«Auslagerung von Asylverfahren nach Ruanda ist kein Thema»

- Die Schweiz hat ihr Kooperationsbüro in Kigali in eine vollwertige Botschaft umgewandelt.
- Botschafter Gilles Cerutti sieht das grösste wirtschaftliche Potenzial im Gesundheitsbereich sowie in Finanzen, KI und Berufsbildung.
- Eine Verlagerung von Asylverfahren nach Ruanda ist laut Cerutti derzeit kein Thema für die Schweiz.
Herr Cerutti, Sie leben mit Ihrer Familie seit knapp einem Jahr in Ruanda. Wie gefällt es Ihnen?
Sehr gut. Die Hauptstadt Kigali ist grün, überschaubar, sauber und sicher. Für eine Familie mit kleinen Kindern ist es sehr angenehm. Meine Eltern waren im Juli hier und scherzten, dass sie nach Afrika kommen mussten, um der Hitzewelle in der Schweiz zu entkommen.
Was hat Sie bei Ihrer Ankunft in Ruanda überrascht?
Zum Beispiel, dass es hier Berge gibt, die ähnlich hoch sind wie in der Schweiz. Das entspricht nicht unbedingt dem sehr allgemeinen Bild, das viele Menschen von Afrika haben.
Was mich aber sowohl beruflich als auch persönlich besonders beeindruckt hat, ist die Zugänglichkeit der Menschen. Man tauscht WhatsApp-Nummern aus, und wenn man ein Problem oder eine Idee hat, kann man einem Minister einfach schreiben. Die Dinge gehen sehr schnell vorwärts. Als Arbeitsumfeld ist das ausgesprochen angenehm.
Und etwas Negatives?
Man findet nicht immer alle Produkte, die man gerne hätte. Nach einem Monat in der Schweiz merke ich bei der Rückkehr schon, welche Produkte mir fehlen. Nicht nur Schokolade und Käse.
Die Schweiz hat ihr bisheriges Kooperationsbüro in Kigali erst kürzlich in eine Botschaft umgewandelt. Warum gerade jetzt?
Ruanda ist heute nicht mehr dasselbe Land wie vor 30 Jahren. Seit dem Genozid hat eine wichtige und beeindruckende Entwicklung stattgefunden. Gleichzeitig haben sich die Beziehungen zwischen der Schweiz und Ruanda weiterentwickelt. Wir wollen nicht mehr nur Entwicklungszusammenarbeit leisten, sondern auch wirtschaftlich und diplomatisch aktiv sein.
Was kann eine Botschaft, was das bisherige Kooperationsbüro nicht konnte?
Eine Botschaft öffnet Türen. Das merke ich jeden Tag. Als Botschafter erhält man rasch Zugang zu verschiedenen Stellen. Gleichzeitig können wir Schweizer Unternehmen besser unterstützen, wenn sie sich in Ruanda engagieren wollen.
Wo liegt für die Schweizer Wirtschaft das grösste Potenzial in Ruanda?
Momentan fokussiere ich mich vor allem auf den Gesundheitsbereich. Ruanda hat in den vergangenen Jahren ein beeindruckendes Gesundheitssystem aufgebaut. Gleichzeitig ist die Schweiz stark in Pharma und Gesundheit. Daneben gibt es Potenzial im Finanzsektor, bei künstlicher Intelligenz und in der Berufsbildung. Das Schweizer duale Bildungssystem wird hier sehr geschätzt.
Die Schweiz diskutiert darüber, Asylverfahren teilweise ins Ausland zu verlagern. Ruanda hat mit anderen Staaten bereits über solche Modelle verhandelt. Ist das auch für die Schweiz eine Option?
Nein, das ist hier im Moment kein Thema.
Hat die Asylpolitik bei der Entscheidung eine Rolle gespielt, die Botschaft hier zu eröffnen?
Nein.
Neben den wirtschaftlichen Fortschritten erntet Ruandas Regierung auch immer wieder Kritik: Präsident Paul Kagame regiere das Land autoritär. Ist das Ihrer Meinung nach gerechtfertigt?
Es ist nicht meine Aufgabe, die Innenpolitik eines Landes öffentlich zu beurteilen. Ich bin hier, um die Interessen der Schweiz zu wahren. Was ich sagen kann: Ruanda hat zahlreiche internationale Abkommen unterzeichnet und ist in verschiedenen Organisationen aktiv. Dort können solche Themen bilateral und multilateral angesprochen werden.
Können Sie also auch die Kritik an Präsident Kagame offen ansprechen?
Wenn die Schweiz und Ruanda in bestimmten diplomatischen oder politischen Fragen unterschiedliche Ansichten vertreten, führen wir einen Dialog, der es ermöglicht, diese anzusprechen.
Und wie reagiert die Regierung auf solche Kritik?
Das sind Dinge, die im Rahmen eines bilateralen Dialogs stattfinden. Dazu kann ich keine Details nennen.
Ich frage so direkt, weil mir während meiner zwei Wochen hier etwas aufgefallen ist: Sobald Präsident Kagame zur Sprache kommt, werden viele Menschen sehr vorsichtig. Wieso ist das so?
Ich wiederhole, was ich vorher gesagt habe: Es ist nicht meine Aufgabe, öffentlich zur Innenpolitik eines Landes Stellung zu nehmen, in dem ich als Botschafter akkreditiert bin.
Gleichzeitig habe ich in Ruanda eine enorme gesellschaftliche Einheit hinter dem Präsidenten erlebt. Ist die Unterstützung für Paul Kagame tatsächlich so hoch?
Noch einmal: Ich vertrete hier die Interessen der Schweiz. Es ist nicht meine Rolle, die Innenpolitik zu kommentieren. Es ist aber unbestreitbar, dass Präsident Kagame bei der Entwicklung des Landes in den vergangenen Jahrzehnten eine zentrale Rolle gespielt hat.
Kann diese Einheit auch einen Machtwechsel in Ruanda überstehen?
Das werden die Ruanderinnen und Ruander selbst entscheiden müssen. Die Schweiz ist der Ansicht, dass die Stabilität eines Landes in erster Linie von robusten Institutionen abhängt.
Sind Ruandas Institutionen robust genug?
Meine Erfahrungen der vergangenen Monate sind positiv. Die Ministerien, mit denen ich zusammenarbeite, erlebe ich als effizient, und die Zusammenarbeit funktioniert gut.
Wo sehen Sie Ruanda in 20 Jahren?
Ich habe aufgehört, Prognosen zu machen. Diesen Entschluss fasse ich nach jeder Fussball-WM wieder, weil meine Prognosen wirklich nie stimmen. Was ich aber hoffe, ist, dass die Beziehungen zwischen der Schweiz und Ruanda weiterhin gut bleiben und sich vertiefen.
Was sollte für dich bei der Zusammenarbeit mit einem Land wie Ruanda am meisten zählen?
Thomas Leu (tle) arbeitet seit 2026 bei 20 Minuten. Er ist Praktikant im Ressort Politik.
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