Bezug des Pensionskassengelds: So reicht das Kapital auch in der Rente bis zum Lebensende
Die, die es am wenigsten nötig hätten, sorgen sich oft am meisten. Diese Erfahrung macht Iwan Brot, unabhängiger Finanzplaner. Er hilft Menschen, ihr Vermögen nach der Pensionierung so einzuteilen, dass es bis zum Lebensende reicht.
Wer Millionen auf dem Konto hat, kann den Taschenrechner getrost beiseitelegen. Doch meist tun dies die Falschen. «Planung vernachlässigen oft jene, die sie am dringendsten bräuchten», sagt Brot im Gespräch mit dem Beobachter.
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Ohne Haushaltsbudget geht es nicht
Das mag daran liegen, dass die Aufgabe zunächst ultrakompliziert erscheint. Doch im Grunde ist es ziemlich simpel. Drei Fragen sind entscheidend: Wie viel Vermögen ist vorhanden? Wie viel braucht man zum Leben? Wie lange muss es reichen?
Der erste Punkt ist schnell geklärt mit einem Blick auf Kontostand, Wertschriften, Pensionskassenauszug und Säule 3a-Guthaben. Die Lebenshaltungskosten erschliessen sich über ein Haushaltsbudget. Vorlagen gibt es online, etwa bei der Budgetberatung Schweiz oder hier beim Beobachter. Auf die Ausgaben werden jährlich zwei Prozent geschlagen für die Inflation.
Kniffliger ist die Frage, wie lange das Geld reichen muss. Schweizerinnen ab 65 leben im Schnitt noch 23 Jahre, Schweizer noch 20,4 Jahre. Doch das ist lediglich die durchschnittliche Lebenserwartung. Lebensstil und Gene beeinflussen die Lebensdauer. Die Sterbetafel des Bundesamts für Statistik verrät: Viele leben länger. Die meisten Frauen sterben erst im Alter von 90 bis 92 Jahren, Männer zwischen 88 und 90 Jahren.
Wer sich auf die durchschnittliche Lebenserwartung verlässt, dem könnte also vorzeitig das Geld ausgehen. Rechnet jemand beispielsweise nur mit 20 statt mit 25 Jahren bei zwei Prozent Rendite und einem Kapital von netto 700’000 Franken, so verbraucht er oder sie jeden Monat rund 600 Franken zu viel (siehe Tabelle). Als Pensionskassenrente würde die gleiche Summe bei einem Umwandlungssatz von fünf Prozent vor Steuern jährlich 35’000 Franken ergeben – bis ans Lebensende, auch wenn man 100 wird. Zusätzlich kommt möglicherweise eine Hinterlassenenleistung hinzu.
Zwei Prozent Rendite klingt bescheiden, ist aber eine Netto-Rendite. Sie berücksichtigt Steuern und Kosten und entspricht einer Bruttorendite von 3,25 bis 4,5 Prozent. Und diese gilt es erstmal zu erzielen. Bloss, wie?
Da das Geld 25 Jahre reichen muss, empfehlen Finanzplaner wie Iwan Brot, es in fünf Töpfe für jeweils fünf Jahre aufzuteilen.
- Der erste Topf enthält das Geld für die ersten fünf Jahre. Da es sofort verfügbar sein muss, bleibt es am besten auf dem Bankkonto – ohne Rendite, dafür auch ohne Risiko.
- Der zweite Topf wird erst in fünf Jahren benötigt. Einen Teil des Geldes kann man also risikoarm investieren, zum Beispiel in Obligationen. Diese lohnen sich momentan jedoch kaum, deshalb fahren die meisten wohl besser, auch dieses Geld auf der Bank zu lassen.
- Das Geld in den Töpfen drei und vier eignet sich für etwas risikoreichere und somit potenziell rentablere Anlagen. In Frage kommen zum Beispiel Exchange Traded Funds (ETFs) auf bekannte Indizes wie den Schweizer Aktienindex SPI oder die Beimischung von reinen Aktienindexfonds zu anderen reinen Fonds, etwa Obligationen- oder Immobilienfonds. Bei Topf 3 sollte höchstens die Hälfte des Betrags in Aktienindexfonds investiert werden, bei Topf 4 dürfen es 75 bis 85 Prozent sein.
- Reine Aktienfonds kommen höchstens für den fünften Topf in Frage, da Kursschwankungen normal sind. Die Durchschnittsrenditen von fünf bis acht Prozent pro Jahr kommen nur langfristig zustande und eben nur im Durchschnitt. Die einzelnen Jahresrenditen können erheblich davon abweichen. In den letzten hundert Jahren betrug die Durchschnittsrendite während der schlechtesten 20-Jahres-Periode zwischen 1962 und 1981 nur 2,30 Prozent. In der besten Periode zwischen 1981 bis 2000 lag sie bei 13,72 Prozent.
Nebst den fünf Töpfen empfiehlt Iwan Brot, eine eiserne Reserve von etwa sechs Monatsausgaben auf einem Sparkonto zu parkieren.
Wichtig: Nicht jeder Topf enthält gleich viel Geld. Vielleicht wollen Sie in den ersten Jahren nach der Pensionierung noch reisen, ein neues Auto kaufen oder sich einen besonderen Wunsch erfüllen. Dies gilt es bei der Geldzuweisung zu den einzelnen Töpfen zu berücksichtigen.
Für jeden Topf das Defizit berechnen
Am besten plant man rückwärts: Ausgehend von den geplanten Lebenshaltungskosten pro fünf Jahre und der AHV-Rente als Einnahme, berechnet man für jeden Topf das entsprechende Defizit. Die 700’000 Franken verteilt man dann so, dass es mit den Renditeerwartungen für den jeweiligen Zeitraum übereinstimmt.
Beträgt das Defizit im fünften Topf beispielsweise 100’000 Franken, so reicht es, dafür bei der Pensionierung etwa 21’000 bis 38’000 Franken in reine Aktienfonds zu investieren. Dank Zinseszins liegen bei fünf bis acht Prozent jährlicher Rendite nach 20 Jahren rund 100’000 Franken im Topf. Die Anlageprodukte sollten aber einfach, verständlich und kostengünstig sein.
Unerfahrene beziehen besser eine Rente
Bis hierher gelesen und völlig entmutigt? Dann ist die lebenslange Rente vielleicht doch die beste Variante. «Die Eigenverantwortung nimmt massiv zu, wenn man das Altersguthaben ganz oder teilweise als Kapital bezieht. Für Leute ohne jegliche Erfahrung ist die Rente deshalb oft die beste Lösung», sagt Iwan Brot.
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