Kann eine Frau Milch bilden, wenn ihre Freundin Mutter wird?

- Über eine halbe Million Mal wurde ein Tiktok-Video von Influencerin Hanni zum Milcheinschuss bei der Freundin angesehen.
- Hanni berichtet, ihre Brüste seien nach der Geburt des Kindes ihrer besten Freundin stark angeschwollen.
- Gynäkologin Johanna Janku sagt, dass sozialer oder körperlicher Kontakt allein keine Milchbildung auslöse.
- Der Milcheinschuss tritt normalerweise zwei bis vier Tage nach der Geburt ein und wird hormonell gesteuert.
«Als meine beste Freundin ein Kind zur Welt brachte, bekam ich Milcheinschuss», erzählt die deutsche Influencerin Hanni im Podcast «Halbsowild» auf Tiktok. «Ich verbrachte während der Schwangerschaft und danach viel Zeit mit ihr. Meine Brüste waren so gross, ich dachte, ich sei selber schwanger.» Das Video, welches schon über eine halbe Million Aufrufe hat, wurde fleissig geteilt und kommentiert.
Unter dem Video reagieren zahlreiche Nutzerinnen mit eigenen Erfahrungen: «Crazy, ich dachte, es ging nur mir so. Ich hatte das, als meine beste Freundin schwanger war», schreibt jemand. Eine andere Person meint: «Das ist aber ultra süss irgendwie.» Auch CallMeJessy berichtet, sie habe es bei der Geburt ihrer Nichte ebenfalls erlebt und sei «ausgelaufen». Ihr Frauenarzt habe ihr daraufhin eine Abstilltablette gegeben.
Medizinisch gibt es keine Beweise
Doch ist dies tatsächlich medizinisch möglich? Gynäkologin Johanna Janku zeigt sich skeptisch: «Es ist wissenschaftlich nicht belegt, dass allein enger sozialer oder körperlicher Kontakt zu einer stillenden Mutter und ihrem Baby bei einer selbst nicht stillenden Frau eine Milchbildung auslöst.»
Über die Expertin
Dr. med. Johanna Janku ist Fachärztin FMH für Gynäkologie und Geburtshilfe und Gründerin von Oh Yes Baby Yes, einer Praxis für Sexual- und Paartherapie.
Eine Nutzerin vermutet in der Kommentarspalte, das Phänomen habe mit dem früher verbreiteten gegenseitigen Stillen zu tun. Ammenwesen und gemeinschaftliche Formen des Stillens seien tatsächlich historisch dokumentiert, bestätigt Janku. «Frauen, die bereits stillten, haben auch andere Säuglinge ernährt. Eine Erklärung dafür, dass eine nicht stillende Frau allein durch die Nähe zu einem Baby Milch bildet, ist das jedoch nicht.»
Was ist «Milcheinschuss»?
Medizinisch bezeichnet man den sogenannten Milcheinschuss als sekretorische Aktivierung. Sie tritt typischerweise zwei bis vier Tage nach der Geburt ein. Auslöser ist der abrupte Abfall des Hormons Progesteron nach der Geburt der Plazenta bei bereits erhöhtem Prolaktinspiegel. Prolaktin ist ein Hormon, welches die Milchbildung in der Brust anregt. Dass die gebildete Milch durch die Milchgänge zur Brustwarze transportiert wird, dafür sorgt Oxytocin. Das sogenannte «Kuschelhormon» steuert den Milchspendereflex.
Anders sei es bei Frauen, die bereits stillen. «Bei ihnen können Sinnesreize wie das Weinen eines Babys den Milchspendereflex auslösen», so Janku. Das erzählen auch Frauen in der Kommentarspalte auf Tiktok. So schreibt etwa eine Frau: «Ich bin momentan am Stillen. Als letztens ein Baby im Fahrstuhl weinte, ist mir das auch passiert.»
Stillen bei Adoption
Weiter ist laut der Gynäkologin Janku die sogenannte induzierte Laktation, also «die gezielte Anregung der Milchbildung ohne vorhergehende Schwangerschaft», möglich. Dies werde zum Beispiel bei Adoptivmüttern angewendet. «Sie kann durch regelmässige mechanische Stimulation mittels Saugen oder Abpumpen angeregt und gegebenenfalls hormonell oder medikamentös unterstützt werden.» Janku betont jedoch: «Eine für die Ernährung des Säuglings ausreichende Milchmenge ist nicht garantiert, und der Erfolg ist individuell.»
Wer ausserhalb von Schwangerschaft oder Stillzeit einen neu aufgetretenen milchigen Brustwarzenausfluss bemerkt, soll dies laut Janku ärztlich abklären lassen. «Häufig liegen gutartige Ursachen vor, beispielsweise bestimmte Medikamente, eine Schilddrüsenunterfunktion oder ein erhöhter Prolaktinspiegel.» Brustwarzenausfluss könne aber auch auf eine Erkrankung der Brust hinweisen, in seltenen Fällen auf Brustkrebs.
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Anja Zingg (anz), arbeitet seit 2020 bei 20 Minuten. Sie ist seit Juni 2023 Leiterin des Ressorts Gesellschaft & Community.
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