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Thursday, October 15, 2026

Album von Postpop-Band Vanishing Twin: Produktive Unruhe schaffen

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Die Postpopband Vanishing Twin löst sich für ihr Album „Archives“ von den Vorbildern und kreiert virtuelle Psychedelia für kopfstarke Randgruppen.

Verzerrte Wortfragmente, sakraler Chorgesang, dazwischen eine mystisch-traumartige Erzählung aus vergangenen Zeiten; das Ganze geerdet von rückwärts laufenden Mellotron-Sounds und einem schleppend-lethargischen Beat: „Archives“ heißt nicht nur der Titelsong des gleichnamigen Albums von Vanishing Twin, er ist zudem das experimentellste Stück ihrer aktuellen Veröffentlichung. Und zugleich eine programmatische Ansage: Mithilfe von Klangarchiven reisen Vanishing Twin nicht nur in die Vergangenheit, sondern schaffen auch vielstimmige, wandelbare Klangskulpturen auf Höhe der Zeit

Nicht selten reiben sich futuristische Sounds dabei an bukolische Feldaufnahmen. Die zum Trio geschrumpfte Avantpopband vermag mit Klängen mal nostalgische Gefühle zu wecken und es dann wieder unheilvoll dräuen zu lassen – oft binnen weniger Takte. Die emotionale Bandbreite ihrer Gestaltwandler-Tracks ist bemerkenswert. Nicht minder bemerkenswert ist ihr organischer Fluss.

Vor dem Hintergrund, dass die drei kollaborationserprobten Mu­si­ke­r:in­nen ihre Klangskizzen inzwischen hauptsächlich virtuell austauschen, mutet das erstaunlich an. Multiinstrumentalistin Cathy Lucas, die Vanishing Twin 2015 als Soloprojekt in die Welt brachte, zog vor einigen Jahren in den ländlichen Südwesten Frankreichs. Ihre Mitstreiter:innen, die breit aufgestellte italienische Schlagzeugerin Valentina Magaletti (Moin, Tomaga, Holy Tongue) und Bassist Susumu Mukai (alias Zongamin) leben nach wie vor in London. Zumindest die beiden treffen sich regelmäßig in der analogen Welt, nicht zuletzt durch ihr Dub-meets-Postpunk-Projekt V/Z; zudem stellen sie zwei Drittel des experimentellen On-U-Sound-Projekts Holy Tongue.

Vanishing Twin

Vanishing Twin: „Archives“ (Fire Records/ Cargo)

Geschmeidig geschnitzt

Gemeinhin gilt das Digitale ja als Sphäre, die das Sich-Versenken ausbremst und einen kreativen Flow allzu oft torpediert. Im Fall von Vanishing Twin scheint die räumliche Trennung einer intuitiven Zusammenarbeit jedoch eher zuträglich. Spätestens nach ein paar Durchläufen klingen auch die zunächst etwas sperrigen Songs geschmeidig dahingeschnitzt.

Trotz aller Verspultheit schälen sich aus den Klangcollagen eingängige Melodien heraus. Die schwarmintelligente Arbeitsweise von Vanishing Twin umreißt Lucas folgendermaßen: „Material sammeln, damit herumspielen, es auf den Kopf stellen, versuchen, die Teile zusammenzufügen und daraus eine Geschichte erschaffen“.

Mit morphenden, oft muskulösen Rhythmen, luftigem Gesang und flirrender Psychedelik spannen die drei Mu­si­ke­r:in­nen Klangbögen auf, die heimelig und irritierend zugleich wirken. Ineinander stolpernde Beats und sporadischer Instrumententausch schaffen eine produktive Unruhe. Auch wenn es wie Verschwendung anmutet, wenn die diesbezüglich begnadete Magaletti nicht am Schlagzeug sitzt. So bleiben die Klangcollagen in der Schwebe.

Eine wahre Geschichte

Ein großer Wurf ist der elegant-verstörende Track „Bring Me The Axe“: Ambientpop reibt sich an zerhackter und doch erstaunlich eingängiger Percussion. Es entsteht ein eigentümlicher Groove. Dabei lässt Lucas’ ätherischer Gesang den entrückt wirkenden Track davonschweben. Das Stück nimmt losen Bezug auf den Fall von Lizzie Borden, die im Massachusetts des Jahres 1892 mutmaßlich ihren Vater und ihre Stiefmutter tötete, jedoch freigesprochen wurde. Auf den forschen Refrain „Bring me thе axe“ folgt das verhaltene Echo: „Who could believе that a girl could do that?“

Kam anlässlich früherer Vanishing-Twin-Alben kaum eine Rezension ohne den Verweis zu den britischen Bands Broadcast und Stereolab aus, haben Vanishing Twin ihre Klangpalette über Psychedelik, Exotica, Ye-Ye-Beats und munteren Retrofuturistismus hinaus inzwischen erweitert. Zitathafte Momente gibt es nach wie vor, etwa beim unbeschwert luftigen „Oral Tradition“. Epigonal wirken die Vanishing Twin von heute jedoch gar nicht mehr, dafür sind ihre eklektischen Songs viel zu eigen.

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Die abgenutzte Redensart, etwas sei mehr als die Summe einzelner Teile – auf „Archives“ von Vanishing Twin trifft sie zu. Durch Mixen und Matchen des titelgebenden Archivmaterials entsteht ein Klangbild, das stets im Wandel bleibt. Im Flow treten die kreativen Egos der Mu­si­ke­r:in­nen zurück, stattdessen feiern Vanishing Twin die Ambivalenz, ja sogar Transzendenz.

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