Fußball-Nationalmannschaft: Der Kampf um die Talente
Bundestrainer Jürgen Klopp hat mit der Nominierung eines XXL-Kaders für die anstehenden Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nicht nur viele junge Profis glücklich gemacht, sondern auch Einfluss auf die Verbände anderer Länder genommen.
So sorgte die Berufung von Eintracht Frankfurts Stürmer Younes Ebnoutalib bei Klopps marokkanischem Kollegen für leichten Ärger.
Man habe Ebnoutalib "schon seit der letzten Saison" auf dem Schirm gehabt, beklagte Marokkos Nationaltrainer Mohamed Ouahbi. "Er hatte ein für uns interessantes Profil. Ich habe mit ihm telefoniert und ihm das Projekt Marokko erläutert - ohne ihm irgendetwas zu versprechen."

Sollte der 23-Jährige wie erwartet in der UEFA Nations League für das DFB-Team auflaufen, hätte sich die Sache für Marokko erledigt. Ebnoutalib hätte dann in einem Pflichtspiel für Deutschland auf dem Platz gestanden und dürfte anschließend nicht mehr den Verband wechseln.
Mehrere Spieler mit mehreren Optionen
Dass Spieler, die für die deutsche Nationalmannschaft spielen, aufgrund ihrer Herkunft auch für ein anderes Land auflaufen könnten, kommt mittlerweile recht häufig vor. Viele Profis und Talente in den deutschen Profiligen und den Nachwuchsleistungszentren haben einen Migrationshintergrund und entsprechend mehrere Möglichkeiten, was ihre Nationalmannschaftskarriere betrifft.
Allein in Klopps aktuellem 44-Mann-Kader gibt es etliche Spieler, auf die das zutrifft - einige von ihnen sind noch ohne Länderspieleinsatz in einem Pflichtspiel: Vitaly Janelt könnte auch für Tschechien spielen. Sein Vater kam einst als Eishockeyprofi nach Deutschland. Der Vater von Bambasé Conté stammt aus Guinea, Josha Vagnoman hat einen ivorischen Vater.

Torhüter Finn Dahmen hat eine englische Mutter, sein Torwart-Kollege Noah Atubolu nigerianische Wurzeln. Der Vater von Said El Mala stammt aus dem Libanon, Brajan Grudas Vater ist Albaner und spielte einst als Fußball-Nationalspieler für sein Heimatland.
Janelt, Conté, Vagnoman, Dahmen, Atubolu, El Mala und Gruda sind allesamt in Deutschland geboren und aufgewachsen. Alle haben in der Jugend für deutsche Auswahlmannschaften gespielt. Vagnoman hat sogar bereits zwei A-Länderspiele für Deutschland bestritten, aber noch kein Pflichtspiel.
Hoher Anteil von Spielern mit Migrationshintergrund
Betrachtet man den Rest des DFB-Kaders, gibt es etliche etablierte Nationalspieler, die ebenfalls einen Migrationshintergrund besitzen: Felix Nmecha (England), Kevin Schade (Nigeria), Jamal Musiala (Nigeria, England) Karim Adeyeni (Nigeria, Rumänien), Jonathan Tah, Serge Gnabry (Côte d'Ivoire) Malick Thiaw (Senegal, Finnland), Nathaniel Brown (USA), Nadiem Amiri (Afghanistan), Aleksandar Pavlovic (Serbien), Waldemar Anton (Russland), Yann Aurel Bisseck (Kamerun) und Ridle Baku (DR Kongo).

Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist damit ein Spiegel der deutschen Gesellschaft: Laut Statistischem Bundesamt haben von den rund 83 Millionen Einwohnern in Deutschland 21,8 Millionen eine Einwanderungsgeschichte.
"Mehr als 40 Prozent der Kinder in Deutschland, die unter fünf Jahre alt sind, haben einen Migrationshintergrund. Das bedeutet, sie haben später die Möglichkeit für dieses oder jenes Land zu spielen", sagte auch der scheidende DFB-Geschäftsführer Sport Andreas Rettig im Interview mit der Deutschen Welle (DW) vor der Fußball-WM im Sommer.
Für den Deutschen Fußballbund ist es daher völlig normal, mit anderen Verbänden um die in Deutschland geborenen Talente mit Wurzeln oder Elternteilen aus einem anderen Land zu konkurrieren.
DFB verlor mehrfach Qualität
Zuletzt hatte der DFB dabei allerdings öfter mal das Nachsehen. Bestes Beispiel ist Ibrahim Maza von Bayer 04 Leverkusen. Der Sohn eines Algeriers und einer Vietnamesin kam in Berlin zur Welt und wuchs dort auf. Er besitzt neben der deutschen die algerische und die vietnamesische Staatsbürgerschaft.

Der quirlige Mittelfeldspieler bringt vieles mit, was auch dem DFB-Team zum Erfolg verhelfen könnte, er entschied sich aber vor zwei Jahren, für Algeriens Nationalteam aufzulaufen. Für die "Wüstenfüchse" war er beim Afrika-Cup 2025 und bei der WM 2026 im Einsatz.
Ähnlich viel Talent wie bei Maza ging der deutschen Nationalelf bei Paul Wanner und Can Uzun verloren. Wanner, beim FC Bayern München ausgebildetes Toptalent, entschied sich für Österreich, die Heimat seiner Mutter. Can Uzun von Eintracht Frankfurt spielt seit September 2024 für die Türkei. Beide waren mit ihren Nationalteams im Sommer bei der WM dabei.
Klopp kann dem DFB Talente sichern
Hätten Maza, Wanner und Uzun damals ihre Entscheidung anders getroffen, wäre es nicht sehr überraschend gewesen, wenn sie es nun auch in den XXL-Kader von Jürgen Klopp geschafft hätten.
Die Konstellation ist günstig: Zum einen findet nach dem enttäuschenden Abschneiden bei der WM und der Verpflichtung des neuen Bundestrainer ein Umbruch im DFB-Team statt. Hinzu kommt, dass in der anstehenden Länderspielpause erstmals vier statt wie bisher nur zwei Partien gespielt werden.

Klopp hat daher zwei Kader nominiert, die sich nach zwei Spielen abwechseln sollen - entsprechend hoch ist daher auch für jeden Nominierten die Chance auf Einsatzzeiten.
Auch wenn es nicht der Hauptgedanke bei seiner Spielerauswahl gewesen sein mag, hat Klopp es doch in der Hand, in den kommenden Wochen gleich mehrere Top-Talente für den DFB und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft zu sichern.
Die anstehenden Partien in der UEFA Nations League in den Niederlanden, zu Hause und auswärts gegen Griechenland und zu Hause gegen Serbien sind allesamt Pflichtspiele. Wer auch nur eine Minute auf dem Platz steht, hat sich damit bei Deutschland "festgespielt".
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