Europa und Kanada: Gipfel der Mittelmächte
Guten Morgen!
Vom westlichsten Zipfel des Festlands der Europäischen Union bis zum östlichsten Zipfel Kanadas sind es rund 3.600 Kilometer: eine ganz schön lange Distanz, zumal ein großer Ozean dazwischenliegt. Doch diese Distanz könnte heute etwas schrumpfen: zumindest, wenn man sie politisch betrachtet.
Denn auf dem EU-Kanada-Gipfel, der heute Nachmittag um 15 Uhr deutscher Zeit im kanadischen Montréal beginnt, wollen beide Partner näher zusammenrücken. Oder, wie es etwas blumiger in der Sprache der Brüsseler Politik heißt: die Grundlage für eine vertiefte Partnerschaft schaffen. Es ist eine Partnerschaft, in die beide Seiten getrieben werden, weil andere Mächte sich abwenden oder sehr viel rücksichtsloser auftreten.
heute journal update vom 18.09.2026 um 00:10 Uhr.
18.09.2026 | 3:19 minAuf der einen Seite sind da die USA unter Donald Trump: Kanadas großer Nachbar, der sowohl die Europäische Union als auch Kanada mit Zöllen überzogen hat und sich auch sonst wenig um internationale Regeln kümmert. Auf der anderen Seite: China, das mit seinen Rohstoffen ein veritables Erpressungspotenzial besitzt und mit seinen Exporten der europäischen und kanadischen Wirtschaft zu schaffen macht.
Da ist es nur folgerichtig, dass sich mit Europa und Kanada zwei "Mittelmächte" verbünden: ein Wort, das der kanadische Premier Mark Carney in seiner immer noch richtungsweisenden Rede im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos populär gemacht hat.
Und die Liste der Themen, bei denen die beiden Mittelmächte stärker zusammenarbeiten können, ist lang. Sie reicht von kritischen Rohstoffen, die in Kanada auch mithilfe von europäischen Geldern gefördert werden könnten - über digitale Transaktionen und Künstliche Intelligenz bis hin zu Raumfahrt: Kanada könnte sich auf dem Gipfel dem europäischen satellitengestützten Navigationssystem Galileo anschließen.
heute journal vom 17.09.2026 um 21:45 Uhr.
17.09.2026 | 3:06 minDer Gipfel hätte auch die große Show von Ursula von der Leyen werden können - doch das wird er vermutlich dann doch nicht. Die deutsche EU-Kommissionspräsidentin liebt - das ist bekannt - die große Inszenierung und das pathetische Wort. In ihrer jährlichen Rede zur Lage der Union hatte sie im September noch alle überrascht mit ihrem Vorschlag, Kanada als "assoziiertes Mitglied" in die EU aufzunehmen.
Es war ein Vorschlag, der die Regierungschefinnen und -chefs der EU erstens völlig überrascht hatte - und der zweitens bei ihnen auf wenig bis keine Gegenliebe stieß. Auch Berlin soll wenig begeistert gewesen sein. Und so meldeten die Nachrichtenagenturen schon gestern Nachmittag, dass es das Wort von der assoziierten Mitgliedschaft für Kanada nicht mehr in den Entwurf für die Abschlusserklärung geschafft hat. Von der Leyen muss also wenigstens auf dieses große Wort verzichten - sie wird, davon gehe ich ziemlich sicher aus, ein paar andere finden.
Aber abgesehen von diesen diplomatischen Nuancen ist die neue Partnerschaft eine uneingeschränkt gute Nachricht. In einer Welt, in der sich Weltmächte immer weniger um Regeln scheren, müssen die verbliebenen Verfechter von Demokratie und internationaler Ordnung zusammenhalten. Da könnte das heute ein guter Anfang sein.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Tag!
Ihr Florian Neuhann, Leiter des ZDF-Teams Wirtschaft und Finanzen
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Zusammengestellt von Katia Rathsfeld
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