Gewerkschaftsbund – «Eine AHV-Finanzierung über die Mehrwertsteuer ist gerecht»

Daniel Lampart, Ökonom und Gewerkschafter, tritt nach 20 Jahren als Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB) zurück. Die Idee zur 13. AHV-Rente stammt von ihm. Ein Blick zurück auf die Rolle und Entwicklung der Gewerkschaften.
Daniel Lampart
Ökonom
Daniel Lampart ist Chefökonom und Leiter des Sekretariats des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes (SGB).
Die 13. AHV-Rente gilt als Ihr Erfolg. Doch die Finanzierung war nicht Teil der Initiative. Warum?
Als wir die Initiative 2018 lancierten, war unklar, wie es der AHV bei einer Annahme gehen würde. Zudem ist die AHV derart sozial ausgleichend, dass selbst eine Finanzierung über die Mehrwertsteuer letztlich gerecht ist.
Also ist die 13. Rente für Sie in jedem Fall ein Erfolg, egal wie sie finanziert wird?
Ja. Wir sind in einer Situation, in der die Renten der Pensionskassen sinken, während die Lebenshaltungskosten steigen. Mit der 13. AHV-Rente gibt es bei der Altersvorsorge endlich wieder Ruhe. Ich treffe immer noch Leute, die sagen: Eine tolle Idee, wir brauchen das Geld.
Gar keinen Erfolg hatten Sie mit der Mindestlohninitiative. Sie wurde 2014 mit 76 Prozent Nein-Stimmen abgeschmettert. Wie war dieser Sonntag?
Es ist nie lustig, wenn man so verliert. Aber wir hatten einen Plan. Die Kampagne für Löhne nicht unter 4000 Franken hat dazu geführt, dass die tiefen Löhne in den Statistiken sichtbar gestiegen sind. Die Abstimmung war eine kalte Dusche, aber für die Leute hat es etwas gebracht, und das ist das Wichtigste.
Die Gewerkschaft ist eine Selbsthilfeorganisation.
In den letzten 20 Jahren hat der Gewerkschaftsbund über 60'000 Mitglieder verloren. Nehmen Sie das auf Ihre Kappe?
Ja, wer Verantwortung trägt, ist dabei gewesen. Das tut mir sehr weh. Aber fast alle kollektiven Organisationen, von Kirchen bis zu Turnvereinen verlieren Mitglieder. Für die Arbeitnehmenden ist das schlimm, denn es braucht starke Gewerkschaften, sonst wächst die Ungleichheit. Man muss sich bewusst sein, dass man sich selbst engagieren muss. Die Gewerkschaft ist eine Selbsthilfeorganisation.
Trotzdem heisst es, der SGB habe politisch an Gewicht zugelegt.
Wir geben uns Mühe, mit unseren Ressourcen eine möglichst gute Arbeit zu machen. Als Arbeitnehmerin oder Arbeitnehmer ist man in der Schweiz, die nach wie vor ein Arbeitgeberland ist, nicht verwöhnt. Wenn man das sagt, freut es mich.
Kritiker sagen aber auch, der SGB nutze seine Macht aus, etwa bei Lohnschutzmassnahmen bei den bilateralen Verträgen mit der EU?
Wir müssen unsere Ziele erreichen. Als wir merkten, dass das Aussendepartement bereit war, Teile des Lohnschutzes preiszugeben, haben wir einen Vollstopp gerissen. Es ist doch logisch: Ohne die Zustimmung der Arbeitnehmerorganisationen gibt es keine Personenfreizügigkeit. Wir haben da eine Verantwortung. Wenn der Lohnschutz nicht gewährleistet ist, sagen wir Nein. Das ist ganz klar.
Es ist klar, dass Lernende mehr Ferien brauchen.
Es bleiben Ihnen noch drei Wochen, setzen Sie nun nochmals ein Ausrufezeichen?
Mein letzter Arbeitstag ist Ende November am Gewerkschaftskongress, der alle vier Jahre stattfindet. Die Berufslehre wird ein wichtiges Thema sein. Es ist klar, dass Lernende zum Beispiel mehr Ferien brauchen. Am Kongress werden wir sagen, was wir konkret vorschlagen.
Neben dem Politiker Lampart gibt es den Musiker Daniel, der Kontrabass spielt. Welche Rolle spielt die Musik für Sie?
Das ist wie die linke und rechte Gehirnhälfte. Der Kontrabass ist das Fundament des Orchesters. Man hört ihn selten, aber man merkt sofort, wenn er fehlt. In meinem Alltag habe ich oft das Mundwerk offen und muss sagen, wo es durchgeht. Im Orchester muss ich begleiten und nicht die erste Geige spielen. Das ist ein guter Charaktertest.
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