Stichwahl in Brasilien: Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Lula und Bolsonaro
Das zehntgrößte Industrieland Brasilien geht an diesem Sonntag erneut an die Wahlurnen. In der Stichwahl stehen sich der langjährige Präsident Luiz Inácio Lula da Silva von der Arbeiterpartei (PT) und der rechtspopulistische Senator Flávio Bolsonaro (PL), Sohn des Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro, gegenüber.
Umfragen deuten darauf hin, dass die Wahl äußerst knapp ausfallen dürfte. Beide Kandidaten liegen regelmäßig innerhalb der statistischen Fehlermarge gleichauf, was auf ein schwer vorhersehbares Ergebnis hindeutet.
In einer am Samstag veröffentlichten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Datafolha kam Flávio auf 51 Prozent der gültigen Stimmen, gegenüber 49 Prozent für Lula. Angesichts einer Fehlermarge von zwei Prozentpunkten gilt dieses Ergebnis jedoch als statistisches Unentschieden.
Eine am selben Tag veröffentlichte Nexus-Umfrage sah Flávio bei 50,5 Prozent und Lula bei 49,5 Prozent. Auch hier liegt der Abstand innerhalb der Fehlermarge von 2,2 Prozentpunkten.
Brasilien: wachsende Kriminalität wird zum Wahlkampfthema
Vorsprung aus dem ersten Wahlgang für Flávio
Im ersten Wahlgang am 4. Oktober hatte Flávio 47,03 Prozent der Stimmen erreicht, während Lula lediglich auf 45,16 Prozent kam. Der Abstand betrug damit lediglich 1,87 Prozentpunkte.
Neben den gleichen Nachnamen wie bei der letzten Wahl bringt die Stichwahl erneut eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen zwei politischen Projekten mit sich, die gegensätzlicher kaum sein könnten.
Auf der einen Seite setzt Lula erneut auf die Erinnerung an sozialpolitische Maßnahmen, die während seiner früheren Regierungen (2003 bis 2011) eingeführt wurden, ergänzt durch Appelle zur Verteidigung der nationalen Souveränität.
Flávio hingegen setzt auf Revanche und will seine politische Dynastie nach der Niederlage von 2022 wieder an die Macht bringen. Ähnlich wie sein Vater verfolgt er eine Strategie, die auf die Ablehnung der PT in Teilen der brasilianischen Gesellschaft baut.

Zudem setzt er auf eine Konfrontationskurs gegenüber Institutionen wie dem Obersten Bundesgericht (STF) und greift Themen wie die steigenden Lebenshaltungskosten auf.
Rechtsruck in der Region?
Beide Wahlkämpfe standen zudem im Schatten der ethischen und institutionellen Krise der Justiz, des Aufflammens von Korruptionsskandalen, geopolitischer Spannungen und sogar von Vorwürfen ausländischer Einflussnahme, sowohl durch die US-Regierung als auch großer US-Technologiekonzerne.
Das Wahlergebnis wird auch die Rolle beeinflussen, die Brasilien in der Welt einnimmt. Ein möglicher Sieg von Lula im größten Land Südamerikas würde sowohl in Europa, dessen Staaten sich nach der Ära Jair Bolsonaro wieder Brasilien angenähert haben, als auch bei Verfechtern des Multilateralismus und von Umweltanliegen mit Erleichterung aufgenommen werden.
Ein Sieg Flávio Bolsonaros würde nicht nur bei Umweltschützern Besorgnis auslösen, sondern Brasilien voraussichtlich auch stärker an den USA unter Donald Trump ausrichten. Damit würde das Land einem Trend folgen, der bereits in anderen Staaten der Region zu beobachten ist, etwa in Argentinien unter Javier Milei und im Kolumbien von Abelardo de la Espriella.

