Abiy Ahmeds Machtpolitik – Warum Äthiopiens Premier einen eigenen Meerzugang fordert

Aus dem Friedensnobelpreisträger ist ein Regierungschef geworden, der einen neuen Krieg riskieren könnte: Äthiopiens Premier Abiy Ahmed fordert erneut einen eigenen Zugang zum Roten Meer. Damit verschärft er die Spannungen mit Eritrea. SRF-Afrikakorrespondent Fabian Urech erklärt die Hintergründe.
Fabian Urech
Afrika-Korrespondent
Fabian Urech ist seit dem Frühjahr 2024 Afrika-Korrespondent von Radio SRF. Er lebt in Ghanas Hauptstadt Accra. Zuvor war er während sieben Jahren Afrika-Verantwortlicher der «NZZ».
Würde Abiy Ahmed für einen Meerzugang einen Krieg in Kauf nehmen?
Wer Abiy zuhört, kann zu diesem Schluss kommen. Seine Forderungen sind explizit und provokativ und zielen auf Eritrea. Zudem zeigte der Tigray-Krieg, dass Abiy wenig Skrupel kennt: Er liess die Region de facto abriegeln, Hunderttausende starben. Zugleich weiss er, dass ein neuer Krieg hohe wirtschaftliche, geopolitische und humanitäre Kosten hätte. Der äthiopische Premierminister legt viel Wert auf sein Vermächtnis. Er sieht sich als historische Figur, und er wird deshalb genau abwägen.
Warum galt er einst als grosser Hoffnungsträger?
Als Abiy 2018 Premierminister wurde, galt er rasch als progressiver Reformer. Er liess politische Gefangene frei und schuf ein Kabinett, das zur Hälfte aus Frauen bestand. Er bemühte sich um Frieden mit Eritrea. Und Abiy hatte eine Dissertation über Konfliktbeilegung geschrieben. 2019 erhielt er für die Aussöhnung mit Eritrea den Friedensnobelpreis. Auch ich sah trotz journalistischer Distanz viel Positives in ihm – und wurde wie viele enttäuscht.
Wie ist sein Wandel zu erklären?
Die Gründe sind nicht einfach zu ergründen. Rückblickend würde ich sagen, dass Abiy anfangs deutlich überhöht wurde. Er war nie ein Friedensapostel, sondern ein Mann, der genau kalkuliert und sich vor allem von politischen Zielen leiten lässt – und nicht von Werten. Er betreibt eine recht emotionslose Machtpolitik, die Kollateralschäden einkalkuliert. Er begründet sie mit einem grösseren Ganzen: Äthiopien soll eine Führungsmacht in Afrika werden. Er nennt es ein «zivilisatorisches Projekt».
Warum spielt der Meerzugang dabei eine so zentrale Rolle?
Abiy fordert seit Jahren einen eigenen, souveränen Meerzugang. Er beruft sich dabei auch auf historische Gründe: Äthiopien und Eritrea gehörten ab den 1950er-Jahren bis 1993 zusammen. Noch früher, in der Antike, war das Königreich Aksum, das im heutigen Äthiopien liegt, eine Seemacht am Roten Meer. Daraus wird heute ein Anspruch abgeleitet. Erst am Montag sagte Abiy: «Die äthiopische Zivilisation kann ohne Meereszugang nicht Wirklichkeit werden.»
Welche wirtschaftlichen Gründe stehen dahinter?
Äthiopien ist das bevölkerungsreichste Binnenland der Welt. Heute läuft praktisch sein gesamter Handel über den Hafen des Nachbarlandes Dschibuti. Das ist teuer, vor allem wegen der Transitgebühren. Es ist aber auch riskant: Beim Handel ist Äthiopien damit fast vollständig von Dschibuti abhängig. Es gibt also eine Reihe wirtschaftlicher und geopolitischer Gründe.
Die norwegische Nobeljury lüftet um 11 Uhr das Geheimnis um den diesjährigen Friedensnobelpreis. Den oder die Preisträger wählt sie aus 287 Kandidatinnen und Kandidaten aus, die in diesem Jahr vorgeschlagen wurden – 208 Personen und 79 Organisationen.
Auch US-Präsident Donald Trump soll wieder unter den Nominierten sein. Dass er den Preis bekommt, der als wichtigste Auszeichnung der Welt gilt, dürfte jedoch unwahrscheinlich sein.
Aussichtsreiche Kandidaten könnten Experten zufolge Kinderrechtsorganisationen wie Save the Children oder die Emergency Response Rooms im Sudan sein – lokale Netzwerke, die seit Beginn des Krieges humanitäre Hilfe in Form von Lebensmitteln, medizinischer Versorgung und Notunterkünften organisieren. (sda)
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