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Saturday, September 19, 2026

Wenn Topmanager aussteigen: So gelingt die Karriere nach der Karriere

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So hatte René Zahnd sich das nicht vorgestellt. Zehn Jahre lang steuerte er Swiss Prime Site (SPS), den grössten Schweizer Immobilienkonzern, durch tiefgreifende Transformationen und richtete die Gruppe neu aus. Seinen Ausstieg leitete er frühzeitig ein: Im Sommer 2024 besprach er mit Verwaltungsratspräsident den geordneten Rücktritt per Ende 2025 – ein Jahr vor seinem 60. Geburtstag.

Doch der geplante Übergang in die zweite Karriere begann mit einem Dämpfer: Eine einjährige Sperrklausel untersagte Zahnd die Übernahme von Verwaltungsratsmandaten im Schweizer Immobiliensektor. Dies bei börsenkotierten und privat geführten Immobilienfirmen – genau dort, wo er die zweite Karriere für sich gesehen hatte.

Artikel aus der «Bilanz»

Dieser Artikel wurde erstmals in der «Bilanz» publiziert. Weitere spannende Artikel findest du unter bilanz.ch.

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Wer jahrzehntelang an der Spitze eines Konzerns gestanden hat, möchte oft auch das Leben danach wie eine Konzernstrategie planen. Doch dieser Schritt verlangt die Bereitschaft, die eigene Identität vom Amt zu entkoppeln, rechtzeitig in persönliche Beziehungsnetze zu investieren und den Blick vom Status auf eine inhaltliche Sinnhaftigkeit zu lenken. Wer das nicht tut, dem fehlt am Tag nach dem Rücktritt mehr als das grosse Eckbüro und der private Chauffeur.

Glück im Unglück?

René Zahnd nutzte die Zwangspause zur inhaltlichen Neuausrichtung: «Zunächst hat mich die einjährige Sperre für sämtliche Immobilienmandate schon genervt», räumt er ein. «Doch im Nachhinein war sie fast ein Gewinn für meine Karriere, weil ich mir ganz neu die Frage stellen musste: Was begeistert mich eigentlich sonst noch?» Zahnd übernahm Mandate bei V-Zug und der Gebäudeversicherung des Kantons Bern mit Fokus auf Nachhaltigkeitsrisiken. Und als ehrenamtlicher Präsident von Young Enterprise Switzerland fördert er die Wirtschaftsbildung von Jugendlichen. Darüber hinaus coacht er junge Führungskräfte.

Heute strebt Zahnd ein Pensum von rund 80 Prozent an. Der Verzicht auf die operative Konzernverantwortung bringt volle Zeitautonomie: Sonntagsarbeit entfällt, Skitage unter der Woche lassen sich spontan ansetzen, und das Training für seinen mittlerweile 13. Marathon lässt sich flexibel einteilen. «Wenn Sie über Jahre im Hamsterrad waren und spätestens sonntagnachmittags wieder am Schreibtisch sassen, ist die gewonnene Freiheit enorm», sagt Zahnd. «Ich gönne mir jetzt unter der Woche spontane Skitage – ganz ohne Anstehen.»

Thomas Ladner kennt diese schlagartige Umstellung genau. Der Wirtschaftsjurist und Multi-Netzwerk-Gründer erkannte die Lücke im Austausch unter C-Level-Managern bei einem Mittagessen im Zürcher Club zum Rennweg. Ladner speiste mit dem ehemaligen Credit-Suisse-Chef Ulrich Körner. Als dieser erzählte, dass er Mandate in Advisory Boards und Start-up-Investments prüfe, fielen Ladner spontan zwölf weitere Topmanager ein, die genau das Gleiche im Stillen taten. Auf Ladners Frage, ob er sich mit diesen Personen austausche, verneinte Körner. Gemeinsam mit dem Coach Schoscho Rufener entschied Ladner, ein Format für diesen diskreten Austausch zu schaffen. Bereits zwei Monate später fand das erste «What Next»-Seminar statt.

