Krebs überlebt: Betroffene fordern Recht auf Vergessenwerden
Längst geheilt und trotzdem keine Versicherung: Eine frühere Krebserkrankung kann Betroffene noch Jahrzehnte später einschränken. Der Bundesrat beschäftigt sich mit der Frage, ob es auch in Deutschland ein Recht auf Vergessenwerden geben soll.
16.10.2026 | 2:31 minAuf den Fluren der Kinderkrebsstation des Universitätsklinikums Erlangen kleben Zebra-Aufkleber an den Wänden, Stoffteddybären lehnen an Spielkisten. Kleine Mutmacher, die den Klinikalltag für die Kinder etwas leichter machen sollen.
Die 31-jährige Ärztin Eva-Maria Wild möchte ihren jungen Patienten Hoffnung geben. Sie weiß, was eine Krebsdiagnose bedeutet, die das Leben schlagartig verändert. Mit sieben Jahren erkrankte sie an Leukämie.
Ich war dann nicht mehr in der Schule, meine Freunde waren erstmal nicht mehr da, sondern man ist in einem Krankenhaus, man ist unter Leuten, die man vorher noch nie gesehen hat. Es war beängstigend.
Dr. med. Eva-Maria Wild, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin Uniklinik Erlangen
Nachteile nach Krebs - nicht nur bei Versicherungen
Seit mehr als 16 Jahren gilt Wild als medizinisch geheilt. Doch die überstandene Krankheit begleitete sie auf andere Weise weiter. Nach ihrem Medizinstudium wollte sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. Ein Angebot bekam sie nicht.
Annähernd die Hälfte der Menschen in Deutschland bekommt laut RKI im Laufe des Lebens Krebs. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen - bei Jüngeren zeigt sich teils ein Rückgang.
29.01.2026 | 0:36 minAuch bei Krediten haben ehemalige Krebspatienten wie sie Nachteile, etwa wenn für die Finanzierung eine Risikolebensversicherung erforderlich ist. Auch bei Verbeamtungs-oder Adoptionsverfahren ist die frühe Krebsdiagnose ein Hindernis.
Mich macht es unglaublich wütend, da so eine Einschränkung zu erfahren und da einfach so unberechtigt auch benachteiligt zu sein.
Dr. med. Eva-Maria Wild, Ärztin
Bundesländer fordern Recht auf Vergessenwerden
Deshalb gründete Wild gemeinsam mit anderen Betroffenen den Verein Survivor Deutschland e.V. Wie andere Patientenverbände fordert der Verein ein Recht auf Vergessenwerden.
Nach der üblichen Therapie bei triple-negativem Brustkrebs wagte Barbara einen neuen Schritt. Sie nahm an einer Studie teil: Dort wurde ein mRNA-Impfstoff persönlich auf sie zugeschnitten.
01.10.2026 | 6:18 minUnterstützung kommt inzwischen auch aus der Politik. Der Bundesrat hat heute einen entsprechenden Antrag beschlossen. Demnach sollen Menschen mit überstandenem Krebs ihre frühere Erkrankung nach Ablauf medizinisch begründeter Fristen nicht mehr offenlegen müssen. Die Länderkammer fordert die Bundesregierung auf, eine gesetzliche Neuregelung zum Recht auf Vergessenwerden zu erarbeiten.
Zu den Unterstützern zählt auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die 2019 selbst an Krebs erkrankte.
Wenn Krebserkrankte durch die Therapie sind und viele Jahre keinen Krebs mehr haben, dann muss es ein Recht darauf geben, dass diese Krebserkrankung vergessen wird. Nicht für den Einzelnen, aber bei Verträgen.
Manuela Schwesig, Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommern (SPD)
In Bayern gibt es bereits einen Vorstoß im Bereich der Verbeamtung: Das Bayerische Kabinett hat am Dienstag beschlossen, das Recht auf Vergessenwerden nach einer überstandenen Krebserkrankung bei Landesbeamten anzuwenden.
Das heißt, wenn ich 20-jährige Kandidatin bin und möchte Beamtin werden, gehe ich zum Amtsarzt, lege vor, dass ich als Kind Krebs hatte und dann gilt das Recht auf Vergessen.
Kerstin Schreyer, Landtagsabgeordnete Bayern, CSU
Eine an der Uniklinik Dresden entwickelte Zell- und Gentherapie soll neue Möglichkeiten in der Behandlung von Hautkrebs eröffnen. Dafür werden körpereigene Abwehrzellen genetisch verändert.
07.07.2026 | 1:51 minWas Versicherungen und Datenschützer sagen
In europäischen Nachbarstaaten wie Frankreich, Belgien und Spanien gibt es bereits vergleichbare Regelungen. Die Versicherungswirtschaft ist dem nicht grundsätzlich abgeneigt, warnt aber vor kurzen oder pauschalen Fristen.
Dann führt das am Ende dazu, dass diese Risiken nicht verschwinden, sondern dass es für alle zukünftigen Versicherten teurer wird.
Moritz Schumann, stellvertretender Geschäftsführer GDV
Datenschützer verweisen auf die besondere Sensibilität von Gesundheitsdaten. Versicherungen hätten ein legitimes Interesse, Risiken zu prüfen. Aber, dieses Interesse müsse mit den schutzwürdigen Belangen der Versicherten abgewogen werden, sagt Bayerns Datenschutzbeauftragter Thomas Petri.
Wer akut schwer erkrankt ist, muss das offenlegen. Wenn eine Krebserkrankung aber geheilt ist, dann ist es schon eine schwere Belastung der betroffenen Person.
Dr. Thomas Petri, Landesbeauftragter für Datenschutz Bayern
Wer die Diagnose Krebs verkraften muss, steht oft unter Schock. Doch Fortschritte der Medizin und neue Ideen für Therapien machen Hoffnung auf ein Leben mit und nach der Krankheit.
17.04.2025 | 29:45 minÄrztin: Leben können wie jeder andere
Eva-Maria Wild hofft, dass die Bundesratsinitiative Unterstützung findet. Täglich arbeitet sie mit Kindern, die gute Heilungschancen haben: Mittlerweile sind rund 85 Prozent der Krebserkrankungen im Kindesalter heilbar. Sie wünscht sich für die Kinder, dass die Krankheit sich nicht auf ihr ganzes weiteres Leben auswirkt.
Dass man nicht immer wieder auf diese Hürden stößt, sondern dass man einfach wieder ein Leben leben kann wie jeder andere auch, der nicht betroffen war von einer Krebserkrankung.
Dr. med. Eva-Maria Wild, Uniklinik Erlangen
Die Bundesregierung muss sich nun mit der Länderinitiative befassen und gegebenenfalls ein entsprechendes Gesetz auf den Weg bringen. Dann könnte es in Deutschland ein neues Recht geben - auf Vergessenwerden für ehemalige Krebspatienten.
Jasmin Astaki-Bardeh berichtet aus dem ZDF-Landesstudio in Bayern.
Über dieses Thema berichtete das gemeinsame Morgenmagazin von ARD und ZDF am 16.10.2026 ab 5:30 Uhr.
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