Neues Album «Ride Lonesome» – Beck ist wieder traurig – zum Glück

Nichts mehr mit Partystimmung für stilvolle Loser. Becks neues Album ist ein dunkel schimmerndes Meer. Versinken für Fortgeschrittene.
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21.09.2026, 09:52
Zwei Turntables und ein Mikrofon? Fehlanzeige! Beck hat wieder mal ein Stimmungstief. Das passiert regelmässig: Auf «Sea Change» von 2002 folgte zwölf Jahre später «Morning Phase». Und nun, wiederum zwölf Jahre später, «Ride Lonesome».
Becks erstes Album mit komplett neuem Material seit sieben Jahren ist eine Rückkehr zu jener melancholischen Seite, die er mindestens so gut beherrscht wie die vielschichtigen Pop-Experimente.
Beck war schon immer alles
Zwischen den melancholischen Werken haut Beck bekanntlich gerne auf die Pauke, serviert «Peaches & Cream», schwingt den «Devil's Haircut» oder predigt «Sexx Laws» auf pumpenden Disco-Beats. Er war Folk-Sänger, Hip-Hop-Nerd, Elektronikbastler, Popstar und Indie-Freak – manchmal alles innerhalb eines einzigen Albums.
Becks Diversität offenbart sich auch bei einem Blick auf aktuellere Projekte: Er tauchte bei Gorillaz und den Chemical Brothers auf, schrieb für die Black Keys, sang für Paul McCartney und Willie Nelson und liess sogar NASA-Daten zu Musikvideos verarbeiten.
Rückzug in die Traurigkeit
Sein fünfzehntes Album wiederum, strebe nach Einfachheit. Für den 56‑Jährigen ist «das Nonplusultra, etwas Allgemeingültiges zu schreiben, das man nicht erst mühsam entschlüsseln muss. Einfachheit ist die höchste Stufe der Vollendung.»
Dafür holte er sich die selbe Band ins Studio, mit der er bereits «Sea Change» und «Morning Phase» aufgenommen hat. Das Resultat? Songs, in die man sich werfen kann wie in einen Pool mit zähflüssigem, schwarzem Wasser. So schwer, dass sie einen tragen, wie das Tote Meer.
Melancholie mit Wurzeln
Zumindest meistens. Denn «Ride Lonesome» ist kein Album voller sicherer Inseln. Beck wirft uns immer wieder in Strömungen. In unwirsches Gewässer, in dem man vor lauter Streicherschwaden ohne Beat den Grund unter den Füssen verliert.
Nick Drake und Scott Walker schimmern durch die Arrangements, stellenweise auch Serge Gainsbourg - und natürlich ganz viel Beck selbst. Diese Songs schreiben einen melancholischen Kanon weiter und wecken auch unweigerlich schlafende Ohrwürmer von «Sea Change» aus 2002 wieder auf.
Kein Wunder. Sie teilen die DNA. Die neuen Stücke sind musikalische Ahnen von «Lost Cause» oder «The Golden Age». Die Nachkömmlinge tragen Namen wie «In The Night», «Falling Through My Hands» oder «If You Don't Know What Love Is»: Lieder wie langsam aufbrechende Wunden.
Muss Beck überhaupt noch überraschen?
Die Frage stellt sich bei einem Künstler, dessen Karriere seit den Neunzigern aus permanenten Stilwechseln besteht: Kann Beck überhaupt noch etwas machen, das er mit seinen Mitteln noch nicht gemacht hat?
«Ride Lonesome» gibt darauf eine überraschend unspektakuläre Antwort: Dieses Album will nichts Neues erfinden, sondern konsequent weitergraben. Und das gelingt, weil es seiner Grundfrequenz entschlossen treu bleibt und diese auffächert, in alle seine zugehörigen Schattierungen. Auch wenn die Songs in ihrer Finesse nicht an «Sea Change» herankommen: «Ride Lonesome» liefert kunstvoll produzierte Abgründe, in die es sich zu stürzen lohnt.
Beck muss hier nichts beweisen. Er muss nicht überraschen. Er muss nur mal wieder traurig sein – und das kann er immer noch verdammt gut.
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