Grabrede statt Lebenslauf

«In der ersten Phase des Lebens arbeiten wir an unserem Lebenslauf. In der zweiten Phase sollte man die eigene Grabrede im Auge haben», sagt Ladner in Anlehnung an den Harvard-Professor Arthur Brooks. Wer im zweiten Akt Erfüllung sucht, muss sich den Werten widmen, für die man von Familie, Freunden und Weggefährten rückblickend gewürdigt werden möchte. Ladner empfiehlt deshalb, sich spätestens ab dem 50. Geburtstag mit dem Thema zu beschäftigen. Für den wohl bestvernetzten Schweizer Anwalt steht fest: «Wer sich nicht vorbereitet, geht das Risiko ein, in der zweiten Karriere zuerst Jahre auf ein falsches Thema zu fokussieren. Für ein Nachjustieren bleibt dann oft keine Zeit.»

Der grösste Schock ist für viele Ex-CEOs der schlagartige Verlust von Kontakten. Beziehungen, die nur aufgrund der CEO-Funktion existieren, werden laut Ladner auf dem Silbertablett serviert. Wer nicht aktiv in persönliche Netzwerke investiert, verliert sie am Tag des Abgangs ersatzlos. «Wer nur für die Company lebt und sich kein eigenes Beziehungsnetz aufbaut, hat verloren», warnt Ladner. Er erinnert an einen Schweizer CEO, der jahrelang jedes Netzwerken ausserhalb seiner Stakeholder ablehnte. Erst ein Jahr nach seinem Abgang fragte er Ladner ratlos, wer ihm nun Verwaltungsratsmandate vermitteln könne – er stand vor dem Nichts.

Bei den «What Next»-Workshops übernimmt Schoscho Rufener die Leitung des Moduls für Introspektion und Biografiearbeit. Als langjähriger Coach für Führungskräfte begleitet er die Kursteilnehmer bei der Reflexion der eigenen Identität. «Wer den beruflichen Status mit der eigenen Identität verwechselt, erlebt beim Rücktritt ein Vakuum», betont Rufener. «Der erste Schritt in die zweite Karriere besteht darin, herauszufinden, wer man ohne Visitenkarte ist.» Während der Transformation von der ersten in die zweite Karriere lautet die anspruchsvolle Frage daher: Was hat für mich Bedeutung?

Freiraum dank Loslassen

Viele Manager planen ihren Ausstieg rein strategisch und vergessen die Frage nach den persönlichen Werten. «Ohne ehrliche Introspektion baut man sich das alte Hamsterrad nur an einem neuen Ort wieder auf.» Rufener rät zur gründlichen Analyse der eigenen Biografie: «Ein erfolgreicher Übergang gelingt selten über das Aufzählen von Lebenslaufstationen, sondern über ein klares Narrativ. Führungskräfte müssen lernen, ihre eigene Geschichte neu und authentisch zu erzählen.» Dass dabei Verunsicherung entsteht, gehört für den Coach dazu: «Das Loslassen von Kontrolle löst Verunsicherung aus. Doch erst wenn man diesen Zustand aushält, entsteht der nötige Freiraum für eine echte Neuausrichtung.»

Vorbilder für einen erfolgreichen Wechsel in die zweite Karriere gibt es einige – eine «One fits all»-Lösung hingegen nicht. Jörg Wolle, ehemaliger CEO von DKSH und heutiger VR-Präsident von Kühne + Nagel, lebt das Modell «Board plus»: Er verbindet anspruchsvolle VR-Mandate und private Leidenschaften wie Segeln oder Oldtimer-Rennen. Christian Mumenthaler, Ex-CEO von Swiss Re, verknüpfte den Ausstieg mit strikter Kalenderdisziplin und hält sich mindestens die Hälfte seiner Zeit frei. Und Armin Meier, dessen zweite Karriere nach der Entlassung als Kuoni-Chef abrupt begann, verwandelte den Rückschlag in eine erfolgreiche Existenz als Multi-Verwaltungsrat bei Private-Equity-Firmen.

Radikaler Neuanfang

Auch für den Wechsel von der Konzernspitze in völlig andere Gefilde gibt es gute Beispiele. Etwa Ex-Microsoft-Chef Steve Ballmer, der das NBA-Team Los Angeles Clippers kaufte und die gemeinnützige Transparenzplattform USAFacts ins Leben gerufen hat. Oder die frühere Patagonia-Chefin Rose Marcario, die heute in Start-ups im Bereich Klimatechnologie investiert. Oder Carly Fiorina: Sie engagiert sich nach ihrer Zeit als CEO von Hewlett-Packard (HP) in der US-Politik.

