Ernst Balzlis Hörspielserie – Gotthelf fesselte die Schweiz – und provozierte die Eliten

An Mittwochabenden zwischen 1946 und 1954 waren die Schweizer Strassen häufig leerer als gewöhnlich. Gemeinderatssitzungen mussten ausgesetzt werden, Vereine verschoben ihre Tagungen, sogar die Armee legte wichtige Termine anders.
Die ganze Deutschschweiz vor dem Radio
Wer selbst im Besitz eines Radioempfängers war, sass am Mittwochabend jeweils in der eigenen Stube. Viele andere versuchten, bei Nachbarinnen oder Bekannten unterzukommen, die ein Radio hatten: In weiten Teilen der Deutschschweiz wurde das Gotthelf-Hörspiel am Mittwochabend im Radioprogramm des damaligen Landessenders Beromünster zum Fixpunkt in der Woche.
Lange Zeit haftete Jeremias Gotthelf wegen seiner besonderen Sprache das Image eines ungehobelten Volksdichters an: Er mischte Hochdeutsch und Berndeutsch auf sehr eigene Weise durcheinander.
Erst während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schlug die öffentliche Wahrnehmung langsam um und Gotthelf wurde allmählich zu dem Nationaldichter, den man heute kennt.
Jeremias Gotthelf (1797–1854) gilt als einer der wichtigsten Schweizer Schriftsteller überhaupt. Seine Romane und Erzählungen sind häufig von einer konservativen, geradezu biblischen Moral geprägt. Gotthelf amtierte denn auch viele Jahre als Pfarrer in der Gemeinde Lützelflüh im Emmental.
Gleichzeitig wird Gotthelfs Literatur hochgeschätzt für ihre präzisen Beschreibungen des bäuerlichen Lebens im 19. Jahrhundert. Viele von Gotthelfs Figuren leiden Not oder führen ein verwerfliches Leben, werden aber durch die psychologische Tiefe, die er ihnen verleiht, als Menschen in ihrer ganzen Komplexität fassbar.
Romane von Gotthelf wie «Uli der Knecht» und die Fortsetzung «Uli der Pächter», «Anne Bäbi Jowäger» oder Erzählungen wie «Die Schwarze Spinne» gelten als grosse Klassiker der Schweizer Literatur und wurden mehrfach verfilmt.
So lag es in den 1940er-Jahren für die Verantwortlichen im damaligen Radiostudio Bern nahe, die Texte dieses grossen Autors der breiten Schweizer Bevölkerung zugänglich und schmackhaft zu machen. Damit war die Idee für die schweizerdeutschen Gotthelf-Hörspiele geboren.
Als Bearbeiter wurde der Berner Autor Ernst Balzli angeheuert, der Gotthelfs wichtigste Romane für die Hörspiele adaptieren sollte – zu der Zeit etwas ganz Neues im Radio.
Der Erfolg mit Ablaufdatum
Balzli leistete ganze Arbeit: Seine Hörspielfassungen wurden zu Strassenfegern und genossen jahrelang ungebrochenen, gewaltigen Erfolg beim Publikum.
Auch das Ziel, mehr Menschen zum Gotthelf-Lesen zu bewegen, schien mustergültig erreicht: Allein die «Büchergilde Gutenberg» verzeichnete während der Jahre, in denen Gotthelf am Radio lief, eine Viertelmillion verkaufte Bände. Gotthelf wurde durch die Hörspielserie posthum zum Bestseller-Autor in der Schweiz.
Doch Ernst Balzlis Erfolg währte nicht ewig. Um das Gotthelf-Jubiläumsjahr 1954 herum wurde aus akademischen Kreisen zunächst leise, dann immer lautere Kritik an Balzlis Verfahren geübt.
Der Erste war der Langnauer Lehrer Hans Schmocker. Er warf Balzli vor, es sei schlicht unzulässig, Gotthelfs Originaltext, mit dieser besonderen Sprachmischung, konsequent ins Berndeutsche zu übertragen.
Charakteristisch für Jeremias Gotthelf ist seine literarische Sprache: Er schreibt praktisch ausschliesslich Schriftdeutsch, das jedoch sehr stark dialektal gefärbt ist.
Ein Beispiel aus «Uli der Knecht»: «Und ist sie nicht gegangen und hat geküchelt, dass man es im ganzen Dorf g'schmöckt hat.»
Dieser konstante Wechsel zwischen Schriftdeutsch, Mundart («g'schmöckt») und verschriftdeutschter Mundart («geküchelt») ist es, der die spezifisch Gotthelf'sche Kunstsprache ausmacht, sagt Gotthelf-Herausgeber Philipp Theisohn.
Dabei setzt Gotthelf das Berndeutsch anders ein als viele Mundartautorinnen und ‑autoren. Ihm gehe der Zwang zur Originalität ganz ab, so Theisohn. Gotthelf wolle nie die Mundart als Schmuckstück herausputzen oder ihre Natürlichkeit im Vergleich zum Schriftdeutschen herausstreichen.
Vielmehr ermögliche ihm seine unverkennbare Mischsprache, bodennah und authentisch zu bleiben und dabei dennoch die grossen Themen der Zeit auf höchstem geistigem Niveau literarisch zu verhandeln.
