Übersterblichkeit im Sommer – 600 Menschen sind wegen der Hitze vorzeitig gestorben

Übersterblichkeit im Sommer 600 Menschen sind wegen der Hitze vorzeitig gestorben
Die Hitzewellen dieses Sommers haben in der Schweiz Hunderte Menschenleben gekostet. Auch unter 65-Jährige waren betroffen.
22.09.2026, 17:58
Man merkt es zuerst an kleinen Dingen: Der Puls rast beim Treppensteigen, der Schwindel geht nach dem Aufstehen plötzlich nicht mehr weg. Für die meisten von uns bleibt das bloss ein Unbehagen.
Andere bezahlen dafür mit dem Leben. Wie oft das diesen Sommer der Fall war – dem heissesten seit Messbeginn 1864 –, zeigen die Zahlen der wöchentlichen Todesfälle des Bundesamts für Statistik.
Rund 600 Menschen sind zwischen Juni und September in der Schweiz zusätzlich gestorben.
Tödliche erste Hitzewelle
Am heftigsten schlug dabei die allererste Hitzewelle von Ende Juni zu. Das ist kein Zufall, wie die Epidemiologin Martina Ragettli vom Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH) sagt.
Zu Beginn des Sommers sind wir noch nicht an die Hitze angepasst.
Es sei oft so, dass die erste Hitzewelle eines Sommers die stärkste Wirkung habe. «Zu Beginn des Sommers sind wir noch nicht an die Hitze angepasst», so Ragettli. Der Körper lernt während des Sommers also hinzu, er kommt dann besser klar mit der Hitze.
Das Besondere in diesem Jahr war aber, dass es nicht bei einer Hitzeperiode blieb. Nach einer kurzen Verschnaufpause im Juli kam Anfang August eine zweite, länger anhaltende Welle.
Im August herrschte wieder Alltag, die Leute hatten weniger Möglichkeiten, sich vor der Hitze zu schützen.
Am häufigsten traf es dabei Menschen über 65 Jahren. Das ist tragisch, aber wenig überraschend. Sie gelten bei Hitze als besonders gefährdet.
Auch mehr unter 65-Jährige gestorben
Auffällig ist aber, dass mitten in der zweiten Hitzewelle auch deutlich mehr unter 65-Jährige starben als üblich.
Womöglich habe das damit zu tun, dass die Ferien für die meisten vorbei waren, vermutet Ragettli. «Es herrschte wieder Alltag, die Leute hatten weniger Möglichkeiten, sich vor der Hitze zu schützen.»
Man war also zurück auf der Baustelle, im Verkauf, in der Pflege. Wer draussen arbeitet oder viel unterwegs ist, kann sich der Hitze schlechter entziehen als im klimatisierten Ferienzimmer.
Das sei aber nur eine von mehreren möglichen Erklärungen, so die Epidemiologin. Auch Dauer und Intensität der Hitzeperioden könnten eine Rolle gespielt haben. Am Ende bleiben das aber Vermutungen, es gibt keine Beweise für diese oder jene Gründe.
Denn: All diese Menschen sind nicht offiziell an Hitze gestorben. Auf dem Totenschein steht Herzinfarkt oder Kreislaufversagen. Die Hitze ist zwar der Auslöser, nicht aber die Diagnose.
Genauere Daten erst im Frühling 2027
Das wöchentliche Monitoring des Bundes zeigt deshalb nur, dass es ein aussergewöhnliches Sterbegeschehen gibt, aber nicht, woran das liegt. Ein anderes Ereignis als die Hitze, das die Sterblichkeit erklären würde, ist allerdings nicht bekannt.
Genauer zuordnen liesse sich das mit Temperaturdaten, wie sie das Swiss TPH zusätzlich auswertet. Diese vertiefte Analyse erscheint aber erst nächsten Frühling.
Bis dahin bleibt nur der Blick zurück: 2003 war der bisherige Höhepunkt bei der hitzebedingten Sterblichkeit. Seither sind die Zahlen eher rückläufig. Es ist ein Hinweis, dass Hitzeschutzmassnahmen wie Frühwarnsysteme wirken.
Doch nur acht von 26 Kantonen haben einen vollständigen Hitzeaktionsplan. Denn zuständig sind die Kantone, nicht der Bund – und das soll laut Umweltminister Albert Rösti fürs Erste auch so bleiben.
Die Statistik zeigt: Hitze ist längst nicht mehr nur ein Risiko für die Ältesten. Was genau jedem Einzelnen das Leben gekostet hat, bleibt dabei offen.
Nicht offen bleibt dagegen, dass mit dem Klimawandel solche Hitzesommer nicht seltener, sondern häufiger werden.
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