Einen ähnlich radikalen Neuanfang wagte auch Anna Zeiter. Mehr als elf Jahre lang leitete sie als Vice President die globale Datenschutzabteilung beim US-Konzern eBay. Den Ausschlag für ihren Ausstieg gab ein Schlüsselerlebnis an der Münchner Sicherheitskonferenz im Februar 2025: Nach einer Rede des US-Politikers JD Vance reifte in ihr der Entschluss, sich für die digitale Souveränität Europas einzusetzen. Um Orientierung für den Wechsel zu gewinnen, besuchte sie das «What Next»-Retreat.

Einige Monate später lernte sie den schwedischen Unternehmer Ingmar Rentzhog kennen, der gerade eine europäische Alternative zur Plattform X aufbaute und ihr die Führung anbot. Ein zeitgleiches Jobangebot von Google schlug Zeiter aus. «Ich wollte das Geld gar nicht erst sehen. Wenn man die Zahlen vor sich hat, wird der Ausstieg schwer», erzählt sie. Statt in die «Money Trap» aus Boni und Optionen zu tappen, übernahm sie als Co-Gründerin die CEO-Rolle beim Start-up W Social. Bedenken wegen eines Statusverlusts hatte sie nicht: «Man sollte sich als Person nie an ein Unternehmen klammern. Ich bin mein eigener Brand.»

Der Wechsel bedeutete radikal neue Geschwindigkeiten. «Bei eBay hätte die Entscheidung für ein neues Logo fünf Monate und sieben Komitees gebraucht. Im Start-up haben wir das innerhalb von fünf Minuten entschieden», sagt Anna Zeiter und lacht. Dafür gibt es beim Start-up keine Teams für PR oder Markenrecht mehr. Auch kulturelle Eigenheiten überraschten sie, als die schwedischen Kollegen für vier Wochen in die Sommerferien verschwanden: «Da sassen meine deutsche Kollegin und ich mit vier Praktikanten und schmissen den Laden», sagt sie amüsiert.

Nur etwas würde sie rückblickend anders machen: Sie würde eine Pause einlegen. «Ich hätte zwischen den Jobs ein paar Wochen lang durchatmen und das Erreichte reflektieren sollen.» Den Mut zum Risiko bereut sie nicht: «Ich habe im ersten halben Jahr beim Start-up mehr gelernt als bei eBay in den letzten fünf Jahren. Dieser Neuanfang hält jung.»

Wie gefährlich es ist, wenn die Persönlichkeit mit dem Amt verschmilzt, hebt Thomas Ladner immer wieder hervor. Viele CEOs schrieben ihren Erfolg und den Respekt der Umwelt ausschliesslich sich selbst zu statt der geliehenen Macht der Organisation: «Diejenigen, die es nach ganz oben schaffen, sind überdurchschnittlich intelligent. Aber viele dieser Managerinnen und Manager realisieren trotzdem nicht, dass sie nicht der Stuhl sind, auf dem sie sitzen.»

Wunsch und Wirklichkeit

Der Statusverlust nach dem Ende der operativen Karriere sei daher für viele Betroffene dramatisch. Für Thomas Ladner ist Marcel Rohner, Ex-CEO der UBS, ein Vorbild: «Er managte die UBS im perfekten Sturm der Finanzkrise und blieb davor, währenddessen und danach exakt derselbe geerdete Mensch, weil er seinen Job nie mit seinem Selbstwert verwechselte.»

Wer seine zweite Karriere plant, hat oft ein präzises Wunschbild und findet die Erfüllung dann auf unerwarteten Umwegen. Claudio Feser kennt das. Fast drei Jahrzehnte lang war der Unternehmensberater McKinsey seine Welt; er baute Standorte auf und führte das Schweizer Geschäft. Als er mit 45 eine Krebsdiagnose erhielt, wurde ihm die eigene Endlichkeit bewusst. Mit 56 schied er frühzeitig aus.

Sein Plan für die Zeit danach war exakt gedrittelt: Familie, Verwaltungsratsmandate und ein eigenes Weingut in Italien. Doch die Realität korrigierte das Drehbuch. Die VR-Mandate empfand er bald als repetitiv. Und die romantische Vorstellung vom Weinbau wich rascher Ernüchterung. «Ich wollte den Wein selbst produzieren und schrieb mich in einen Kurs ein», erzählt Feser. «Am ersten Tag stand die Biologie der Pflanze auf dem Plan. Doch schon in der Schule habe ich Biologie gehasst – ich mag Zahlen.» Statt Romantik warteten Regulierungen und harte Landarbeit. Das Gut ist heute verpachtet. «Wenn wir Pläne machen, basieren sie oft auf Wunschvorstellungen», sagt er heute. «Vieles davon erweist sich später als falsch.»

