Berner Linken-Kollektiv regelt sexuelle Übergriffe selbst

Darum gehts
- Ein Berner Wagenplatz-Kollektiv hat mutmassliche sexuelle Gewalt intern aufgearbeitet, statt die Polizei einzuschalten.
- Während der internen Aufarbeitung soll der Beschuldigte ein halbes Jahr später eine Vergewaltigung begangen haben.
- Das Kollektiv räumte in einem selbst veröffentlichten Bericht «Naivität und Selbstüberschätzung» ein – eine Anzeige gibt es offenbar bis heute nicht.
Im Sommer vergangenen Jahres soll ein Bewohner des Berner Wagenplatz-Kollektives einen sexuellen Übergriff begangen haben. Der Mann durfte im Kollektiv bleiben und wurde von einer Bezugsgruppe begleitet, wie die «NZZ am Sonntag» berichtet.
Doch noch während der internen Aufarbeitung soll er ein halbes Jahr später eine Vergewaltigung begangen haben. Diesen Sommer wurde er ausgeschlossen. Eine Anzeige gibt es offenbar bis heute nicht. Die Vorwürfe lassen sich nicht unabhängig überprüfen.
«Naivität und Selbstüberschätzung»
Bekannt wurde der Fall durch einen Bericht, den das Kollektiv selbst auf einem linken Portal veröffentlichte. Darin räumen die Autoren «Naivität und Selbstüberschätzung» ein. Hinter dem Vorgehen steckt das Konzept der transformativen Gerechtigkeit: Statt Polizei und Gerichten sollen Täter und Umfeld gemeinsam Verantwortung übernehmen. Zum Schluss wurde der Beschuldigte im Internet mit seinem Rufnamen geoutet, wie die «NZZ am Sonntag» weiter schreibt.
Auch in Zürich und der Innerschweiz
In der Innerschweiz scheiterte vor drei Jahren ein ähnlicher Prozess nach einem Jahr. Die Gruppe sei als «Therapieersatz» ausgenutzt worden, heisst es in einem Bericht. Beim Zürcher Sanitätskollektiv leistete eine beschuldigte Person trotz laufender Aufarbeitung einen Einsatz am feministischen Streik in Winterthur. Das Kollektiv räumte daraufhin einen «schwerwiegenden Fehler» ein.
Vergewaltigung ist ein Offizialdelikt und muss von Amtes wegen verfolgt werden. Ob die Staatsanwaltschaft ermittelt, sagt sie nicht. Strafrechtlerin Nora Scheidegger sieht hinter der Kritik an der Justiz dennoch ein echtes Problem und sagt gegenüber der «NZZ am Sonntag»: «Schätzungen zufolge machen bis zu 90 Prozent der Betroffenen gar nicht erst eine Anzeige.»
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?
Hier findest du Hilfe:
Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz
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Florian Osterwalder (fos) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten und ist stellvertretender Co-Leiter des Newsdesks.
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