Abwehrwälle in Osteuropa – Osteuropäische Staaten setzen auf Verteidigungswälle

Die Maginot-Linie war ein gewaltiges Verteidigungssystem, das die Franzosen ab 1930 bauten. Es sollte einen deutschen Einmarsch wie jenen im Ersten Weltkrieg verhindern. Doch die Nazi-Deutschen umgingen die Maginot-Befestigungen einfach und fielen über das neutrale Belgien in Frankreich ein. Seither gehören solche Festungssysteme eher zur Militärgeschichte als zur Gegenwart.
Allein Estland plant 600 vorfabrizierte Bunker.
Doch das ändert sich nun. «Die drei baltischen Länder und Polen investieren Milliarden in solche neuen Verteidigungsanlagen», so Ruben Stewart, Experte für Landkriegsführung beim Londoner Strategieinstitut IISS: «Dazu gehören klassische Dreizack-Panzersperren und Gräben, aber ebenso vorfabrizierte Bunker. Allein Estland plant deren 600.»
Ziel: Russlands Armee aufhalten
Doch es geht nicht nur um Beton und Wälle, sondern auch um Zonen intensiver Überwachung, um Feuerkraft, Truppenstellungen – also um ein vernetztes System mit einer Tiefe von bis zu fünfzig Kilometern. So will man Russland aufhalten oder einen Vorstoss zumindest bremsen.
In der Ukraine sind vorbereitete Verteidigungsanlagen überaus wirksam.
Auch von Landminen ist die Rede, weshalb Polen, Finnland und die baltischen Staaten aus dem internationalen Landminenverbotsabkommen ausgetreten sind. Dass ein altes Schutzkonzept, wenngleich stark modernisiert, wieder auflebt, hänge mit dem Ukraine-Krieg zusammen. «Dort sind vorbereitete Verteidigungsanlagen überaus wirksam», so Stewart.
Standhafte Befestigungen in der Ukraine
2023 liessen die Russen mit ihrer Surowikin-Linie die ukrainische Gegenoffensive ins Leere laufen und hielten das eroberte Terrain. Heute stürmen die Russen unter enormen Opfern, jedoch mit bloss geringen Geländegewinnen gegen ukrainische Befestigungen an.
Genau deshalb kann die Ukraine unmöglich territoriale Zugeständnisse als Gegenleistung für einen Frieden machen. Denn so würden die Russen hinter die ukrainischen Verteidigungsanlagen gelangen – und hätten dann freie Bahn bis Kiew und darüber hinaus.
Kein koordiniertes Nato-Vorgehen
Unbefriedigend bei dem, was jetzt an Europas Ostflanke errichtet wird, ist, dass jedes Land in erster Linie für sich selbst handelt. Es gebe zwar eine gewisse Koordination, sagt Ruben Stewart. Auch existiere ein Nato-weiter Plan zum besseren Schutz der Ostflanke – vom hohen Norden Norwegens bis nach Rumänien. Doch die Umsetzung obliege weitgehend den einzelnen Nato-Mitgliedern.
Bei der Maginot-Linie hat man es 1940 versäumt, dahinter kampfstarke Truppen zu positionieren.
Eine weitgehende Synchronisierung der Anstrengungen wäre jedoch nötig für einen maximalen Nutzen. Zumal Verteidigungsanlagen nur ein Element darstellten. «Die Maginot-Linie hat 1940 auch deshalb nichts genützt, weil man ausschliesslich auf deren Schutzwirkung setzte und es versäumte, dahinter kampfstarke Truppen zu positionieren», sagt Stewart.
Russland darf keine Geländegewinne erzielen
«Europa muss einen möglichen russischen Angriff sofort aufhalten und darf Moskau keine Geländegewinne erlauben», betont der altgediente deutsche Nato-General Jürgen-Joachim von Sandrart: «Denn Europa fehlt die strategische Tiefe: Marschieren die Russen im Baltikum ein, können sich die Nato-Truppen nicht einfach vorübergehend zurückziehen, sonst stehen sie gleich in der Ostsee.»
Dazu kommt eine militärische Binsenweisheit. Es ist – bei entsprechender Vorbereitung – ungleich einfacher, einen feindlichen Vorstoss zu verhindern als verlorenes Terrain zurückzuerobern.
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