«Niemand schert sich um Status»

Auch eine Sorge verschwindet schnell: die Angst vor dem Statusverlust. «Ich hatte das Gefühl, diesen Schritt jedem erklären zu müssen, aber es interessiert sowieso niemanden», stellt Feser fest. «Niemand schert sich um Status. Die Leute denken über sich selber und ihre eigenen Sorgen nach.» Echte Freundschaften sind geblieben, funktionelle Kontakte fielen weg.

Einen Sinn im neuen Abschnitt fand er ungeplant. Die Universität St. Gallen (HSG) fragte ihn für Gastreferate an. Feser merkte, wie sehr es ihn erfüllte, sein Wissen weiterzugeben. Heute bringt er Ex-Manager an die Uni zurück und baut Formate wie «Fit for ExecEd» auf. Damit schlägt er an der Executive School der Universität St. Gallen die Brücke zwischen akademischer Theorie und Führungspraxis – vom MBA-Mentoring bis zur Vortragsreihe «Executive Voices». Der Hörsaal sei ein stetiges Korrektiv. Topmanager seien es gewohnt, dass ihr Umfeld jeden ihrer Witze beklatsche. Vor kritischen Studierenden zu stehen, sei anders. «Das macht einen bescheiden», sagt Feser. «Man muss lernen, mit Kritik umzugehen. Es hält mental beweglich und verhindert, dass man wie eine alte Schallplatte immer wieder das Gleiche erzählt.»

Aus dem Manager, der von Sitzung zu Sitzung hastete, ist ein Mann geworden, der seine Zeit selbst bestimmt. «Ich kann heute an einem Dienstagnachmittag in den Baumarkt gehen, einen Hammer kaufen und Bilder aufhängen», sagt Feser. «Dafür hatte ich früher schlicht keine Zeit.»

Ratgeber für die zweite Karriere

Arthur C. Brooks: «From Strength to Strength»

Ein Kompass für die zweite Karriere: Der Harvard-Professor und Glücksforscher analysiert den Wandel von jugendlicher Leistungsfähigkeit zu kristalliner Weisheit im Alter. Wer auf dem Höhepunkt innehält, lernt den Schritt vom Macher zum Mentor. Ein Buch für Führungskräfte, die im zweiten Lebensakt Erfüllung und Sinn statt Status suchen.

Bill Burnett & Dave Evans: «Designing Your Life»

Zwei Dozenten der Stanford University – ein ehemaliger Apple-Manager und ein Designprofessor – übertragen Innovationsmethoden auf die Karriereplanung. Das Buch bietet einen Werkzeugkasten für den zweiten Akt, der hilft, neue Lebensentwürfe nicht nur herbeizuträumen, sondern systematisch wie experimentell zu testen.

Bob Buford: «Halftime»

Der Unternehmer überträgt in diesem Klassiker das Konzept der Halbzeit im Sport auf das Berufsleben. Das Buch inspiriert dazu, in der Karrieremitte innezuhalten, Werte zu hinterfragen und den zweiten Lebensabschnitt neu auszurichten hin zu gesellschaftlicher Wirkung.

Arthur C. Brooks: «From Strength to Strength»

Ein Kompass für die zweite Karriere: Der Harvard-Professor und Glücksforscher analysiert den Wandel von jugendlicher Leistungsfähigkeit zu kristalliner Weisheit im Alter. Wer auf dem Höhepunkt innehält, lernt den Schritt vom Macher zum Mentor. Ein Buch für Führungskräfte, die im zweiten Lebensakt Erfüllung und Sinn statt Status suchen.

Bill Burnett & Dave Evans: «Designing Your Life»

Zwei Dozenten der Stanford University – ein ehemaliger Apple-Manager und ein Designprofessor – übertragen Innovationsmethoden auf die Karriereplanung. Das Buch bietet einen Werkzeugkasten für den zweiten Akt, der hilft, neue Lebensentwürfe nicht nur herbeizuträumen, sondern systematisch wie experimentell zu testen.

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