Stigma Dicksein – Willensschwach und faul? Warum Vorurteile über Dicke Unsinn sind

Eine Frau steht an einer Strassenecke. Hinter ihr gehen drei Frauen im Bikini vorbei und mustern sie. Haley Morris-Cafiero hat die Kamera aufgestellt und gewartet, bis jemand auf ihren Körper reagiert.
«Die Fotos entstehen in der Öffentlichkeit und sind nicht gestellt», sagt die Künstlerin über ihre Serie «Wait Watchers». Ausgewählt habe sie die Bilder explizit wegen der Beiläufigkeit der Blicke, denen dicke Menschen ausgesetzt sind.
Dick und selbst schuld?
Bei urteilenden Blicken bleibt es nicht. Dicke gelten als faul oder unbeherrscht, verdienen weniger und bekommen beim Arzt weniger Zeit. Manne spricht bewusst von «dicken» Menschen. Der Fett-Aktivismus habe sich das Wort als neutrale Beschreibung zurückgeholt.
Eine Studie der Universität Harvard wertete Millionen Tests zu Vorurteilen von 2007 bis 2016 aus. Die unbewussten Vorbehalte gegenüber Homosexuellen und Schwarzen gingen zurück, jene gegenüber Alter und Behinderung blieben stabil. Nur bei einer Gruppe nahmen sie zu: bei dicken Menschen.
Manne überrascht das nicht: «Viele haben das Gefühl, Fettfeindlichkeit sei akzeptabel. Man helfe dicken Menschen sogar, wenn man sie grausam behandle.»
Der Grund dafür sei unter anderem, dass Dicke für ihren Körper verantwortlich gemacht werden. Wer eine andere Hautfarbe als die Mehrheit im Land oder eine Behinderung habe, könne nichts dafür. Dicksein gelte hingegen als Entscheidung.
Das hält Manne für falsch. Zum einen deuten Studien darauf hin, dass genetische Faktoren bis zu 70 Prozent der Unterschiede im Körpergewicht zwischen Menschen erklären. Zum anderen funktionierten kurzfristige Diäten nicht. Eine Analyse der Universität UCLA von 2007 zeigte, dass die meisten Menschen nach einer Diät einen grossen Teil oder das gesamte verlorene Gewicht wieder zunehmen. Ein Drittel bis zwei Drittel der Untersuchten wogen am Ende sogar mehr als vor der Diät.
Die Ära der Abnehmspritzen
Auch wenn Dicke für ihren Körper verantwortlich wären, würde das laut Manne keine Diskriminierung rechtfertigen. Ein häufiges Argument für Kritik seien die Kosten durch Dicke für die Allgemeinheit. «Extrembergsteiger, Taucherinnen oder Autorennfahrer setzen sich erheblichen Gesundheitsrisiken aus. Trotzdem verurteilen wir sie nicht. Bei Dicken dagegen wird moralisiert.» Auch Morris-Cafiero kritisiert, dass vor Gesundheitsrisiken gewarnt wird, «die Folgen von Diäten und Essstörungen aber kaum erwähnt werden.»
Mit dem Aufkommen von Abnehmspritzen hat sich die Frage der Verantwortung verändert. Wer dazu greift, handle zwar nachvollziehbar, findet Manne, aber sie fürchtet den sozialen Druck, davon Gebrauch machen zu müssen.
Den Ausweg sieht sie nicht in Body Positivity, sondern in der «Körperreflexivität»: den eigenen Körper nicht länger nach fremden Massstäben zu beurteilen. So wünscht sich auch Morris-Cafiero eine Welt, in der Menschen «an ihren Fähigkeiten gemessen werden und nicht an ihrem Aussehen».
Sternstunde Philosophie Dicke Körper, dünne Moral: Kate Manne über Fettfeindlichkeit
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