Gestiegene Lebenshaltungskosten
Brasiliens Stichwahl findet nur wenige Tage vor dem siebten Jahrestag von Lulas Freilassung aus dem Hauptquartier der Bundespolizei in Curitiba statt. Der Präsident hatte dort 580 Tage in Haft verbracht.
Nach seiner Freilassung vollzog Lula nicht einmal drei Jahre später eine der spektakulärsten politischen Wendungen der brasilianischen Geschichte, als er 2022 den damaligen Präsidenten Jair Bolsonaro besiegte und eine dritte Amtszeit gewann.
Während seiner dritten Amtszeit seit 2023 zeigten zahlreiche wirtschaftliche Kennzahlen Brasiliens nach dem Rückgang am Ende der Amtszeit von Jair Bolsonaro Anzeichen einer Verbesserung.
Das Land erreichte Rekordwerte bei der Beschäftigung sowie die niedrigsten Armuts- und Extremarmutsraten seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2012. Diesen Verbesserungen standen allerdings stark gestiegenen Lebenshaltungskosten gegenüber.
Nach erstem Wahlgang
Da Lula sich inzwischen seinem 81. Geburtstag nähert, könnte dies die letzte Präsidentschaftswahl sein, bei der sein Name auf dem Stimmzettel steht. Im Wahlkampf 2026 setzte er erneut auf sein politisches Erbe und seine persönliche Lebensgeschichte.

Obwohl er in den Umfragen zunächst vorne lag, erwies sich der erste Wahlgang für den PT-Politiker als schwieriger als erwartet. Im Vergleich zur ersten Runde der Wahl von 2022 verlor Lula rund 3,4 Millionen Stimmen.
Lulas Wahlkampfteam reagierte nach der Enttäuschung über das Ergebnis der ersten Runde mit einer umfassenden Mobilisierung ihrer Anhängerschaft und einem verstärkten digitalen Auftritt, um den Rückstand noch aufzuholen.
Flávio Bolsonaro: Amnestie für seinen Vater?
Flávio hingegen geht, von einer Rechtswelle getragen, die im ersten Wahlgang den Nationalkongress erfasste, als Favorit in die Stichwahl.
Der 45-Jährige versprach, seinem Vater Jair Bolsonaro, der wegen eines versuchten Staatsstreichs verurteilt und inhaftiertwurde, "Gerechtigkeit widerfahren zu lassen". Er sprach sich mehrfach für eine Amnestie aller Beteiligten an den Angriffen am 8. Januar 2023 aus.
Daneben konzentrierte Flávio seinen Wahlkampf auf die Kritik an den steigenden Lebenshaltungskosten, die Themen Korruption und Drogen. Er versprach einen "Krieg" gegen das, was er als "Narkoterrorismus" bezeichnete, und orientierte sich damit an anderen Vertretern der lateinamerikanischen extremen Rechten, wie etwa dem salvadorianischen Präsidenten Nayib Bukele.

In der letzten Debatte vor den Wahlen beim TV-Sender Globo erklärte Flávio: "Lula hat Rindersteaks versprochen und Kürbis geliefert".
Lula: "Machen Sie dieses Experiment nicht"
Lula hingegen fasste zusammen, was aus seiner Sicht auf dem Spiel steht: "Entweder wir halten die Demokratie am Leben, oder wir werden einen Milizionär haben, der dieses Land regiert. Das ist für niemanden gut. Machen Sie dieses Experiment nicht", warnte er.
Da Umfragen zeigen, dass die Wählerschaft beider Kandidaten weitgehend festgelegt ist . So geben bei Flávio Bolsonaro beispielsweise 94 Prozent seiner Anhänger an, ihre Wahlentscheidung nicht mehr ändern zu wollen.
Lulas größte Herausforderung besteht in der Stichwahl daher darin, die kleine Gruppe der Unentschlossenen noch für sich zu gewinnen und jene Wähler zu mobilisieren, die im ersten Wahlgang nicht abgestimmt haben.
Sollte Flávio gewählt werden, würde er als Präsident über einen stärkeren politischen Rückhalt verfügen als einst sein Vater im Jahr 2018. Denn im brasilianischen Kongress könnte er mit der Unterstützung von einer Rekordzahl an neu gewählten Abgeordneten und Senatoren seiner Partei PL rechnen.
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