Affoltemer: «Lustiger Hans war nur Fassade – hatte wohl Glück»

- Von 1965 bis 2011 kommentierte Hans Jucker für das SRF Olympische Spiele, Ski-WM und Leichtathletik.
- Nun wird bekannt, dass er 1971 wegen sexueller Übergriffe auf Minderjährige verurteilt wurde, 15 Jahre nach seinem Tod.
- Im Dorf Affoltern, wo er FDP-Gemeinderat war, sahen viele weg: «Er war ein guter Mensch», sagt ein 78-Jähriger.
Hans Jucker kommentierte für SRF jahrelang die Olympischen Spiele, Skiweltmeisterschaften oder Leichtathletikwettkämpfe. Der TV-Mann wurde im Säuliamt zum Promi, beim FC Affoltern Ehrenmitglied und später Ehrenpräsident und von 1982 bis 1998 für die FDP Gemeinderat von Affoltern am Albis.
15 Jahre nach seinem Tod macht nun der frühere Heimjunge Willi Fegble in einem Buch öffentlich, dass Jucker bereits 1971 wegen mehrerer sexueller Übergriffe auf Minderjährige verurteilt wurde. Wie der «Tages-Anzeiger» berichtet, soll sein Verhalten in seinem Umfeld bekannt gewesen sein.
Sein Heimatdorf Affoltern hatte sich jahrelang in Schweigen gehüllt. Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass er noch heute als Aushängeschild gilt, wie Aussagen von verschiedenen älteren Anwohnerinnen und Anwohnern zeigen.
Ernst (78): «Er war ein guter Mensch»
«Ich erinnere mich, dass die Vorwürfe gegen Hans Jucker bereits in den 1990er-Jahren im Dorf die Runde machten. Vielen war damals aufgefallen, dass Jucker häufig mit Jugendlichen zu tun gehabt hatte. Auch seine Verurteilung kam damals oft zur Sprache. Trotzdem kann ich die Taten bis heute kaum fassen» sagt der 78-jährige Ernst.
«Ich habe Jucker als aufgestellten, humorvollen Menschen erlebt, der sich aktiv am Dorfleben beteiligte und regelmässig Dorffeste besuchte. Er war ein guter Mensch. Dass die Verurteilung nun Jahrzehnte später öffentlich thematisiert wird, kann ich nicht nachvollziehen. Für mich bleibt er eine Ikone des Schweizer Sportjournalismus. Und jeder Mensch macht mal Fehler.»
Hugo (74): «Im Dorf war Jucker sehr beliebt»
«Ich kann nicht nachvollziehen, wieso Juckers Vergangenheit nun öffentlich gemacht wird. Ich finde es eine Sauerei – seine Taten liegen Jahrzehnte zurück. Mit der Publikmachung wird Juckers Karriere als Sportkommentator Unrecht getan. Juckers Straftaten gilt es klar von seinen beruflichen Leistungen zu trennen. Die Verurteilungen schmälern seine Arbeit beim Fernsehen nicht», findet Hug (74).
«Ich selbst habe Jucker durch den Fussballverein kennengelernt und ihn als flotten und umgänglichen Menschen erlebt. Auch im Dorf sei Jucker sehr beliebt gewesen. Jucker ging offen mit seinen sexuellen Neigungen um und hatte seine Taten bereut. Mir gegenüber hat er mal erwähnt, dass er psychologische Hilfe in Anspruch genommen habe, um seine Neigungen unter Kontrolle zu bringen. Die meisten in meinem Umfeld verurteilen seine Taten, hatten aber trotzdem Verständnis für ihn. In Affoltern habe man ihn weiterhin respektiert und keinen Grund gesehen, ihn aus der Dorfgemeinschaft auszuschliessen.»
D.: «Es ist zum Kotzen»
«Hans Jucker war im Dorf bekannt wie ein bunter Hund. Es wussten alle, dass Hans schwul war und viel Freude an Buben hatte. Wir Kinder und Jugendliche liessen uns, sei es an den Radrennen am Abend, Gewerbeschauen, Chilbi, Fasnacht oder Fussballmatches, immer gerne ein Sinalco oder eine Cola oder sonst was spendieren. Hans war allen gegenüber sehr aufgeschlossen und spendabel», erklärt D.
«Ich kann aber mit Bestimmtheit sagen, dass niemals je auch nur die Idee im Raum stand, dass sich Hans an mir oder anderen Kindern von mir Bekannten vergriffen hätte. Umso mehr schmerzt es zu erfahren, dass er zur selben Zeit jemand war, der sich an Kindern vergriff. Ich bedaure, dass der freundliche und lustige Hans, wie ich ihn erinnere, wohl nur eine Fassade war und ich vermutlich einfach nur Glück hatte. Aber wirklich traurig macht mich, dass eine Anzahl Kinder nicht dieses Glück hatten und zu seinen Opfern wurden. Es ist zum Kotzen.»
Margrit (80) und Ehemann Paul (83): «Behalten ihn als guten Kerl in Erinnerung»
«Für uns war Jucker der beste Sportreporter, den die Schweiz je hatte. Er hatte im Dorf ein Treuhandbüro geführt und war stets sehr korrekt. Privat war er ein ‹lustiger Cheib› – ein Dorforiginal halt», finden Margrit und Paul.
«Auch auf dem Fussballplatz des FC Affoltern war er häufig anzutreffen. Neben seiner Funktion als Ehrenpräsident habe er als Speaker ausgeholfen und manchmal sogar die weissen Linien auf dem Fussballfeld gezogen.»
«Von den sexuellen Übergriffen haben wir erst jetzt erfahren. Wir hätten nie gedacht, dass er zu so etwas imstande ist. Trotzdem wollen wir ihn als ‹guten Kerl› in Erinnerung behalten.»
Thomas Sennhauser (ths), arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Er begann als Videojournalist und wechselte nach zwei Jahren ins Ressort News wo er über gesellschaftliche Themen und Analysen zu Geschehnissen im Ausland schreibt.
Vanessa Figi (vfi), Jahrgang 2004, arbeitet seit Juli 2026 als Praktikantin beim Ressort Ostschweiz.
Daniel Krähenbühl (dk) arbeitet seit 2017 für 20 Minuten. Er leitet das Regionennetzwerk mit Fokus auf Stadtpolitik, Kriminalität, Gesellschaft und Recherche.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.