Weiter sei bei einem so gewichtigen Original die Art und Weise verboten, wie Balzli die Texte dramatisiere, und auch Balzlis zahlreiche Kürzungen verböten sich. Hans Schmockers Kritik in einem Berner Schulblatt blieb weitgehend unbeachtet.
Eine «Verstümmelung» genialer Werke
Die Angelegenheit eskalierte allerdings, als der Basler Literaturprofessor Walter Muschg sich 1954 in den «Basler Nachrichten» zu Wort meldete. Muschg war eine gewichtige Stimme – selbst Herausgeber einer aktualisierten Gotthelf-Ausgabe – und feuerte eine regelrechte Tirade auf Ernst Balzli und dessen Hörspiel-Adaptionen ab:
Balzlis Arbeit an Gotthelfs Texten komme einer «Verstümmelung» gleich. Der Bearbeiter schicke sich an, Gotthelfs «geniale» Werke «am laufenden Band zu verballhornen», schreibe sie «hemmungslos in seine eigene Sprache um» – und reisse Gotthelfs grosse Literatur dadurch auf das Niveau eines «literarischen Heimatschützlers» herunter.
Ganz zu schweigen von der damals modernen Hörspielgestaltung, die viel mit Geräuschen arbeitete: Man sei offenbar überzeugt, das Radiopublikum könne sich «kein Nasenschnäuzen ohne die entsprechende Geräuschkulisse» vorstellen.
«Modernste Technik im Dienste geistiger Rückständigkeit!», wetterte Muschg.
Die Aussprache
Walter Muschgs Breitseite alarmierte die Programmleitung des Radios, die daraufhin flugs eine Live-Debatte am Sender veranlasste. Auf der einen Seite des Tisches sassen die beiden lautstarken Kritiker Walter Muschg und Hans Schmocker mit ihren Argumenten. Auf der anderen Seite Ernst Balzli, genötigt, sich für seine Auftragsarbeit zu rechtfertigen.
Es sei nie die Absicht gewesen, den «echten» Gotthelf zu ersetzen, erklärte Balzli. Das Publikum sollte im Gegenteil Lust auf Gotthelfs Literatur bekommen. Der Erfolg der Hörspiele und die aktuell besonders hohen Absatzzahlen von Gotthelfs Büchern lägen als Beweise dafür auf der Hand.
Die langfädige Radiodebatte verstrickte sich teilweise in winzige Details wie der Frage, ob es in einer Szene in der Küche noch ein Ei haben dürfe oder nicht. Trotzdem wurde sie vom Publikum höchst gespannt verfolgt. Im Nachgang gingen per Post Tausende Rückmeldungen ein: Lob und Unterstützungsbekundungen für Ernst Balzli, unzählige Schmähbriefe an die Adressen von Muschg und Schmocker.
«Keine Ahnung von Kunst»
Walter Muschg gab sich indes nicht geschlagen. Nur wenige Wochen nach der Radiodebatte veröffentlichte er ein schmales Buch «Gotthelf im Radio: Eine notwendige Kritik», das mit einem Totschlagargument endet: «Dieser Riesenerfolg spricht direkt gegen Balzlis Bearbeitungen. In der Kunst ist die Rücksicht auf die Masse das sichere Kennzeichen des Schlechten.»
Damit zwang Muschg dem kulturbeflissenen Publikum eine endgültige Entscheidung auf: Wer diese Hörspiele gut findet, kann nichts von Kunst verstehen.
Beim Bildungsbürgertum der 1950er-Jahre machte das Eindruck. Die Kulturwelt und die Zeitungsredaktionen wandten sich von Ernst Balzli ab, und auch das Radio liess seinen Angestellten fallen. Die Hörspielreihe wurde nicht weiter fortgesetzt, die Aufnahmen verschwanden für lange Zeit im Archiv. Ernst Balzli kündigte seine Stelle und wurde Lehrer.
Der ewige Kampf um kulturelle Deutung
Rückblickend mag diese intensive Debatte um Gotthelf und die Hörspiele von Ernst Balzli in ihrer Vehemenz leicht absurd wirken. Ein Blick auf die jüngsten Debatten um Christopher Nolans Verfilmung «The Odyssey» oder Emerald Fennells «Wuthering Heights» reicht aber aus, um zu sehen, dass wir seit über 70 Jahren im Wesentlichen über die gleichen Fragen streiten, wenn es um Bearbeitungen geht: Wie nah am Original muss eine Bearbeitung bleiben, was darf man abändern, was ist sakrosankt? Und darf man Klassiker überhaupt neu bearbeiten?
Die Fronten verlaufen heute wohl entlang leicht anderer gesellschaftlicher Linien, Gestritten wird nicht mehr im Radio oder per Brief, sondern meist in Kommentarspalten und Internetforen. Geblieben ist neben den Grundfragen aber auch die Tatsache, dass es selten eine einzige korrekte Antwort auf sie gibt – Ambivalenz gehört zur Kultur immer mit dazu.
Unterschiedliche Perspektiven bringen unterschiedliche Ansprüche an solche Werke mit sich: Manchen mag das Original heilig und unantastbar sein. Anderen liegt es vielleicht eher daran, Altes ins Jetzt zu befördern. Und wieder andere möchten einfach gut unterhalten sein.
KioskNews shows a cleaned-up reading view extracted from the publisher’s page — the original always lives on their site, not ours.