E-Scooter in Georgien: Roller für Tblissi, Daten für Moskau

Der russische Technologiegigant Yandex betreibt in Georgien den Verleih von E-Scootern und andere Mobilitätsangebote. Putins Geheimdienst fährt mit.
Foto: Nastasia Arabul
Wer heute durch die engen, hügeligen Straßen der georgischen Hauptstadt Tbilissi geht, stolpert unweigerlich über sie: die glänzenden E-Scooter von Yandex. Für viele Tourist:innen und junge Georgier:innen sehen sie auf den ersten Blick wie ein praktisches, modernes Fortbewegungsmittel aus. In Wirklichkeit sind sie der nächste Expansionsschritt eines hochgradig politisierten russischen IT-Imperiums.
Yandex – oft als „russisches Google“ bezeichnet – ist längst kein bloßer Suchmaschinenbetreiber mehr. Das Unternehmen kombiniert die Funktionen von Google Maps, Amazon und Uber. In Russland dominiert der Konzern den Markt für Taxis, Essenslieferungen und seit einigen Jahren auch für E-Scooter. Doch hinter der glänzenden Tech-Fassade und dem billigsten Service verbirgt sich der verlängerte Arm des Kreml.
Der direkte Draht zum russischen Inlandsgeheimdienst FSB ist gesetzlich verankert. Seit September 2023 gilt in Russland eine Regelung, die Taxidiensten – und damit auch Yandex – vorschreibt, dem FSB einen unbeschränkten, automatisierten Zugriff auf ihre Informationssysteme und Datenbanken zu gewähren. Das betrifft nicht nur Daten innerhalb Russlands: Der FSB kann theoretisch jeden Reiseverlauf, jede IP-Adresse und jede Kreditkartennummer von Nutzer:innen im Ausland einsehen.
Dass Yandex kein politisch neutraler Akteur ist, demonstrierte der Konzern schon zu Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Damals filterte und blockierte die Suchmaschine systematisch Artikel und Posts über russische Kriegsverbrechen und Verluste für russischsprachige User.
Auf der Sanktionsliste
In der Ukraine sind Yandex-Dienste bereits seit 2017 komplett verboten. Die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland zogen 2022 aus Sicherheitsgründen die Reißleine. Inzwischen verschärft sich der internationale Druck im Westen weiter: Im Juni setzte auch Großbritannien Yandex und dessen Führungskräfte auf seine Sanktionsliste.
Anders Georgien: In dem zu einem Fünftel von Russland besetzten Land verzeichnet das IT-Unternehmen ein stetiges Wachstum. Begonnen hatte Yandex hier 2016 mit dem Taxidienst. Heute flitzen 3.000 E-Scooter durch Tbilissi.
Konfrontiert mit den Sicherheitsbedenken wiegelt das Management ab. Auf Anfrage teilt das Unternehmen mit, die Daten georgischer Nutzer:innen würden sicher auf Servern in der EU – genauer gesagt in Deutschland – gespeichert. Zudem gehörten die Scooter offiziell zwei georgischen Firmen: Ridetech Georgia und Delivery Technologies Sakartvelo.
Juristisches Versteckspiel
Doch ein Blick in diese offiziellen Register entlarvt ein juristisches Versteckspiel. Beide georgischen Firmen gehören zu der internationalen Holding Yango Group (Ridetech International) mit Sitz in den Niederlanden. Yango, gegründet 2018, wiederum ist nichts anderes als die internationale Marke von Yandex (kurz für Yandex Go), um das toxische russische Label im Ausland zu umgehen. Geführt wird Yango von ehemaligen Yandex-Topmanagern.
Wie eng diese Verflechtung ist, zeigte eine spektakuläre Entscheidung der niederländischen Datenschutzbehörde: Sie verhängte im April eine Rekordstrafe von 100 Millionen Euro gegen Ridetech International. Die Begründung: Der Transfer von Daten nach Russland sei hochgradig problematisch, da dort Menschenrechte missachtet würden und niemand kontrollieren könne, gegen wen der russische Staat diese Daten verwendet. Das Entscheidende: Die Niederländer berechneten die Strafe auf der Basis des globalen Jahresumsatzes von Yandex und machten damit unmissverständlich klar, dass Yango kein unabhängiges Unternehmen ist, sondern fester Bestandteil des russischen Tech-Giganten.
Auch die personellen Strukturen in Georgien sprechen eine klare Sprache: Ridetech Georgia – registriert im Mai 2022 – wurde bis vor Kurzem von Kirill Swintzow geleitet, dem russischen Yandex-Go-Chef für die GUS-Staaten. Nach seiner Beförderung übernahm der armenische Staatsbürger Aram Mchitarjan die Spitze.
Delivery Technologies Sakartvelo wurde im Juni 2024 von Pawel Kudselka, einem belarussischen Staatsbürger, registriert. Kudselka treibt die Entwicklung der Yango-Dienste nicht nur im Kaukasus voran, sondern ist laut Berichten auch aktiv in das Recruiting für das Moskauer Yandex-Hauptquartier eingebunden.
Während europäische Metropolen wie Paris Leih-E-Scooter aus Sicherheitsgründen komplett verbannt haben, gibt es in Tbilissi keine politische Debatte über die Sicherheit der Gefährte – weder im Verkehr noch im Bereich der Cybersicherheit.
Mehr als 50 Aktivist:innen wurden in Georgien von Gerichten verurteilt, weil sie friedlich auf Gehwegen protestierten – mit der offiziellen Begründung, sie würden Fußgänger:innen behindern. Dass zur selben Zeit Tausende russische Scooter dieselben Gehwege blockieren und dabei sensible Bewegungsdaten, Kreditkarteninformationen und Verhaltensprofile der Bürger:innen direkt in Richtung Moskau funken könnten, scheint die georgische Regierung nicht zu kümmern.
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