auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung noch immer zu den bekanntesten und beliebtesten schweizerdeutschen Chansons.
Der vergessene Troubadour
Doch einer, der das Berner Chanson ebenfalls prägte, blieb stets im Schatten von Matter: Bernhard Stirnemann. Zwar gehörte er zu den legendären Berner Troubadours, stand aber zeitlebens in der zweiten Reihe hinter Matter. «Mani Matter hat wie ein Leuchtstern alle überstrahlt», sagt Rolf Marti, Musiker und Herausgeber der neuen Stirnemann-Biografie «E fräche Siech».
«Ich denke schon, dass Bernhard Stirnemann darunter gelitten hat», so Marti. Bis heute erlebe er bei Gesprächen über das Berner Chanson denselben Reflex: «Selbst bekannte Stücke Stirnemanns, wie etwa ‹Mys Käthi›, werden vom Publikum reflexartig Mani Matter zugeschrieben.» Dabei verdiene Stirnemann, der 2011 verstorben ist, mehr Aufmerksamkeit.
Aussenseiter, Liedermacher und Politiker
Bernhard Stirnemann wurde 1936 in Bern geboren und wuchs im Arbeiterquartier Matte auf, in einer katholischen Familie inmitten der protestantischen Stadt. Stirnemanns musikalisches Werk sei eng mit seiner Biografie verwoben, so Marti.
«Er sah sich selbst als Aussenseiter und fühlte sich Aussenseitern, Narren und gefallenen Engeln zugetan. Er war politisch und aufmüpfig.» Dieses Selbstverständnis zeige sich auch in seinen Liedern, in denen es immer wieder um Figuren am Rand der Gesellschaft gehe.
Es gibt Dinge im Leben und im Staat, die sind unnötig und vielleicht sogar unvernünftig, aber sie sind halt schön.
Stirnemann war nicht nur Liedermacher, sondern auch Theatermacher, Lehrer und Politiker. Er brach eine Schreinerlehre ab und widmete sich dem französischen Chanson und dem Theater. Zudem politisierte er für die SP im Berner Stadtrat sowie im Kantonsparlament. «Er hat zum Beispiel erreicht, dass auch Kleintheater in der Stadt Bern finanziell unterstützt werden.»
Stirnemann habe den Begriff «Kultur» sehr breit ausgelegt. So habe er sich im Grossen Rat etwa für den Erhalt der Dampfschiffe «Lötschberg» und «Blümlisalp» eingesetzt. «Er hat das mit Witz gemacht, wie das Protokoll belegt», sagt Marti.
«Er hat argumentiert: ‹Es gibt Dinge im Leben und im Staat, die sind unnötig und vielleicht sogar unvernünftig, aber sie sind halt schön.› Und zog das Berner Münster als Beispiel heran: ‹Gemessen an der Frömmigkeit der alten Berner hätte es kein Münster gebraucht. Damit sie in den Himmel kämen, hätte die alte Nydeggkirche längstens genügt. Das Berner Münster: unnötig, aber schön.›»
Warum erreichte Matter Kultstatus, Stirnemann aber nicht?
Dass Stirnemann mit seiner Musik nie dieselbe Popularität erreichte wie Mani Matter, erklärt sich Rolf Marti mit der Zugänglichkeit von Matters Liedern. «Mani Matters Texte wirken auf einer ersten Ebene wie einfache Kinderlieder und offenbaren erst auf einen zweiten Blick philosophische Tiefe.» Im Gegensatz dazu habe Stirnemann ganz anders getextet: «Er ist viel direkter und unverblümter. Er machte keine Kinderlieder, sondern Lieder für Erwachsene.»
Im September wäre Bernhard Stirnemann 90 Jahre alt geworden. Mit der neuen Biografie soll er nun mehr Aufmerksamkeit erhalten. Oder wie Rolf Marti sagt: «Er verdient es, nun endlich aus dem Schatten geholt zu werden.»
Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 16.10.2026, 17:30 Uhr ; lana/stes;ledn;liea
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