Liebespaar am Bundesgericht: Mörderin Obenauf will Revision

- Wegen der Liebesaffäre zwischen den Bundesrichtern Yves Donzallaz und Beatrice van de Graaf sind zwölf Revisionsgesuche eingegangen.
- Darunter ist der Fall der Ex-Boxweltmeisterin Viviane Obenauf, die wegen Mordes an ihrem Ehemann zu 18 Jahren Haft verurteilt wurde.
- Auch der zu einer Millionenbusse verurteilte Dolder-Hotel-Besitzer und Kunstsammler Urs E. Schwarzenbach verlangt eine Neubeurteilung.
Die Liebesbeziehung zwischen den Richtern Beatrice van de Graaf und Yves Donzallaz erschütterte das Bundesgericht. Weil die Affäre hohe Wellen schlug, entschied die Gerichtskommission diese Woche, die Erneuerungswahlen von September auf Dezember zu verschieben. Sowohl van de Graaf als auch Donzallaz wollen bei den Wahlen wieder antreten.
Verboten ist laut dem Gesetz eine «dauernde Lebensgemeinschaft» zwischen zwei Bundesrichtern. Im Kern geht es um die Frage, ob die richterliche Unabhängigkeit gewahrt ist. Ein vertraulicher Expertenbericht dazu wurde im Juli an die Bundesversammlung übermittelt.
Zwölf Revisionsgesuche wegen Liebesaffäre
Die Liebesaffäre zwischen Donzallaz und van de Graaf könnte auch handfeste juristische Folgen haben: Wegen der Affäre gingen insgesamt zwölf Revisionsgesuche ein. Die Betroffenen fordern also, dass ihre rechtsgültig abgeschlossenen Verfahren neu aufgerollt werden. Nun muss das Bundesgericht prüfen, ob die Voraussetzungen für eine Revision gegeben sind.
Behandelt werden die zwölf Gesuche von der zweiten zivilrechtlichen Abteilung des Bundesgerichts, wie dieses am Freitag mitteilte. Zehn Urteile stammen aus der aktuellen und früheren Abteilung von van de Graaf. Zwei aus jener von Donzallaz.
Viviane Obenauf: Wegen Mord verurteilte Profiboxerin
Unter den betroffenen Urteilen sind auch prominente Fälle wie jener der ehemaligen Boxweltmeisterin Viviane Obenauf. Im Januar 2025 bestätigte das Bundesgericht das Urteil des Berner Obergerichts. Dieses hatte die heute 39-jährige Brasilianerin wegen Mordes an ihrem Ehemann zu einer Freiheitsstrafe von 18 Jahren und einem Landesverweis von 14 Jahren verurteilt.
Im Oktober 2020 hat die ehemalige Profiboxerin ihren 61-jährigen Ehemann in Interlaken zu Tode geprügelt. Mit einem Baseballschläger fügte sie ihm 19 Verletzungen am Kopf zu. Obenauf ist nicht geständig und warf den Ermittlungsbehörden und Richtern schwere Verfahrensfehler vor, erlitt damit vor Bundesgericht aber eine Niederlage. Erst Anfang August wurde bekannt, dass sie sich gegen eine angeordnete Therapie wehrt und dabei von Brian Keller unterstützt wird.
Urs E. Schwarzenbach: Millionenbusse gegen Dolder-Besitzer

Eine Revision verlangen auch die Verteidiger von Urs E. Schwarzenbach: Der Kunstsammler und Besitzer des Fünf-Sterne-Hotels Dolder wurde vom Zürcher Obergericht wegen mehrfacher Hinterziehung der Mehrwertsteuer zu einer Busse von 7,1 Millionen Franken verurteilt. Das Bundesgericht hat dessen Beschwerde im Jahr 2024 bestätigt und Schwarzenbachs Beschwerde abgewiesen.
Erwin Sperisen: Wegen Beihilfe zu Mord verurteilter Ex-Polizeichef
Ein weiteres Gesuch betrifft den Fall von Erwin Sperisen. Der ehemalige Chef der nationalen Zivilpolizei Guatemalas wurde in Genf wegen Beihilfe zu Mord im Zusammenhang mit aussergerichtlichen Hinrichtungen zu 14 Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.

Gegenüber Léman Bleu sagten Sperisens Anwälte im Mai, dass die Beziehung der beiden Bundesrichter die Unparteilichkeit bei bestimmten im Verfahren getroffenen Entscheiden infrage stelle. Konkret gehe es beim Revisionsgesuch um zwei Strafanzeigen gegen Schlüsselzeugen, die nicht weiterverfolgt wurden. Sperisen wirft diesen Falschaussagen vor. Das Bundesgericht sah die Vorwürfe gegen die Zeugen als unbegründet an.
Villen-Streit und weitere Fälle
Ein weiterer Fall betrifft ein Nebenverfahren im Villen-Streit am Ägerisee: Ein Anwalt gelangte ans Bundesgericht, weil ihm keine Entschädigung zugesprochen wurde. Er forderte 32’000 Franken, erlitt vor Bundesgericht aber eine Niederlage. Nun ist ein Revisionsgesuch hängig.
Findest du es richtig, dass die abgeschlossenen Verfahren neu aufgerollt werden?
Die weiteren Revisionsgesuche betreffen unterschiedlich gelagerte Fälle. Es geht etwa um das Nichttragen einer Covid-Maske im Supermarkt oder das Nichtausbezahlen von Ferientagen. Aber auch um eine Morddrohung gegen eine Richterin oder ein Urteil gegen einen Pädophilen, welches das Bundesgericht wegen unverwertbarer Beweise teilweise aufgehoben hatte.
Delia Bachmann (dba), Jahrgang 1993, arbeitet seit 2024 für 20 Minuten. Als Redaktorin im Ressort Politik berichtet sie über das Geschehen in Bundesbern.
Christina Pirskanen (pir) arbeitet seit 2022 für 20 Minuten. Sie ist seit Januar 2026 stv. Leiterin des Ressorts Politik.
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