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Monday, October 19, 2026

Hasib (27): «Es hiess immer, ich schaffe eh nichts»

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  • Vom Asylkind zum Model: Hasib (27) hat sich nach einer schwierigen Kindheit ein neues Leben aufgebaut.
  • Er wächst im Asylheim in Pfäffikon auf, wird gemobbt, erlebt Gewalt und bricht später den Kontakt zu den Eltern ab.
  • Mit 19 steht er erstmals vor der Kamera und spielt heute in Kurzfilmen und Werbungen, unter anderem für Migros und Galaxus.

Hasib hört seine Mutter schreien, noch bevor er das Haus betritt. Er kommt gerade von der Schule nach Hause, er geht in die dritte Klasse. Drinnen streitet seine Mutter mit einer Nachbarin. «Ich wusste nie, was mich erwartet», erinnert sich der heute 27-Jährige, während sich neben ihm der Zürcher Stadtverkehr über eine Kreuzung schiebt.

Bis er elf Jahre alt war, wuchs Hasib in einem Asylheim in Pfäffikon auf. In einem Gebäude mit «mega vielen Stöcken und mega vielen Zimmern», wie er sagt. Zwei davon bekommt die Familie. Privatsphäre gibt es kaum – selbst auf der Toilette trennt ihn nur ein Vorhang von den anderen. Er erzählt von Menschen, die aufeinander einschlagen oder sogar einstechen. Von einer Frau, die blutet, während andere danebenstehen und zuschauen. Von einer Nachbarin, die nachts vor ihrem gewalttätigen Mann ins Zimmer seiner Familie flüchtet.

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Zu Hause und in der Schule wird Hasib gemobbt

Auch Hasibs Familie ist geflüchtet, aus Afghanistan. «Meine Mutter war damals mit mir schwanger.» Seine ältere Schwester sei noch in Afghanistan geboren oder in Pakistan, so genau wisse das Hasib nicht, es sei zu Hause kaum darüber gesprochen worden. Allgemein seien erklärende oder warme Worte eine Seltenheit gewesen.

Hasib wächst in einem Asylheim in Pfäffikon auf, wird in der Schule gemobbt und erfährt zu Hause Gewalt. Mit elf Jahren spricht er vor der Gemeinde vor und erhält als Erster in seiner Familie den Schweizer Pass.

Hasib wächst in einem Asylheim in Pfäffikon auf, wird in der Schule gemobbt und erfährt zu Hause Gewalt. Mit elf Jahren spricht er vor der Gemeinde vor und erhält als Erster in seiner Familie den Schweizer Pass.Privat

Sein Vater sei Alkoholiker und häufig gewalttätig gewesen, besonders gegenüber Hasibs Mutter. Diese wiederum habe ihren Sohn häufig abgewertet. «Ich wurde dauernd von meinen Eltern kritisiert. Für die Art, wie ich lief. Für die Art, wie ich redete. Für die Art, wie ich spielte», erzählt Hasib leise, während er seine Beine unter dem kleinen Bistro-Tisch übereinanderschlägt.

Auch in der Schule sei Hasib gemobbt worden. Weil er im Asylheim lebte. Weil er andere Interessen hatte als die Jungen in seiner Klasse. Irgendwann habe er kaum noch Freunde gehabt. «Ich habe das Vertrauen in andere verloren und auch irgendwann in mich selbst», sagt er. Er sei immer stiller geworden, habe sich immer mehr zurückgezogen.

Die Wohnung der Tante wird zum Zufluchtsort

Dabei sei er als Kind «mega bunt» gewesen. Wenn seine Cousins zu Besuch kamen, hätten sie Geschichten erfunden und mit einem alten Handy kleine Filme gedreht. Doch seine Eltern hätten mit dieser Seite ihres Sohnes wenig anfangen können. «Es hat sich angefühlt, als hätte ich Flügel, die von ihnen immer wieder abgeschnitten wurden.»

Einen Ort, an dem er sich sicher fühlt, findet Hasib bei seiner Tante. Wenn der Streit zu Hause eskaliert, wenn die Polizei mal wieder vor der Türe steht, dann flüchtet er mitten in der Nacht zu ihr. «Meine Tante war für mich der einzige sichere Hafen.»

