Geschwisterforschung – Klüger, kreativer, einsamer? Drei überraschende Erkenntnisse

Geschwister können wir uns nicht aussuchen. Doch wie stark prägen sie uns wirklich? Drei Erkenntnisse aus der Forschung.
1. Bestimmt die Geburtenreihenfolge den Charakter?
Schon Anfang des 20. Jahrhunderts machte der berühmte Psychiater Alfred Adler die Idee populär, die Geburtsreihenfolge präge den Charakter: Erstgeborene seien verantwortungsbewusst und klüger. Nesthäkchen kreativ und risikofreudig.
Eine Studie mit über 20’000 Datensätzen aus Deutschland, den USA und Grossbritannien fand jedoch praktisch keine Persönlichkeitsunterschiede in Bezug auf die Geburtsreihenfolge von Geschwistern. Eine jüngere Studie von 2024 untersuchte noch differenzierter, speziell den Punkt «Aufrichtigkeit/Bescheidenheit». Es zeigte sich, dass vor allem die Mittelkinder in diesem Punkt leicht ausgeprägtere Tendenzen haben.
Was aber den Charakter wohl eher prägt: die Grösse der Familie. Denn in besagter Studie wurde bei Familien mit mehr als sechs Kindern der stärkste Effekt auf die Persönlichkeit festgestellt. Die These der Forschenden: Je mehr Geschwister man hat, desto häufiger muss man kooperieren.
2. Sind Einzelkinder Ich-bezogen?
Egoistisch, verwöhnt, einsam – kaum ein Kind kämpft mit so vielen Vorurteilen wie das Einzelkind. Die Studie von 2024 zeigt, dass Einzelkinder sich etwas weniger aufrichtig und bescheiden zeigen als Kinder in grossen Familien.
Aber sind die Einzelkinder deshalb Ich-bezogener? Mehrere Studien prüften dieses Narzissmus-Klischee. Zwei Studien kommen zum Schluss, dass Einzelkinder kein bisschen selbstbezogener sind als Menschen mit Geschwistern.
Sinkende Geburtenraten
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Wer ohne Geschwister aufwächst, ist immer seltener allein damit. Weltweit sinken die Geburtenraten: Lag der Schnitt in den 1960er-Jahren noch bei rund fünf Kindern pro Frau, sind es heute etwa 2.3 Kinder.
In Europa liegt der Schnitt sogar seit Jahrzehnten unter den 2.1 Kindern pro Frau, die eine Bevölkerung stabil halten würden. In der Schweiz sind es aktuell nur noch 1.28 Kinder pro Frau – der tiefste je gemessene Stand (2025).
Schon heute ist hierzulande also jedes fünfte Kind ein Einzelkind, Tendenz steigend.
Denn laut Forschung zählt für die Entwicklung nicht nur das familiäre, sondern das Umfeld als Ganzes. So können soziale Fähigkeiten wie Kooperieren oder Bescheidenheit im Umgang mit anderen Kindern auch in der Kita, auf dem Spielplatz oder in der Schule erlernt werden.
3. Sind Erstgeborene öfter Überflieger?
Ein bekannter Mythos bleibt noch: Die Erstgeborenen sollen die Intelligentesten sein. Dazu wird gerne die Tatsache ins Feld geführt, dass die ersten Nasa-Astronauten fast alle Erstgeborene waren. Also: Was steckt dahinter? Auf jeden Fall mehr Statistik als biologischer Vorteil: Erstgeborene gibt es in jeder Familie mit Kindern. Zweit- oder Drittgeborene nicht.
Ein weiterer Punkt: Gut situierte Familien haben tendenziell weniger Kinder – ein zusätzlicher sozialer Grund für den vermeintlichen Erstgeborenen-Vorsprung.
Doch ein Funke Wahrheit steckt im Überflieger-Mythos drin: In westlichen Ländern schneiden Erstgeborene bei Intelligenztests im Schnitt besser ab. Der Unterschied ist allerdings so klein, dass es im Alltag kaum auffällt. Und: Der Vorsprung verschwindet, sobald man die westliche Welt verlässt. In Indonesien etwa sind Erstgeborene nicht klüger, weil dort oft gerade sie früh die Schule verlassen müssen, um Geld zu verdienen.
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