Umfrage zu Lehrlingen – Firmen beobachten Defizite bei Grundkompetenzen der Lernenden

Worum geht es? Ein Grossteil der Firmen hat bei ihren Lernenden erhebliche Defizite in den Grundkompetenzen beobachtet. Besonders die Schreibkompetenzen und mathematischen Fähigkeiten werden kritisch beurteilt. Eine kontinuierliche Verschlechterung gebe es seit fünf bis zehn Jahren, wie eine gemeinsame Umfrage mehrerer Schweizer Wirtschaftsverbände zeigt. Die schlechteren Grundkompetenzen wirken sich konkret auf die Unternehmen aus. Rund 20 Prozent der Firmen geben an, künftig weniger Lehrlinge rekrutieren zu wollen.
Die Umfrage bei Economiesuisse
Was fordern die Unternehmen? Die Verbände fordern eine Trendwende: Die Volksschule müsse sich wieder vermehrt auf die Vermittlung von Grundkompetenzen konzentrieren. Sonst werde das System der Berufslehre geschwächt und damit auch der Wirtschaftsstandort Schweiz. «Die Politik muss dafür sorgen, dass die Schule sich auf den Kernauftrag beschränken kann», sagt Rudolf Minsch, Chefökonom des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse. «Dort dürfen sie keine Kompromisse machen.» Die Wirtschaftsverbände fordern von der Politik, dass systematisch untersucht werde, wo die Gründe für den beobachteten Rückgang bei den Kompetenzen liegen. Nur so könnten die richtigen Massnahmen eingeleitet werden.
2900 Ausbildungsverantwortliche befragt
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Economiesuisse, der Schweizerische Gewerbeverband (SGV) und der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV) befragten rund 2900 Ausbildungsverantwortliche online. Über ein Viertel der Antworten stammte aus dem Gesundheits- und Sozialwesen, gefolgt von rund 14 Prozent aus der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Zwischen der Deutschschweiz, der Westschweiz und dem Tessin zeigen sich insgesamt nur geringe Unterschiede in der Beurteilung der Kompetenzen.
Zwei Drittel der Unternehmen gaben an, dass dadurch zusätzliche Kosten entstehen würden. 19 Prozent der Unternehmen mussten zwischen 500 und 2000 Franken pro Jahr und pro Lernenden zusätzlich aufwenden. Gemäss der Umfrage müssen bei der Mehrheit der Betriebe bis zu drei Stunden pro Woche und Lernender mit ungenügenden Grundkompetenzen aufgewendet werden. (sda)
Wie sind die Zahlen einzuordnen? Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die darauf hinweisen, dass die Grundkompetenzen bei den Schülerinnen und Schülern in der Schweiz unter Druck sind. Vor allem öffnet sich die Schere zwischen Kindern aus privilegierten und Kindern aus sozioökonomisch benachteiligten Haushalten. Das zeigen Pisa-Studien, aber auch nationale Erhebungen. Dass diese Tendenz auch, oder sogar besonders, in den Lehrbetrieben zu erkennen ist, erstaunt insofern nicht. Wobei die neu publizierte Umfrage nicht repräsentativ ist: Von den rund 60'000 Lehrbetrieben in der Schweiz haben knapp 3000 daran teilgenommen. Nicht bekannt ist, welche Berufe oder Kantone besonders betroffen sind. Aber es ist ein Stimmungsbild, das ernst genommen werden muss: Wenn Betriebe wirklich vermehrt beginnen, wegen fehlender Grundkompetenzen weniger Lehrstellen anzubieten, wäre das ein Problem.
Was sagt die Bildungspolitik zur Forderung aus der Wirtschaft? Christophe Darbellay, Präsident der kantonalen Bildungsdirektoren, plädiert gegenüber SRF dafür, das Ganze nicht ganz so dramatisch zu sehen. Die Schweiz stehe im internationalen Vergleich immer noch sehr gut da. Die neueste Pisa-Umfrage, die bald erscheinen werde, entspreche «nicht unbedingt dem Bild, das heute von den Wirtschaftsverbänden geschildert wurde». Gleichzeitig unterstützt Darbellay durchaus die Forderung der Wirtschaftsverbände: Die Schulen sollen sich wieder stärker auf das Vermitteln der Grundkompetenzen konzentrieren. Da müsse vor allem auch bei Kindern angesetzt werden, die aus sozial benachteiligten Haushalten kämen. Die Kantone seien hier gefordert, denn es gebe noch Luft nach oben.
Was wird jetzt konkret unternommen? Es wird viel untersucht, in Sachen Monitoring ist die Schweiz nicht schlecht unterwegs. Noch mehr wird diskutiert und gefordert, aber dann wenig konkret angepackt. Dies liegt aber sicher auch daran, dass der Bund und in Folge auch die Kanone sparen müssen. Da kann der Schweizer Verband der Lehrerinnen und Lehrer lange nach mehr Ressourcen und kleineren Schulklassen rufen – in der Praxis läuft der Trend in die andere Richtung.
Echo der Zeit, 1.9.2026, 18 Uhr; wilh ; SRF/leiserel/rastda/hesa
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