Die Bilder von zu Hause hätten ihn trotzdem begleitet. Am Montag sei er wieder in der Schule gesessen, vor sich eine Matheaufgabe, im Kopf die Gewalt vom Wochenende. «Das hat sich in meinen Noten bemerkbar gemacht.» Als Hasib eine KV-Lehre ins Auge fasst, habe sein Lehrer ihm gesagt, das sei nichts für ihn. Er solle es gar nicht erst versuchen. «Also habe ich es sein gelassen.»

Keinen Kontakt mehr zu den Eltern

Nach dem zehnten Schuljahr habe er deshalb eine Lehre in einem kleinen Bio-Laden begonnen. Mit 18 Jahren sei er in eine Depression geraten, mit 20 habe er drei Monate in einer psychiatrischen Klinik verbracht. «Alles war zu viel. Ich konnte nicht mehr», erzählt er, den Blick starr auf den Minztee gerichtet, den er immer wieder umrührt.

In dieser Zeit hätten sich seine Eltern endgültig getrennt. Für Hasib habe sich damit ein Kindheitswunsch erfüllt: ein Zuhause ohne den aggressiven Vater. Doch auch das Zusammenleben mit der Mutter sei schwierig geblieben. «Sie hat mich weiter abgewertet, mich mehrmals rausgeworfen», erzählt er. Irgendwann habe er es nicht mehr ausgehalten.

Hasib sei in eine kleine Genossenschaftswohnung in Zürich gezogen, in der er heute noch lebt. Den Kontakt zur Mutter habe er abgebrochen. Auch mit seinem Vater spreche er nicht mehr. Dass dieser nach Afghanistan zurückgekehrt sei, habe er erst später über seine Tante erfahren.

Vor der Kamera fühlt er sich lebendig

Hasib beginnt, wieder mehr an sich selbst zu glauben. Den ersten Schritt dahin habe er noch während der schwierigen Jahre zu Hause gemacht: Mit 19 sei er von einem Fotografen auf Instagram angeschrieben und zu einem Shooting eingeladen worden. Später habe er sich bei einer Modelagentur und bei Agenturen für Statisten beworben. Er habe mit kleinen Rollen begonnen und sich dann immer mehr Screentime erarbeitet. Er spielt in Kurzfilmen mit, dann folgen Modenschauen und Auftritte in Werbungen, unter anderem für Migros und Galaxus, erzählt er sichtlich stolz und zeigt kurze Videoausschnitte auf seinem Instagram-Profil.

Hasib ist unter anderem in einer aktuellen Galaxus-Werbung zu sehen.

Aktuell arbeitet er an einem Kurzfilm über Migration und Selbstfindung – in der Hauptrolle. «Ausgerechnet die Art, mich zu bewegen und auszudrücken, für die ich früher ausgelacht wurde, ist jetzt gefragt.» Immer wenn er am Set sei, fühle er sich so richtig lebendig, sagt Hasib. «Ich hole mir endlich meine Identität zurück.»

Auch das KV geht er schliesslich an. Mit 24 Jahren habe er die Ausbildung angefangen und inzwischen abgeschlossen. Derzeit leistet er Zivildienst in der Rechtsberatung für Asyl und Migration. Die Geschichten dort berührten ihn. «Ich hätte genauso in Afghanistan geboren und aufwachsen können.»

Früher habe er seine afghanische Herkunft gehasst

Auch dadurch habe er mit seiner afghanischen Herkunft inzwischen Frieden geschlossen. Als Kind habe er die Kultur gehasst. «Ich habe sie zu sehr damit verbunden, was ich zu Hause erlebt habe: Frauen, die in der Küche standen, während die Männer Karten spielten und Familienfeste, die in Gewalt endeten.»

Heute sieht er auch anderes: die Gastfreundschaft, die Musik, das Essen. Und die Lebensfreude der Menschen, denen er bei seiner Arbeit begegnet – trotz ihrer oft schwierigen Situation. «Ich habe einen neuen Zugang zu meiner Kultur und zu meinem Hintergrund als Afghane gefunden.»

Obwohl er sein Leben in kurzer Zeit zum Positiven gewendet hat, bleibt ein Wunsch: «Ich liebe Horrorfilme. Irgendwann möchte ich selbst in einem mitspielen, und zwar als richtig creepy Charakter», sagt Hasib und lacht.

Carolin Teufelberger

Carolin Teufelberger (cat) arbeitet seit 2024 für 20 Minuten als Redaktorin beim Ressort News, Wirtschaft & Videoreportagen.

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