Wachsende Aggressionen im Straßenverkehr: Alles Pisser außer mir

Die Menschen im Straßenverkehr werden immer aggressiver. Wie auch nicht, denke ich mir. Das einzige, was uns retten wird, sind härtere Strafen.
Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa
E s ist gut, dass ich keinen Führerschein habe, denke ich oft. Fürs Klima klar, aber vor allem für den Verkehr – und für mein Gemüt.
Eigentlich würde ich mich als relativ gelassenen und friedfertigen Menschen beschreiben, aber im Straßenverkehr werde ich zur Furie. Wenn mir jemand als Radfahrerin die Vorfahrt nimmt, ist ein fassungsloses Kopfschütteln nur der Anfang. Ich hebe auch mal meinen Mittelfinger oder meine Stimme, schnell rutscht mir ein lautes „Du Pisser!“ raus. Manchmal versuche ich auch Autofahrer:innen zu erziehen, in dem ich im Schneckentempo vor ihnen her fahre. Und wenn ich mich richtig ärgere, hole ich meine größte Waffe aus meiner Tasche: mein Smartphone.
Gekonnt ärgern
Erst kürzlich versuchte ein Transporter von einem Supermarktparkplatz auf die Straße zu fahren und verstellte dabei den kompletten Fahrradweg. Während ich auf ihn zu fuhr, schüttelte ich nur stumm mit dem Kopf. Das allein schien ihn zu ärgern, dass er zur Strafe den Motor aufheulen ließ, als ich ihm auswich.
Ein Glück, dass ich nicht vor Schreck vom Rad gefallen bin. Stattdessen zog ich mein Handy aus der Tasche und gab vor, sein Auto zu filmen. Verängstigt kurbelte er sein Fenster runter und rief mir hinterher: „Ey, was machst du da? Was hast du mit dem Video vor? Lösch das sofort!“ Ohne mich umzudrehen, radelte ich ihm voller Genugtuung davon. Soll er doch Angst haben. Da ich mich auf dem Rad in der schwächeren Position sehe, denke ich, mir stehen alle Mittel zu, um für ein bisschen Gerechtigkeit im Straßenverkehr zu sorgen. Doch zur Wahrheit gehört auch, dass ich mich immer im Recht sehe. Egal auf welchem Gefährt.
Ich hab recht, du bist schuld
Als Fußgängerin schimpfe ich auf alle Radfahrer:innen – von den Menschen, die mit dem E-Scooter auf dem Gehweg unterwegs sind, ganz zu schweigen. Dass ich selbst mit dem Roller über Gehwege brettere, wenn es mal schnell gehen muss, schalte ich in diesen Momenten erfolgreich aus. Als Radfahrer:in werden mir die SUVs auf Radwegen genauso zum Feind wie Passant:innen, die ohne zu gucken, über die Straße laufen. Aber auch als Beifahrerin im Auto komme ich aus dem Kopfschütteln nicht raus. Für mich steht fest: Schuld sind immer die anderen.
Das Problem ist: Mit diesem egozentrischen Verhalten bin ich nicht allein. Deutschlands Straßen sind voll von Wutbürger_innen. Das ist das Ergebnis einer Langzeitstudie der Unfallforschung der Versicherer im Gesamtverband der Versicherer (UDV) zu Verkehrsklima und Sicherheit im Straßenverkehr.
Nachdem er gut 2.000 Menschen befragt hat, kommt der Verband zu dem Schluss: Der Verkehr wird immer dichter, die Leute immer aggressiver. Unabhängig davon, ob die Menschen mit dem Auto oder dem Fahrrad unterwegs sind, jede:r priorisiert sich selbst.
Die Menschen drängeln, hupen und schimpfen, schlängeln sich an anderen vorbei, hängen am Smartphone und brechen jede Regel, die ihrem schnellen Vorankommen im Weg steht. Dass dabei Menschenleben gefährdet werden, ist den Verkehrsteilnehmer:innen egal. Hauptsache, sie sind schnell am Ziel.
Selbst- und Fremdwahrnehmung gehen auseinander
Das Interessante daran: Alle stören sich am Straßenverkehr, doch ihr eigenes Fehlverhalten wollen die wenigsten anerkennen. Ein Beispiel: 92 Prozent der Autofahrer:innen gaben an, dass sie Radfahrer:innen besonders rücksichtsvoll überholen. Aber 86 Prozent der Befragten sagen, dass sie beobachten, wie andere Autos Radfahrer:innen zu eng überholten. So ist das mit der Fremd- und Selbstwahrnehmung.
Als Antwort auf die Aggressionen fordert der UDV nun Expert:innen auf, Kampagnen für ein rücksichtsvolleres Miteinander zu entwickeln. Süß, denke ich. Als könnten ein paar nette Plakate oder Videoclips uns zu mehr Vorsicht im Straßenverkehr zwingen.
Dabei wäre diese dringend notwendig. Denn Aggressionen im Straßenverkehr sind nicht nur eine Charakterschwäche, sondern können richtig gefährlich werden. 2,5 Millionen Verkehrsunfälle gab es im vergangenen Jahr in Deutschland. Und das führt nicht nur zu verbeulten Blech. Alle 18 Minuten ist im Durchschnitt ein Kind im Straßenverkehr verletzt oder getötet worden. Todesfälle, die sich vermeiden ließen, wenn wir alle etwas entspannter auf den Straßen unterwegs wären.
Dahin kommen wir nur mit Strafen. Das scheint die einzige Sprache zu sein, die auf der Straße verstanden wird. Und zwar solche, die richtig weh tun. Mein Vorschlag wäre: Wer mit dem Auto zu schnell unterwegs ist, gibt für jedes Km/H, das zu viel war, einen Monat seinen Führerschein ab. Oder: Wer bei Rot über die Ampel fährt, muss 5 Prozent seines Nettoeinkommens Strafe zahlen.
Klingt hart. Aber nur wenn es richtig weh tut, bemühen wir uns vielleicht, andere nicht mehr zu gefährden.
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Carolina Schwarz Ressortleiterin taz zwei
Ressortleiterin bei taz zwei - dem Ressort für Gesellschaft und Medien. Schreibt hauptsächlich über intersektionalen Feminismus, (digitale) Gewalt gegen Frauen und Popphänomene. Studium der Literatur- und Kulturwisseschaften in Dresden und Berlin. Seit 2017 bei der taz.
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