Antisemitismus-Vorwürfe – Le Pen und ihre Partei kämpfen mit der Affäre um Jordan Bardella

In Frankreich steht Jordan Bardella, Chef des rechtsnationalen Rassemblement National (RN), massiv unter Druck. Gemäss Recherchen des Investigativmediums Mediapart hat er als junges Parteimitglied antisemitische Äusserungen und Verschwörungstheorien verbreitet. Die Details kennt SRF-Frankreich-Korrespondentin Zoe Geissler.
Zoe Geissler
Frankreich-Korrespondentin
Zoe Geissler berichtet für Radio SRF aus Paris über das Geschehen in Frankreich. Zuvor war sie Auslandsredaktorin und Produzentin bei Radio SRF 4 News. Zoe Geissler hat Internationale Beziehungen, Politikwissenschaften und Gender Studies an den Universitäten Zürich und St. Gallen (HSG) studiert.
Was genau deckte Mediapart auf?
Mediapart schreibt, man habe schriftliche Unterhaltungen von Jordan Bardella zu Beginn seiner politischen Karriere gefunden. Das Material sei authentifiziert und mit Zeugenaussagen abgeglichen. Die Äusserungen würden Bardellas «obsessiven Antisemitismus» offenbaren, so Mediapart. So soll er etwa geschrieben haben, dass alle Banken im Besitz von Juden seien oder «der Jude andere Völker unterdrücken und ausrauben möchte». Die Nachrichten stammen aus den Jahren 2013 bis 2015. Damals war Bardella zwischen 17 und 19 Jahre alt und bereits Mitglied des Front National, wie die Partei damals hiess. Bardella bestreitet die Vorwürfe. Er spricht von Fälschungen und kündigte rechtliche Schritte gegen das Medium an.
Wie steht es um die Glaubwürdigkeit?
Mediapart gilt als linkes, erfahrenes Investigativmedium. Es hat viele Skandale im rechten wie im linken Lager aufgedeckt. Die Dokumente zur Recherche über Jordan Bardella sind bislang allerdings nicht veröffentlicht worden. Man habe die Dokumente über Monate ausgewertet, heisst es von Mediapart. Der Co-Leiter der Rechercheredaktion betonte, man würde den Ruf der Zeitung bei einer solch sensiblen Recherche nicht aufs Spiel setzen, wenn man sich nicht zu 200 Prozent sicher sei. Weitere Enthüllungen würden folgen. Die Vorwürfe gegen Bardella sind somit also ernst zu nehmen.
Was heisst das für das Rassemblement National?
Die Recherche durchkreuzt auf jeden Fall das Bild, das das Rassemblement National (RN) von sich zeichnet. Marine Le Pen arbeitet schon lange daran, die Partei zu «entdiabolisieren», also zu normalisieren. Sie hatte auch ihren Vater und Co-Parteigründer Jean-Marie Le Pen aus der Partei ausgeschlossen. Er wurde mehrfach wegen antisemitischer Äusserungen verurteilt. Marine Le Pen baute auch Jordan Bardella als frisches Gesicht der Partei auf, die seit Jahren betont, Antisemitismus abzulehnen. Und weil die Vorwürfe dem Parteichef des RN gelten, könnte es – sollten sie sich als wahr herausstellen – tatsächlich heikel werden. Bisher steht die Partei nach aussen hin hinter Bardella. Doch das könnte sich ändern: Hinter den Kulissen scheint der Haussegen zwischen Le Pen und Bardella schon länger schief zu hängen.
Was bedeutet die Affäre für Marine Le Pen?
Im kommenden Frühling sind Präsidentschaftswahlen in Frankreich und Marine Le Pen gilt derzeit als aussichtsreiche Kandidatin für die Nachfolge von Emmanuel Macron. In Umfragen liegt sie derzeit vorne. Die Affäre um Bardella dürfte Le Pen bei ihren eingefleischten Parteianhängern kaum schaden – selbst wenn sich die Antisemitismus-Vorwürfe als wahr herausstellen sollten. Gemässigte Wähler und Wählerinnen könnten aber womöglich abgeschreckt werden. Doch diese Leute braucht Le Pen, um die Präsidentenwahl gewinnen zu können.
Hinzu kommt, dass sie Bardella als Premierminister vorgesehen hat, falls sie gewinnt. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, müsste sich Le Pen wohl entscheiden, ob sie dennoch an ihm festhält. Er ist insbesondere bei den jungen Wählerinnen und Wählern sehr beliebt. Die Affäre dürfte Le Pen im Wahlkampf also noch eine Weile begleiten.
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