BMW streicht Managementebenen und setzt auf agentische KI-Systeme
BMW will bis Mitte 2027 die Zahl seiner Geschäftsbereiche und der zugeordneten Managementfunktionen um 20 Prozent reduzieren. Das gab der Konzern beim Capital Market Day am 29. und 30. September in Gmund und München bekannt. Medienberichten zufolge betrifft das die rund 65 Senior Vice Presidents direkt unterhalb des Vorstands und die rund 400 Führungskräfte auf der darunterliegenden Ebene; insgesamt könnten so rund 100 hochrangige Positionen wegfallen. KI-Systeme sollen die schlankeren Strukturen ermöglichen, doch hinter der Maßnahme steckt vor allem ein klassischer Organisationsumbau.
Der Konzern reagiert damit eigenen Angaben zufolge auf ein schwierigeres Marktumfeld mit sinkendem Margenniveau, wachsendem Wettbewerbsdruck aus China und Überkapazitäten. Für 2026 erwartet BMW im Automobilsegment lediglich eine EBIT-Marge von 1 bis 3 Prozent. Bis 2028 soll sie auf 3 bis 5 Prozent steigen, langfristig werden wieder 8 bis 10 Prozent angepeilt. Der Free Cashflow im Automobilgeschäft soll bis 2028 auf mehr als 5 Milliarden Euro und Anfang des nächsten Jahrzehnts wieder auf mehr als 7 Milliarden Euro steigen.
Die Formulierung, KI ersetze 20 Prozent der Manager, ist offenbar ein populäres Missverständnis. Im Kern geht es um die Zusammenlegung von Geschäftsbereichen, den Wegfall von Bereichsleitungen, kürzere Berichtslinien und den Abbau zusätzlicher Hierarchieebenen. KI soll diesen Umbau unterstützen, indem sie Routineaufgaben automatisiert und Entscheidungsprozesse beschleunigt. Sie wählt nicht eigenständig aus, welche Manager gehen müssen.
Agentische KI statt Einzelanwendungen
BMW will von isolierten KI-Werkzeugen zu sogenannten agentischen KI-Systemen übergehen. Gemeint sind spezialisierte Softwareagenten, die Informationen aus mehreren Systemen zusammenführen, Arbeitsschritte planen und Folgeaktionen auslösen können. Im Einkauf etwa soll das Multi-Agenten-System „AIconic“ Bestellungen entwerfen, an Lieferanten senden, Antworten auswerten und unkomplizierte Fälle freigeben. In der Fahrzeugentwicklung arbeitet BMW bei Crashsimulationen mit dem französischen KI-Unternehmen Mistral AI zusammen, um spezialisierte Modelle auf Basis von BMW-Engineering-Daten zu erstellen. In der Produktion analysiert die Plattform AIQX Sensor- und Bilddaten in Echtzeit, um Fehler an Produktionslinien zu erkennen.
In den nächsten drei Jahren will BMW zentral rund 200 Millionen Euro in KI-Programme investieren. Daraus soll ein Wertbeitrag von rund 1,2 Milliarden Euro für die Geschäftsprozesse entstehen. Ob als direkte Kosteneinsparung, vermiedene Kosten oder zusätzliche Erträge, ließ der Konzern offen. Ingenieure sollen laut BMW die Kontrolle über Ergebnisse und Freigaben behalten.
8000 Stellen weltweit, keine Zwangskündigungen
Der Managementumbau ist Teil eines größeren Personalprogramms. Insgesamt will BMW weltweit rund 8000 Stellen bis Ende 2027 abbauen, das wären etwa 5 Prozent der rund 154.000 Beschäftigten. Betroffen sind vor allem Verwaltung, Forschung und Entwicklung sowie Planungsfunktionen; Produktionsstellen sind ausdrücklich ausgenommen. Besonders betroffen dürften die Standorte München, Regensburg, Dingolfing und Leipzig sein. Voraussichtlich mehr als die Hälfte der Streichungen dürfte auf Deutschland entfallen, wo BMW circa 85.000 Menschen beschäftigt.
Nach rund sechs Wochen Verhandlungen hatten BMW und der Betriebsrat bereits im Juli 2026 ein freiwilliges Abfindungsprogramm vereinbart, das im Oktober 2026 starten soll. Rund 40.000 der 85.000 fest Beschäftigten in Deutschland sollen grundsätzlich ein individuelles Angebot erhalten können. Betriebsbedingte Zwangskündigungen in Deutschland sind laut den vorliegenden Informationen nicht vorgesehen. Die Abfindungshöhe richtet sich unter anderem nach Gehalt und Betriebszugehörigkeit. Allerdings ist die Freiwilligkeit relativ: Beschäftigte in betroffenen Bereichen stehen unter organisatorischem Veränderungsdruck, und was passiert, falls das Abbauziel über Freiwilligkeit und Fluktuation nicht erreicht wird, blieb offen.
Branchenvergleich: Andere Wege, ähnliches Ziel
BMW ist mit seinem KI-gestützen Managementabbau nicht allein, unterscheidet sich aber im Ansatz von Mitbewerbern. Mercedes-Benz will die Produktionskosten zwischen 2024 und 2027 um 10 Prozent senken. Rund 60 Prozent der Mercedes-Beschäftigten mit Büroarbeitsplatz nutzen KI bereits mindestens wöchentlich, ein konkretes Ziel zum Abbau einer bestimmten Managementebene hat Mercedes aber nicht veröffentlicht. Volkswagen geht deutlich radikaler vor: Weitere 50.000 Stellen sollen weltweit fallen, zusätzlich zu bereits laufenden Kürzungen in ähnlicher Größenordnung. Insgesamt könnten bis Ende des Jahrzehnts rund 100.000 Stellen wegfallen. KI steht dort aber nicht im Mittelpunkt der Begründung; es geht um Überkapazitäten, Modellprobleme und Konkurrenz aus Asien.
Die großen US-Autokonzerne GM, Ford und Stellantis haben in den USA seit ihren jüngsten Beschäftigungshöchstständen zusammen mehr als 20.000 Angestelltenstellen abgebaut. Dort zeigt sich ein „Skill-Swap“: Klassische IT-, Finanz- und Verwaltungsrollen fallen weg, während gleichzeitig KI-, Daten- und Softwarekompetenzen aufgebaut werden. GM etwa entließ zuletzt 500 bis 600 IT-Beschäftigte, sucht aber parallel neue Fachkräfte für KI-Entwicklung, Data Engineering und Prompt Engineering. BMWs Ansatz ähnelt dem der US-Konzerne bei der Wissensarbeit, unterscheidet sich jedoch durch die Einbettung in das deutsche Mitbestimmungs- und Arbeitsrecht mit formeller Betriebsratsvereinbarung und dem Schwerpunkt auf freiwilligen Abfindungen.
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