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Sunday, August 23, 2026

Öffentliche Entschuldigungen – Wenn es echte Reue ist: Muss man dann auch verzeihen?

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Öffentliche Entschuldigungen Wenn es echte Reue ist: Muss man dann auch verzeihen?

Modeschöpfer John Galliano tat es, Bundesrat Martin Pfister tat es, Tessiner Politiker tun es: öffentlich beichten. Dafür erwarten sie Vergebung. Sollte man ihnen «verzeihen»?

22.08.2026, 11:23

Entschuldigungen und das Gelöbnis, gemachte Fehler nicht mehr zu wiederholen, werden nicht nur in der säkularen Öffentlichkeit skeptisch aufgenommen, sondern auch in den religiösen Gemeinschaften diskutiert: Kann, ja muss man dem Reuigen trauen, und dann auch vergeben?

Ja, denn ohne Verzeihen funktioniert kein Zusammenleben, erklärt der Psychoanalytiker Joachim Küchenhoff. Die Reue muss aber wahrhaftig sein. Und Wiedergutmachung soll folgen.

«Vergeben» ist eine zentrale religiöse Pflicht in Judentum und Christentum. Aber kein Automatismus. Ehrliche Reue und «Umkehr» sind Vorbedingung für Vergebung. Ein Fehler muss klar ausgesprochen werden. Und es muss konkrete Reparation folgen – so fordert es auch die restaurative Justiz.

Der Fall Galliano: Abkehr vom Hass?

Der britische Designer John Galliano ist nicht nur für Mode bekannt. Auch für rassistische Ausfälle: «I love Hitler», grölte er in einer Bar in Paris und bedrohte jüdische Gäste. Das war kein Einzelfall. Galliano pöbelte auch gegen asiatische Menschen. 2011 wurde er dafür verurteilt. Er verlor seinen Job bei Dior.

Die «Sünden» Gallianos kamen jetzt zur Sprache, als das New Yorker Metropolitan Museum (Met) eine Gala für ihn ankündigte. Nach Protesten erklärte das Met: Die Schau werde John Gallianos «Brüche» nicht ausklammern. Sie wolle über «Verantwortung» und «Redemption» nachdenken. «Redemption» kann vieles bedeuten: von «Erlösung» über «Vergebung» bis zu «Rehabilitation».

Das Met ehrt Galliano 2027 mit einer Schau

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Im Frühjahr 2027 zeigt das Metropolitan Museum of Art New York (Met) die Ausstellung «Horizons» zum Werk von John Galliano.

Die Schau präsentiert Gallianos Kreationen ab 9. Mai 2027 als Kunstform. Nur wenige, etwa Yves Saint Laurent, erhielten eine solche Hommage zu Lebzeiten.

Das Costume Institute des Met nennt John Galliano (65) einen der «innovativsten und einflussreichsten Designer der letzten vier Jahrzehnte».

2011 kam es zum Karriereknick: Seine wiederholten rassistischen und menschenverachtenden Aussagen und Angriffe kosteten ihm seine Stellung bei Christian Dior. Galliano verlor auch die Hoheit über das nach ihm benannte Label.

2012 entzog ihm Frankreichs Staatspräsident den Rang eines Ritters der Ehrenlegion.

Von 2014 bis 2024 gelang ihm ein langsames Comeback bei der Modemarke Maison Margiela.

Galliano entschuldigte sich mehrfach und versprach «Umkehr». Er ging sogar beim Londoner Rabbiner Barry Marcus in die Lehre. Das habe gewirkt.

Der Rabbiner dazu im «Guardian»:«Ich bin absolut davon überzeugt, dass es ein Unrecht wäre, ihn als Antisemiten abzustempeln. Als Mensch, Jude, Rabbiner und Humanist bin ich verpflichtet, jemandem die Tür zu öffnen, der Wiedergutmachung leisten möchte.»

Umkehr im Judentum: Teschuwa

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Teschuwa meint wörtlich «Rückkehr». Gemeint ist die Rückkehr zur religiös jüdischen Lebensweise (Halacha). Und die Abkehr von schlechtem Verhalten.

Eine Teschuwa besteht aus mehreren Schritten:

  • Innere, echte Reue
  • Öffentliches Gestehen und Aussprechen der Schuld/Tat
  • Dem Willen, künftig besser zu handeln
  • Schliesslich die Bitte um Vergebung bei dem/der Geschädigten
  • Verbunden mit Wiedergutmachungsangeboten und -leistungen

Erst dann kann Gott um Vergebung gebeten werden.

Im jüdischen Monat Elul soll ein Mensch kritische Selbstreflexion betreiben. Dann folgen die Feiertage Neujahr und Jom Kippur. Sie ermöglichen Versöhnung und Neuanfang.

Säkular lebende Jüdinnen und Juden, die zur Religion «zurückkehren», nennt man ebenfalls «Ba’alei Teschuwa».

Zur Rückkehr gehört ein dreimaliges Untertauchen im Ritualbad (Mikwe). So «gereinigt» können sie ein neues Leben starten.

Der Fall VBS und die Kirchen: Bitte um Entschuldigung

Weniger drastisch als Gallianos Ausfälle war die Verfehlung von Bundesrat Pfister, respektive des Bundesamtes VBS: Sie hatten die Landeskirchen bei der Wehrdienstreform übergangen, obwohl sie direkt betroffen sind. Die Dienstpflicht wird nämlich auf Pfarrer ausgeweitet. Bis anhin waren Pfarrer davon automatisch ausgenommen.

Die Begründung des VBS, Seelsorge sei gleichsam nicht mehr systemrelevant, beleidigte die Kirchen zusätzlich. Ende Juli gestand Martin Pfister den Verfahrensfehler öffentlich ein und bedauerte sein «Versehen» schriftlich.

Die Schweizer Bischofskonferenz nahm Pfisters Entschuldigung an. Begründung: Wer «Umkehr» zeige, dem müsse auch verziehen werden.

Auch die reformierte Kirche Schweiz (EKS) bleibt nicht beleidigt. EKS-Präsidentin Rita Famos fordert nun aber fest installierte Gesprächskanäle zwischen Landeskirchen, Religionsgemeinschaften und Bundesrat. Damit könnte der Bundesrat etwas wiedergutmachen.

Der Fall der Tessiner Politiker: Zu leicht verziehen?

Laut SRF-Korrespondent Iwan Santoro «beichten» Tessiner Politiker ihre «Sünden» häufig öffentlich. Etwa die im Strassenverkehr. Das katholisch geprägte Tessin würde so etwas auch leicht vergeben. Bei Scheinheiligkeit und Doppelmoral aber sei Schluss. Auch im Tessin.

Dabei geht oft vergessen: Auch die katholische Absolution gibt’s nur mit «Busse». Und sie endet mit dem Satz: «Und sündige hinfort nicht mehr»!

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