Drohnenangriff auf Zug – Warum Russland Züge und Grenzübergänge angreift

Eine russische Drohne ist am Sonntag nur zwei Kilometer von der ukrainisch-polnischen Grenze entfernt in einen ukrainischen Passagierzug eingeschlagen. Die Passagiere waren zuvor evakuiert worden. Nur eine Stunde zuvor hatten westliche Politiker und Diplomaten dieselbe Stelle passiert – etwas früher als ursprünglich geplant, wie es heisst. Osteuropa-Korrespondentin Judith Huber ordnet den Angriff ein.
Judith Huber
Osteuropa-Korrespondentin
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Vor ihrer Tätigkeit als Osteuropa-Korrespondentin war Judith Huber als Sonderkorrespondentin für die Ukraine und als Auslandredaktorin tätig. Sie war zudem jahrelang Produzentin der Sendung «Echo der Zeit» von Radio SRF. Judith Huber befasst sich seit Jahren mit Osteuropa und Russland und mit anderen Ländern des postsowjetischen Raums. Sie spricht sowohl Russisch als auch Ukrainisch.
Was hat sich abgespielt?
Russland hat die Ukraine einmal mehr mit Drohnen überzogen, und dabei besonders die sonst ruhigere Westukraine angegriffen. Mindestens sechs Menschen starben. Eine Drohne traf an einem Bahnhof die Lokomotive eines ukrainischen Passagierzugs, der von Kiew nach Warschau unterwegs war. Die Bahn hatte die Gefahr rechtzeitig erkannt und die Passagiere evakuiert. Nur eine Stunde zuvor hatte ein Zug mit Diplomaten dieselbe Stelle passiert.
Galt der Angriff den Politikern und Diplomaten im Zug?
Das wissen wir nicht, aber es ist nicht ausgeschlossen. Nach Angaben der ukrainischen Eisenbahngesellschaft hätte der Diplomatenzug die Stelle eigentlich eine Stunde später passieren sollen, also genau zur Zeit des Drohneneinschlags. Er war aber wegen der unsicheren Lage früher unterwegs.
Wer war im Zug unterwegs?
An Bord waren die Sicherheitsberater mehrerer EU-Staaten und ehemalige hochrangige Politiker wie der ehemalige britische Premier Boris Johnson. Ein weiterer Zug mit dem früheren CIA-Direktor David Petraeus stand zum Zeitpunkt des Angriffs am grenznahen Bahnhof.
Warum spricht Polen von einer Eskalation?
Polens Premier Donald Tusk rechnet mit zunehmenden russischen Aktivitäten in den kommenden Wochen und Monaten. Und er könne nicht ausschliessen, dass auch Polen betroffen sein werde. Es gebe Hinweise, dass Russland Grenzübergänge zur Ukraine angreifen und lahmlegen wolle. Bereits letzte Woche traf eine russische Drohne einen Übergang zwischen der Ukraine und Moldau. Zwei Menschen starben. Auch die Ukraine wertet den Angriff als Eskalation. Der ukrainische Aussenminister Andrij Sybiha sagte, Putins Terror klopfe direkt an die Tore der Nato und der EU.
«Putin eskaliert», schrieb Aussenminister Radoslaw Sikorski auf X
Warum greift Russland die Bahninfrastruktur an?
Moskau verfolgt wohl verschiedene Ziele. Über die Bahn gelangen auch Waffen und Militärlogistik in die Ukraine. Deshalb gehört die Infrastruktur zu den prioritären russischen Zielen. Doch inzwischen werden regelmässig auch Passagierzüge voller Zivilpersonen angegriffen. Die Bahn ist die Lebensader des Landes. Wird sie zerstört oder stark gestört, ist Moskau näher am Ziel, die Ukraine unbewohnbar zu machen.
Was bezweckt Russland mit den Angriffen auf zivile Ziele?
Die Angriffe verbreiten Schrecken und Angst. Wenn Züge und Grenzübergänge nicht mehr sicher sind, dann werden sich wohl manche überlegen, ob sie wirklich ins oder durchs Land reisen wollen, darunter auch ausländische Investoren, Politikerinnen und Journalisten. Dadurch wird das Land zunehmend isoliert. Zugleich wird der mühsam aufrechterhaltene Alltag abseits der Front beeinträchtigt. Und die ausländische Unterstützung für die Ukraine wird massiv erschwert.
Was bedeutet diese Entwicklung für Medienschaffende?
Journalistinnen und Journalisten überlegen sich bereits gut, wohin und wie sie reisen. Eskaliert die Lage weiter, dürften noch weniger Medienhäuser ihre Leute in die Ukraine schicken. In frontnahen Gebieten berichten wegen der unglaublichen Gefahr schon heute nur noch wenige Medien vor Ort. Das ist auch in dieser Hinsicht eine sehr negative Entwicklung.
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